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Sie machen Stadträtin Rosemarie Heilig Hoffnung: demonstrierende Schülerinnen und Schüler bei „Fridays for Future“.

Gastbeitrag von Rosemarie Heilig

Fridays for Future: Schule oder Straße?

Der Biounterricht ist wichtig. Die spannenden Fragen aber liegen auf der Straße, schreibt die Frankfurter Umweltdezernentin im Gastbeitrag.

Schule oder Straße – ist das hier die Frage? Es gibt Dinge, die lernen wir im Biologieunterricht. Und es gibt Dinge, die lernen wir woanders, nämlich im öffentlichen Raum. Denn diese Dinge bekommen ihre gesellschaftliche Relevanz erst im strittigen Diskurs – und auf Druck der Straße.

Im Biologieunterricht lernen wir die Ursachen des Klimawandels zu verstehen und seine dramatischen Auswirkungen auf die Natur nachzuvollziehen. Wissenschaftliche Erkenntnisse und fundierte Beobachtung: Das sind die Voraussetzungen dafür, sich selbst ein Urteil bilden zu können. Als Biologin bin ich mir der Notwendigkeit, auf schulischem und universitärem Wissen aufzubauen, durchaus bewusst.

Im öffentlichen Diskurs allerdings erfahren wir ein weiteres: Wie mit diesen Erkenntnissen umgegangen wird. Oder gar wie diese aus ideologischer Verblendung negiert werden.

Da gibt es diejenigen, die wissenschaftliche Erkenntnisse zur Glaubensfrage machen. Diejenigen, die sagen, man glaube nicht an den Klimawandel. Und wenn es eine Veränderung gäbe, dann glaube man nicht daran, dass der Klimawandel etwas mit dem Verhalten des Menschen zu tun habe, man ihn deshalb auch nicht bekämpfen könne. Doch wissenschaftliche Erkenntnisse sind keine Glaubensfragen, die gehören in den Religionsunterricht.

Was nicht ins Weltbild passt, ist konspirativ

Der Programmteil der AfD zur Klimapolitik erklärt insofern nicht nur die Alternativen zur bisherigen Energiepolitik für falsch – worüber man ja unter kultivierten Menschen streiten kann –, sondern leugnet zugleich sämtliche Messergebnisse und Erkenntnisse von wissenschaftlichen Institutionen auf der Welt. Lügenpresse, Lügenergebnisse, Lügenwissenschaften. „Der von Menschen verursachte Klimawandel ist nicht vorhanden“ – konstatiert eine Partei genauso entschieden wie der US-amerikanische Präsident. Alles, was nicht ins Weltbild passt, ist konspirativ. So viel zu den Ewiggestrigen.

In der öffentlichen Debatte gilt es, sich besonders mit denen auseinanderzusetzen, die zwar um die Folgen des Klimawandels wissen, aber nicht handeln, weil sie vor den Interessen der Lobbyisten einknicken. Da werden in Paris Beschlüsse gefasst, die schon ihre Kraft verlieren, wenn die Delegationen noch auf dem Heimflug sind.

Wir erinnern uns gerne an die zauberhaften Bilder von Angela Merkel und Barack Obama auf einer Holzbank im Voralpenland. Gerade hatten sie die „Dekarbonisierung“ als Ziel ausgegeben, denn das Klima kann nur gerettet werden, wenn Kohle für immer in der Erde bleibt. Tatsächlich haben deutsche Energiekonzerne diesen Winter mehr Braunkohlestrom ins Ausland exportiert als jemals zuvor. Und das letzte Kohlekraftwerk soll erst 2038 schließen, wenn die Lausitz dann vielleicht auch mal schnelles Internet hat.

Während Angela Merkel lobt, werden parallel die Klimaziele kassiert

Die Kanzlerin lobt in freundlichsten Worten das Engagement der Schülerinnen und Schüler, parallel wird das eigene Klimaziel für 2020 der Bundesregierung kassiert. Denn für die nächste Etappe 2030 bräuchte man auch eine Verkehrswende und einen Neuanfang in der Landwirtschaft. Die Bundesregierung redet gerne von Zukunft und künstlicher Intelligenz. Doch Deutschland exportierte in der Vergangenheit Mastschweine, Braunkohlestrom und automobile Dinosaurier. Welche Schulklasse will sich von so einem Musterschüler im Klimaschutz noch etwas sagen lassen?

Und schon gar nichts sagen lassen will man sich von den ganz Arroganten. Denjenigen, die von oben herab der Schülerschaft empfehlen, den Klimawandel doch den „Profis“ zu überlassen. Jenen Profis also, von denen die Lindners dieser Welt reden, die professionell Abgaswerte manipulieren und dann die Kosten auf die Bürger abwälzen. Die wirklichen Profis aus Wissenschaft und Forschung stehen längst auf Seiten der jungen Leute, die freitags ihr Wissen außerhalb der Schulräume erweitern. Die Amateure sind doch eher die, die blindlings auf die Katastrophe der Erderwärmung zusteuern.

Schulweisheiten sind wichtig und notwendig. Erkenntnis und Wissen hat aber oft nur dann Konsequenzen, wenn man ihnen mit öffentlichem Druck Bedeutung verleiht. Und ich bin froh, dass die heutige Schüler*innen-Generation das genauso sieht. Wir lernen in der Schule und lernen auf der Straße für eine lebenswerte Zukunft. Auch freitags !

Es ist aber, und das macht es so spannend, kein reines Projekt einer jungen Generation: Die Volksinitiative „Rettet die Bienen“ in Bayern hat nun gezeigt, dass auch der Verlust der Artenvielfalt viele Bürgerinnen und Bürger sehr stark bewegt. Hier stand die Enkelgeneration gemeinsam mit den Großeltern Schlange vor den Rathäusern, um sich in die Listen für eine bunte, vielfältige Landschaft einzutragen. Das Volksbegehren gibt Wissenschaftlern und Fachleuten Auftrieb, die sich seit vielen Jahren mit dem Thema Biodiversität befassen. Ihre Botschaft ist angekommen!

Naturschutz ist kein Orchideenthema mehr

Naturschutz ist längst kein „Orchideenthema“ mehr. Lange galt der Artenschutz in politischen Entscheidungsprozessen als eine Art Appendix, um den man sich halt auch noch kümmern musste, wenn die eigentliche Entscheidung schon gefallen war und der bedrohte Feldhamster dann nur noch als Störenfried galt. Das hat sich geändert und macht mich zuversichtlich, auch wenn die Strecke von der Einsicht bis zum entschiedenen Handeln leider meist sehr lang ist.

Die Frage also bleibt, stehen wir am Beginn einer neuen, weltweiten Bewegung mit nachhaltiger Wirkung? Die Parallele zu 68 wird ja eifrig diskutiert.

Aber bis ein Thema tatsächlich von einem kurzzeitigen Aufreger zu realen politischen Veränderungen taugt, braucht es einen langen Atem und eine noch viel tiefer und nachhaltiger in die Gesellschaft wirkende Debatte. Sie muss da geführt werden, wo sie für Bewegung sorgt, im Unterricht, auf der Straße und in den Netzwerken.

Ob und wie sich diese Bewegung einmal politisch organisiert, dafür sollte man ihr Zeit lassen. Empfehlungen oder gar Instrumentalisierung auch von denen, die es nur gut meinen, sind da wenig hilfreich. Unzeitgemäße Organisationsdebatten können einer Bewegung die Wirkung nehmen. Das zeigte sich schon 68.

Es sieht aber so aus, dass die Schülerinnen und Schüler klug genug sind, sich auf das zu besinnen, was nachhaltig politisch bewegt. Die Lust am öffentlichen Streit, der durchaus auch mal die Frage stellt, welches Lernen zu welcher Zeit produktiver ist: das Lernen in der Schule oder das Lernen außerhalb, wo Erkenntnis und öffentliches Handeln in Beziehung gesetzt und kampfeslustig hinterfragt werden. Das macht Hoffnung.

Rosemarie Heilig (Grüne) ist seit 2012 Umweltdezernentin der Stadt Frankfurt.

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