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Führungswechsel im Frankfurter Diakoniezentrum Weser 5

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Von: Steven Micksch

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Jürgen Mühlfeld geht, Katrin Wilhelm übernimmt die Leitung in der Weser 5.
Jürgen Mühlfeld geht, Katrin Wilhelm übernimmt die Leitung in der Weser 5. © Monika Müller

Der Leiter der Frankfurter Obdachloseneinrichtung Weser 5, Jürgen Mühlfeld, geht in den Ruhestand, Nachfolgerin Katrin Wilhelm möchte die Vernetzung im Bahnhofsviertel noch mehr ausbauen.

Ein paar Tage hat Jürgen Mühlfeld noch vor sich im Frankfurter Diakoniezentrum „Weser 5“. An den bevorstehenden Ruhestand denkt der 60-Jährige dabei noch kaum. „Ich bin noch sehr eingespannt“, sagt er. Zu schnell vergingen die Tage, der Arbeitsalltag im Zentrum muss weiter organisiert werden, der Konvektomat für die Küche noch gekauft und seine Nachfolgerin optimal eingearbeitet werden. Das Thema Abschied habe er dabei eher verdrängt. Immerhin habe er schon überlegt, was er bei seiner Verabschiedung am 21. Juni sagen will.

Mühlfeld war sechs Jahre lang Leiter der Einrichtung der Wohnungslosenhilfe in der Weserstraße. Zuvor war der Diplom-Sozialpädagoge 15 Jahre lang in der Sozialarbeit bei einem anderen Träger tätig. Er und sein Team knüpften Kontakte in die Nachbarschaft, um die Arbeit des Diakoniezentrums mit Tagestreff, sozialer Beratungsstelle, Straßensozialarbeit und Männerwohnheim vorzustellen. Die Weser 5 entwickelte sich unter Mühlfeld weiter, und doch lässt er schweren Herzens auch offene Baustellen zurück.

„Wir wollten gern die räumlichen Bedingungen der Fahrradwerkstatt verbessern.“ Dazu müsste der Service, der gebrauchte Räder aufbereitet, nach außen verlagert werden. Bisher konnte das noch nicht realisiert werden. „Das Projekt ist ausbaufähig und -würdig“, sagt Mühlfeld. Denn die ökologischen und gesundheitlichen Aspekte für Klientel und Umwelt stächen hervor.

Die Werkstatt ist ein Projekt, das seine Nachfolgerin Katrin Wilhelm nun fortführen kann. Die 42-Jährige ist seit Herbst 2020 als Diplom-Sozialarbeiterin in der Beratungsstelle und der Straßensozialarbeit in der Weser 5 tätig. Sie kennt also schon einige Abläufe und bringt aus früheren Tätigkeiten bereits Leitungserfahrung mit. Allerdings gibt sie zu, dass die Leitungsarbeit in der Weser 5 sehr umfangreich sei und viele Bereiche umfasse. „Das Zentrum ist Teil der Struktur des Bahnhofsviertels. Es wird wichtig sein, uns noch besser im Viertel zu vernetzen“, sagt die Frankfurterin. So müssen Wohnungslosenhilfe und Drogenhilfe besser verknüpft sein, weil die Klientel teilweise beide Hilfesysteme nutze.

Für Mühlfeld ist Wilhelm ein Glücksfall. Ihre Vertrautheit mit den Strukturen und ihre Erfahrung würden dafür sorgen, dass es keinen Bruch gebe. „Ich bin froh, dass sie den Job übernimmt.“ Beide sind der Meinung, dass im Koalitionsvertrag der aktuellen Stadtregierung viele gute Vorhaben stehen, bei denen es nun entscheidend sei, was umgesetzt werde.

Diakoniezentrum

Das Weser 5 bietet wohnungs- und obdachlosen Menschen Unterstützung an.

Es gibt einen Tagestreff und Sozialberatung, ein Übergangswohnhaus und eine Notübernachtung, Straßensozialarbeit in der Stadt und am Flughafen sowie eine Anlaufstelle für neu zugewanderte EU-Bürger:innen.

Bis zu 200 Menschen kommen täglich in den Tagestreff am Turm der Weißfrauen-Diakoniekirche. Die Notübernachtung hat acht Plätze, das Übergangswohnhaus zurzeit 36 Schlafplätze. mic

Ein Beispiel sei sicherlich das Stichwort „Housing First“. Dadurch konnte etwa die Diakonie zwölf Wohnungen direkt an wohnungslose Menschen vergeben. Dadurch würden sie eine Wohnung bekommen, auf die sie bei direkter Konkurrenz mit anderen Menschen kaum eine Chance hätten. Nun müsse geschaut werden, wo es mehr solche Kontingente geben könnte.

Wilhelm plädiert dafür, stärker auf integrative Wohnformen zu setzen, um wohnungslosen Menschen eine Integration zu ermöglichen. Für viele sei eine Großunterkunft eine Belastung. Auch sie bräuchten ein eigenes Zuhause mit Rückzugsraum und Privatsphäre – kurzum: humane Unterkünfte.

Mühlfeld sieht großen Verbesserungsbedarf beim Errichten und Vermitteln von Sozialwohnungen. Hier müssten seine Klient:innen ganz unten beginnen, um eine Wohnung zu bekommen. Die Vermieterseite habe das letzte Wort und entscheide sich natürlich nicht allzu häufig für Wohnungslose. Trotz aller Umstände sei es im vergangenen Jahr gelungen, 18 Männer vermittelt zu bekommen. Ein Spitzenergebnis, auf das Mühlfeld stolz ist.

Seine Nachfolgerin plädiert dafür, im niedrigschwelligen Bereich in der Wohnungslosenhilfe mehr zu tun. Besonders Frauen und Menschen mit psychischen Erkrankungen bräuchten mehr ergänzende Angebote und vor allem Unterkunftsmöglichkeiten. Mühlfeld bestätigt dies: „Es braucht Wohnheime, in denen die Menschen zur Ruhe kommen können.“

Katrin Wilhelm macht sich bereits wieder Gedanken über die Situation wohnungsloser Menschen im Herbst und Winter. Sollte es dann wieder Corona-Beschränkungen geben, drohe der Klientel erneut eine sehr schwierige Zeit. „Es muss Möglichkeiten des Aufenthalts geben, deshalb muss man die Zugänge anders regeln.“ Auch bei der Winterübernachtung sollte man den Mut haben, neue Dinge auszuprobieren, findet sie. Menschen mit psychischen Problemen bräuchten andere, individuellere Hilfsangebote und andere Möglichkeiten. „Man muss dort neue Wege denken.“

Jürgen Mühlfeld wird die Wohnungslosenhilfe sicherlich weiter beobachten. Wenn auch von nun an eher aus der Ferne. Nach seinem Abschied werde er erst mal entspannen und runterkommen, sagt der Sozialpädagoge. Für das kommende Jahr habe er eine große Fahrradreise mit seiner Frau nach Griechenland geplant. Und auch um das Wohnprojekt in Darmstadt, in dem er lebt, möchte er sich kümmern.

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