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Die Winterung beginnt: Besuch beim humoristischen Bund der Schlaraffia Francofurta.

Schlaraffia Francofurta in Frankfurt

Künstler für einen Abend

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Die Männer der Schlaraffia Francofurta Frankfurt treffen sich wöchentlich zu einer Art kulturellem Lustspiel.

Friedrich Nietzsche hat es treffend formuliert: „Im echten Manne ist ein Kind versteckt; das will spielen.“ Wer dem Philosophen nicht glaubt, sollte mal bei einer Sitzung des Männerbunds Schlaraffia Francofurta in Oberrad vorbeischauen. Dort trifft sich von Oktober bis April eine Gruppe gestandener Mannsbilder aus Frankfurt und Umgebung einmal die Woche zu einem vergnüglichen Spiel. Sie verkleiden sich, deklamieren Verse und erfreuen sich an Trank und Beisammensein, Kunst und Kultur. Kurzum: Sie haben einen Riesenspaß.

Um 20 Uhr beginnt die Sitzung, bereits ab 18.30 Uhr trudeln die Schlaraffen in ihrer Burg ein, dem alten Oberräder Bahnhof. „Lulu“ begrüßen sie sich herzlich. „Lulu“ ist ein Vielzweckwort. Außer zum Gruß dient es als Ausdruck der Zustimmung und der Freude. Entsprechend oft ist es zu hören. Heute leitet Ritter Ruf die Sitzung. Der heißt eigentlich Michael Crone, ist Professor und Doktor und gerne auch mal ein bisschen albern. In einem ganz fest reglementierten Setting natürlich. 

„Es ist ein Spiel“, sagt Crone. Es gibt Regeln für Wortmeldungen, ein ausuferndes Sitzungsprotokoll, diverse Rituale, Orden für Ansprachen. Und: Der Sitzungsleiter hat immer Recht – was eventuellen Streitigkeiten ein machtvolles Regulativ entgegensetzt. „Wenn er sagt, das Wasser fließt den Berg hinauf, dann ist das so“, sagt Crone. Auch hilfreich: Themen wie Politik oder Religion sind verboten. Vermutlich, weil dort das Wasser tatsächlich sonderbare Verhaltensweisen annehmen kann. Aber auch, weil sich die Gespräche ja um die schönen Künste drehen sollen. 

Wenn es doch Zwist gibt, dann von spielerischer Natur. Die Kontrahenten sind verfehdet, Versöhnung ist nur nach lyrischem Rededuell möglich. Jugendliche nennen so etwas Battle-Rap. Bei den Senioren geht es förmlicher zu. Wer gerade wen befehdet, ist fein säuberlich auf einer Tafel vermerkt. Ritter Ulliver geht gleich in zwei Duelle. Gar nicht Lulu. Oder doch, weil vergnüglich. 

Eine Auszeit vom Alltag

Ringrichter ist das Auditorium. Ulliver ist ein harter Gegner. Seine Zunge ist scharf, seine Reime und Schmähungen originell. Der Frage eines Besuchers, wohin er sich setzen dürfe, entgegnet der Kämpe: „Unterm Tisch ist noch Platz.“ Und es dauert recht lange, bis er hernach lächelt, um den Scherz zu signalisieren. Dennoch gewinnt er nur eines seiner Reimduelle. Einer der Kontrahenten schlägt ihn mit einem sehr poetischen Vortrag.

„Man reitet durch das Burgtor und legt die profane Schlacke ab“, sagt Vereinssprecher Horst Hilling. Was so viel heißt wie: eine Auszeit vom Alltag nehmen. Die Teilnehmer wähnen sich in einer anderen Welt. Sie ziehen sich lange Mäntel an, setzen ein Barrett auf nehmen das Holzschwert in die Hand. Das klingt Lulu. Das Ganze ist aber kein kindischer Klamauk, auch keine verkehrte Welt wie beim Karneval. Der Schlaraffenabend ist eher festlich gediegenes Kulturevent. Das zeigt schon die Kleidung unter den Rittergewändern: Schwarze Schuhe, Anzug, Hemd, Krawatte.

Besucher zu Künstlern, Dichtern oder Musikern

Deutsche Schauspieler haben den Schlaraffenbund 1859 in Prag gegründet. Voller Adrenalin nach der Aufführung wussten sie in ihrem Übermut nicht, wohin. Die Tavernen machten irgendwann zu, ein eigener Stammtisch musste her. Aber sitzen und trinken wurde ihnen langweilig. Sie fingen an, sich mit Liedern, Gedichten und Vorträgen zu unterhalten. „Das waren Künstler“, sagt Hilling. Vielleicht erklärt das, warum sich der Stammtisch inzwischen auf der ganzen Welt etabliert hat. Für einen Abend werden die Besucher zu Künstlern, zu Dichtern oder Musikern, „leben Dinge aus, die in der Profanie nicht möglich sind“, sagt Hilling. Im Alltag, im Beruf. 12 000 Schlaraffen treffen sich regelmäßig zum Spiel, an 261 Orten, in Europa aber auch in Übersee. In Mainz, Darmstadt, Bad Nauheim, in Kapstadt, San Francisco, Rio de Janeiro. Die Schlaraffen besuchen einander gerne. Und die Regeln sind überall gleich, die Sprache ist immer Deutsch. Egal wo, Schlaraffen können immer mitspielen. „Man ist sofort unter Freunden“, sagt Hilling. 

Heute ist unter anderem Ritter Rami vom 2. Hieb in die Oberräder Burg eingeritten. Nicht zu Pferd, aber immerhin mit großem Zeremoniell, durch ein Spalier von Männern mit Holzschwertern. Er begrüßt den Vorsitzenden in bestem Wienerisch. „Haben wir keinen Übersetzer da?“, fragt Ritter Ulliver launig.

Den Frankfurter Ableger der Schlaraffen  gibt es seit 1885. Nach langer Wanderschaft durch verschiedene Lokale wurde der Verein in den 1970ern im alten Oberräder Bahnhof sesshaft geworden. Anfang der 80er, erinnert sich Michael Crone, haben die Schlaraffen das Gebäude gekauft. Ein Glücksfall, regelrecht Lulu. Niemand kann den Hausherren reinreden, wie sie ihre Burg einrichten. Mit Holz natürlich, gemütlich, die Wände voller Wappen. Mit farbigen Bildern auf Glasfenstern, fast wie in einer Kirche, nur etwas bunter. Das obere Stockwerk hat der Verein vermietet, das deckt die laufenden Kosten.

Das Durchschnittsalter der 45 Vereinsmitglieder ist nicht gerade jugendlich. Der Jüngste ist um die 40, der Älteste 90 Jahre alt. Andererseits: Schlaraffe zu sein hält geistig fit bis ins hohe Alter, sagt Hilling. Das sei in einer wissenschaftlichen Arbeit auch glaubhaft dokumentiert. Mitglieder rekrutieren die Schlaraffen meist über Freunde oder Verwandte. Diesmal haben sich gleich drei sogenannte Pilger, also Schnuppergäste, eingefunden. Die Idee, einfach mal aus dem Alltag auszubüchsen, habe ihn angesprochen, sagt einer. 

Kunst, Humor und Freundschaft

„Wir sind kein Geheimbund“, sagt Crone. Gäste sind willkommen, dreimal dürfen sie den Pilgerhut aufsetzen und zuschauen, danach entscheiden sie, ob sie beitreten. Allerdings entscheiden auch die Schlaraffen, ob sie die Pilger aufnehmen, als Knappen. „Die Chemie muss stimmen“, sagt Hilling. Drei Begriffe sind elementar fürs Clubleben: Kunst, Humor und Freundschaft. „Der Freund hört dem Freund zu, auch wenn es mal anstrengend wird.“ Es geht um den Respekt vor dem Einzelnen. Außerdem sind Schlaraffen kulturinteressiert.

Thema des heutigen Abends ist das Werk und Wirken des Operetten-Komponisten Franz Lehár. Ritter Aulenspiegel, der Klaviermeister, hat aber aus Versehen ein Beethoven-Lied vorbereitet. Probleme mit der Programm-Kommunikation über das Internet. Natürlich darf er das Lied trotzdem vortragen, Schlaraffen sind höflich. Aber er hält auch ein Kurzreferat zu Lehár. Aus dem Stegreif. Sehr Lulu.  

Frauen bei den Sitzungen nicht zugelassen  

Und: Schlaraffen sind Männer. Frauen sind bei den Sitzungen nicht zugelassen, bis auf die Servicekraft, die Getränke bringt. Es sei oft diskutiert worden, ob Frauen im Verein zugelassen sein sollen, sagen die Oberschlaraffen. Außerhalb der Sitzungen unternimmt die Männerclique viel mit Frauen und Familie, in der Sommersaison etwa. Aber nie diskutiert haben sie, ob Frauen an den Sitzungen teilnehmen dürfen. Ein Tabu.

„Die Männer können hier so sein wie sie sind“, versucht Hilling zu erklären. Wenn Frauen dabei wären, „stellt sich bei den Männern der Hahnenkamm, jeder will glänzen“. Aber gerade das machen die Herren auch ohne anwesende Damen. Wenn sie versuchen, sich mit Worten gegenseitig zu beeindrucken.

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