Die FR hat eine Gruppe von Leserinnen und Lesern zur Führung in die Paulskirche eingeladen.
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Die FR hat eine Gruppe von Leserinnen und Lesern zur Führung in die Paulskirche eingeladen.

Paulskirche

Führung durch die Paulskirche: Ein Gebäude mit Moral

  • Florian Leclerc
    VonFlorian Leclerc
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Die FR hat ein neues Geschichtsheft veröffentlicht: „Demokratie made in Frankfurt“ über die Paulskirche. Zum Auftakt führt Kurator Philipp Sturm die Leserschaft durch die Paulskirche.

Der Glühweintrubel auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt hat schon begonnen, als sich die Leserinnen und Leser der Frankfurter Rundschau vor der Paulskirche treffen. Kühl ist es, die Hände stecken in den Taschen, während sie durch den schmalen Eingang der Paulskirche in die dunkle Wandelhalle laufen. Nargess Eskandari-Grünberg geht voran. Die Fotografin bittet die Gruppe wegen der Helligkeit in den hellen Saal hinaufzugehen – aus dem „Niedern, Halbdunkeln, Ertragenden“ ins „Hohe, Lichte und Freie“ sozusagen.

Bevor die kommissarische Oberbürgermeisterin Eskandari-Grünberg Neuigkeiten über die Paulskirche verrät und Philipp Sturm, freier Kurator in Deutschen Architekturmuseum, die Baugeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg zusammenfasst, ist Zeit für ein Gruppenfoto.

DAM-Kurator Philipp Sturm weiß viel über die Historie des Gebäudes.

Vor zwei Wochen sei sie bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gewesen, erzählt Eskandari-Grünberg, und da habe sie ihn als Schirmherrn gewonnen. Für die 175-Jahr-Feier zur Nationalversammlung in der Paulskirche, die am 18. Mai 2023 mit einem Festakt zelebriert wird. Und für das dreitägige Programm der Stadt. „Wir machen 150 Veranstaltungen“, sagt Eskandari-Grünberg. Eine Rekonstruktion der Paulskirche sei vom Tisch. Das Gebäude werde von außen saniert und innen leicht verändert. „Wir wünschen uns zum Beispiel, dass die Bestuhlung flexibler wird.“ Die ist momentan festgeschraubt. Will ein Mensch raus, müssen alle in der Reihe aufstehen.

Eine flexible Bestuhlung – das kann Kurator Philipp Sturm nachvollziehen. Eine Rückkehr zur Paulskirche von 1848 hingegen nicht. „Wir wollten einen Pflock einschlagen für die Nachkriegsmoderne“, sagt er, als er über die DAM-Ausstellung zur Paulskirche von 2019 spricht. Das Gebäude von 1848 zu rekonstruieren, hieße das Gebäude von 1948 abzureißen.

DIE REIHE

Das aktuelle Heft „Demokratie - made in Frankfurt“ erscheint zum Paulskirchen-Jubiläum: Vor 175 Jahren tagte 1848 die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt. Das Heft ist als 11. Band der Reihe FR-Geschichte ab sofort in gut sortierten Buchhandlungen und in unserem Onlineshop erhältlich (siehe unten). Das Magazin hat 98 Seiten und kostet 8,90 Euro.

Ältere Hefte der Reihe können Sie ebenfalls noch bestellen. In diesen geht es um: „Frankfurt 1969 bis 1990“, „Die 80er Jahre in Frankfurt“, „Unser Main“, „Die neue Altstadt“ und zuletzt „Jüdisches Leben in Frankfurt“ und „Frankfurter Tatorte“. Vier weitere Ausgaben sind vergriffen. FR

Bestellbar sind die Hefte im Onlineshop. Die Magazine kosten zwischen 4,95 und 8,90 Euro. Sie finden sie unter: magazine.fr.de

Das FR-Geschichtsheft.

Philipp Sturm hält Fotos in die Höhe. Eins von der Paulskirche mit den steilen Dach vor dem Zweiten Weltkrieg. Noch eines von der Bauruine. Quasi ein „riesiges Rund aus nackten ausgeglühten Steinen von einer beinahe römischen Gewaltsamkeit“. So empfand es Rudolf Schwarz, der Kölner Kirchenbaumeister, der von der Stadt mit dem Neubau beauftragt wurde. In einer Planungsgemeinschaft mit Stadtbaumeister Eugen Blanck und den Architekten Gottlob Schaupp und Johannes Krahn.

Sie machten die Paulskirche zu einer moralischen Parabel. Die Architektur sollte darstellen, wie die Deutschen aus dem „Niedern, Halbdunkeln, Ertragenden“ von Krieg und Nationalsozialismus ins „Hohe, Lichte und Freie“ der jungen Demokratie aufsteigen sollten (das Zitat, auch am Textanfang, stammt von Rudolf Schwarz).

Stefan Kuhn, FR-Ressortleiter für Frankfurt und die Region, und Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg begrüßten die Gäste.

Auch habe die Planungsgemeinschaft die Paulskirche von 1848 spielerisch zitiert, sagt Sturm. So seien die Lichtstränge an den Stellen angebracht, wo früher die Säulen standen, die das Gebäude trugen. Die Lichtstränge endeten auf der Höhe, wo einst eine Empore für Zuschauerinnen und Zuschauer gewesen sei, weiß er. Das ist nur einige Meter über den Köpfen der FR-Leserinnen und -Leser. Wie kann das sein? „Die Proportionen sind anders, weil mit der Wandelhalle ein weiteres Geschoss hinzukam“, sagt Sturm.

Die Geländer wurden aus Aluminium für Flugzeuge aus der NS-Zeit gefertigt, weiß Kurator Philipp Sturm.

Beredet beantwortet er die Fragen der Leserinnen und Leser zum Dach, der Bestuhlung und dem Haus der Demokratie, das nahe der Paulskirche geplant ist. Im Frühjahr will eine Expertenkommission von Bund, Land und Stadt eine Empfehlung zur Sanierung der Paulskirche und zum Haus der Demokratie abgeben. Wann das Haus der Demokratie gebaut wird? Da zuckt Philipp Sturm mit den Schultern.

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