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Wie Füllmaterial von „Promi Big Brother“

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Kaum ein Angeklagter in Frankfurt wäre ohne seine Taten bekanntgeworden.

Die wenigsten Prominenten, denen in Frankfurt der Prozess gemacht wird, sind aufgrund ihrer Straftaten prominent. Armin Meiwes, der „Kannibale von Rotenburg“, der im Mai 2006 vom Frankfurter Landgericht wegen Mordes und Störung der Totenruhe zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden war, ist eine Ausnahme. Kaum einer hätte je von Meiwes gehört, hätte der nicht irgendwann Artgenossen auf seine Speisekarte gesetzt.

Die meisten Prominenten, die in Frankfurt vor Gericht stehen, sind zudem in den meisten Fällen gar nicht prominent, sondern höchstens so bekannt wie das Füllmaterial von „Promi Big Brother“. Vom Rapper Hassan Annouri, der im Juni dieses Jahres vom Landgericht von der Anklage des versuchten Totschlags freigesprochen worden war, wussten wohl nur die wenigsten, dass er als Mitglied des Projekts „Smash?“ mit dem Song „Nächste Station: Konstablerwache“ in den 90ern einen leidlichen Club-Hit gelandet hatte. Dass Annouri zusammen mit anderen auch noch einen Zeitgeistschuppen gegründet hatte, in dem man sich zeitgleich mit Speis und Trank bewirten, tätowieren, Haare schneiden und Bart gelen lassen kann, machte ihn zusätzlich noch zum „Szenegastronom“.

Ein Etikett, das jetzt auch Jan M. angeheftet wird, aber ehrlich gesagt: Ohne den erfundenen Silvester-Sexmob und die interne Hells-Angels-Schießerei vor seinem Katana-Club wäre M. der breiten Öffentlichkeit in etwa so bekannt wie Schwesta Ewa. Wohl die wenigsten haben ihr 2015 erschienenes Album „Kurwa“ im Plattenschrank, aber als sie im Juni 2017 vom Landgericht wegen Körperverletzung, Steuerhinterziehung und sexueller Verführung Minderjähriger zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt wurde, war der Saal so voll, als säße Madonna höchstpersönlich auf der Anklagebank.

Echte vorherige Prominenz in Anspruch nehmen können eigentlich nur Utz Jürgen Schneider (sechseinhalb Jahre wegen Betrugs, Kreditbetrugs und Urkundenfälschung, Dezember 1997) und Ardi Goldman (zwei Jahre und acht Monate wegen Bestechung im geschäftlichen Verkehr, November 2015).

Promis im großen Saal

Beide hatten sich zuvor als Immobilienunternehmer einen Namen gemacht, und neben ihrer Prominenz war wohl auch die überraschende Erkenntnis, dass selbst der Immobilienhandel in Frankfurt sich nicht immer am Strafgesetzbuch orientiert, Grund für das enorme Zuschauerinteresse gewesen sein. Bei Goldman kam erschwerend hinzu, dass sein langjähriger Geschäftspartner Jürgen Harder, schwerreicher Baulöwe und Lebensgefährte der in der Tat prominenten Ex-Schwimmerin Franziska van Almsick, neben ihm auf der Anklagebank saß.

Bislang galt in Frankfurt die ungeschriebene Regel, dass wegen des regen Interesses gegen Prominente in einem großen Saal verhandelt wird – so auch bei Jan M. Im Falle des Hamburger Millionenerben Alexander Falk, gegen den gegenwärtig wegen versuchten Auftrags zum Mord an einem Frankfurter Rechtsanwalt verhandelt wird, hat das Landgericht mit dieser Tradition allerdings gebrochen. Gegen Falk wird in einer Art Besenkammer verhandelt, die nicht mal einen Bruchteil der Interessierten aufnehmen kann.

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