Klimaproteste

Fridays for Future erhebt schwere Vorwürfe gegen Polizei: „Ich hatte richtig Angst“

Fridays for Future in Frankfurt: Vergangene Woche gab es Sitzblockaden im Weihnachtstrubel.  

Beim globalen Aktionstag der Fridays for Future haben Polizisten einen 15-Jährigen kontrolliert. Der Jugendliche fühlt sich jetzt massiv eingeschüchtert.

Man merkt ihm die Anspannung noch deutlich an. Der 15-Jährige, der in diesem Text Felix heißen soll, weil er nicht möchte, dass sein richtiger Name bekannt wird, redet schnell und trinkt immer wieder große Schlucke von seiner Cola. 

Je länger er erzählt, desto dunkler verfärben sich seine Wangen. Vor genau einer Woche hat Felix, so berichtet er es, schlimme Angst ausgestanden. „Danach hab ich es nicht mal mehr geschafft, mein Geld in den Fahrkartenautomaten zu stecken“, sagt er. „Meine Hand hat zu sehr gezittert.“

Frankfurt: Fridays for Future Demo – Junge Menschen strömen auf die Zeil

Vor genau einer Woche hat Felix sich an den Protesten der Fridays for Future auf der Zeil beteiligt. Es war kein gewöhnlicher Freitag für die Protestbewegung, die seit einem Jahr jede Woche für mehr Klimaschutz auf die Straße geht. Weltweit demonstrierten an diesem Aktionstag Hunderttausende, und am Main wollten die jungen Aktivistinnen und Aktivisten einen Schritt weiter gehen: Nicht nur demonstrieren und an die Politik appellieren, sondern mal aktiv nerven.

Hunderte junger Menschen zogen mit zwei Demonstrationen durch die Stadt und strömten dann auf die Zeil. Die Fridays for Future wollten die Eingänge einiger Geschäfte blockieren, um daran zu erinnern, dass Kaufrausch und Konsum aus ihrer Sicht einiges mit der globalen Erwärmung zu tun haben.

Einige Geschäfte auf der Zeil in Frankfurt wurden beim Fridays for Future Aktionstag blockiert – unter anderem der Primark.

Vor Ort entwickelten die Proteste dann aber eine ziemliche Eigendynamik, es gab spontane Blockaden vor vielen Läden, es kam zu Gerangel mit Kunden, die die Proteste gar nicht verstanden. Teils kam es zu unschönen Szenen und körperlichen Auseinandersetzungen.

In Frankfurt: Gerangel bei McDonald’s auf Klima-Demo

Und Felix mittendrin. Er war schon oft bei den Demonstrationen der Fridays for Future, sagt er, und an diesem trubeligen Freitag habe er bald gemerkt, dass das Vorgehen der eingesetzten Polizisten immer rabiater wurde.

Vorm McDonald’s an der Konstablerwache, wo Aktivistinnen und Aktivisten mit Kundinnen und Kunden aneinandergerieten, seien Beamte massiv gegen Jugendliche vorgegangen, die den Eingang blockierten. Er habe daraufhin sein Handy gezückt und begonnen, die Polizisten zu filmen.

Polizei-Kontrolle auf Klima-Demo in Frankfurt: Jugendlicher wird in Gasse geführt

Kurz vor 17 Uhr, sagt der 15-Jährige, sei er dann an der Konstablerwache zur U-Bahn gelaufen. Aber er kam nicht weit. So wie der 15-Jährige es schildert, packten ihn mehrere Polizisten ohne Vorwarnung von hinten. Die Beamten hätten ihm die Arme auf den Rücken gedreht, einer habe ihm eine Hand zwischen die Schulterblätter gedrückt, einer seinen Kopf festgehalten. So eingeklemmt hätten sie ihn in eine Seitengasse geführt. „Es hat wirklich weh getan“, sagt Felix. „Ich habe kaum noch was gesehen.“

Kurz darauf sei er dann von 15 Polizisten in Kampfmontur umringt gewesen, berichtet Felix. Beamte in Zivil hätten ihm gesagt, ihm werde die Verletzung des Rechts am eigenen Bild, Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Vermummung vorgeworfen. Er habe nicht gewusst, wie ihm geschieht, habe sich eingeschüchtert und bedroht gefühlt. Unter dem Druck habe er alle Fragen der Polizisten beantwortet, etwa zu den Berufen seiner Eltern.

Klima-Demo in Frankfurt: Jugendlicher wirft Polizei massive Einschüchterung vor

Und weil die Beamten ihm gesagt hätten, man könne auch richtig Ärger kriegen und mal eine Nacht in der Zelle auf der Wache verbringen, habe er sich von allen Seiten fotografieren lassen – auch mit seinem Schal vor dem Gesicht. „Ich hatte richtig Angst“, sagt Felix. Außerdem habe er den Beamten sein entsperrtes Handy gereicht. Die Polizisten hätten daraufhin alle Videos und Fotos von dem Tag gelöscht und sogar überprüft, ob er sie per Whatsapp verschickt hatte. Sie hätten vielleicht Sorge gehabt, dass seine Filme unnötige Gewaltanwendung zeigen könnten, vermutet Felix.

Am Ende hätten die Beamten dann noch alle Flugblätter und Aufkleber in seinem Rucksack beschlagnahmt und ihm gesagt, er sei jetzt bei ihnen als „gewaltbereiter Linksextremist“ bekannt und solle sich lieber nicht mehr auf linksextremistischen Demos blicken lassen. „Das hat mich richtig aufgeregt“, sagt Felix. Die Fridays for Future und er hätten mit Extremismus nichts zu tun.

Frankfurt: Nach Vorwürfen auf Klima-Demo werden Fragen an die Polizei laut

Neben dem Löschen seiner Fotos ärgert Felix im Nachhinein vor allem, dass bei der Kontrolle von Körperverletzung und Vermummung die Rede gewesen sei. Er habe keine Gewalt angewendet und lediglich eine Kapuze und einen Schal getragen, sagt Felix. Und er finde es anmaßend, dass die Beamten ihm nahegelegt hätten, sich nicht mehr an Demonstrationen zu beteiligen. Das könne ihm niemand verbieten.

Nicht das erste Mal werden nach einer Klima-Demo Vorwürfe gegen die Polizei Frankfurt laut. Bereits im September wurden Frankfurter Polizisten von Aktivisten stark kritisiert.

Nachfrage bei der Polizei. Eine Sprecherin bestätigt die Kontrolle eines 15-Jährigen an dem Tag, es sei dabei um Vermummung auf einer Demonstration gegangen. Wegen dieses Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz werde auch weiterhin gegen den Jugendlichen ermittelt. Weitere Vorwürfe gegen ihn gebe es nicht. 

Dass er Polizisten im Einsatz gefilmt habe, habe der 15-Jährige von sich aus erzählt – und die Aufnahmen dann auch freiwillig selbst gelöscht, nachdem die Beamten ihn dazu aufgefordert hätten. Was auf den Fotos und Videos zu sehen sei, sei nicht mehr nachzuvollziehen.

Klima-Demo in Frankfurt: Polizei wehrt sich gegen Vorwürfe von einem Jugendlichen 

Später ruft dann noch ein weiterer Polizeisprecher an. Aus Sicht der Beamten sei die ganze Kontrolle unproblematisch verlaufen, der 15-Jährige habe auch nicht ängstlich gewirkt. Einschüchterung sei sowieso nicht das Ziel der Polizei. Gerade die Proteste der Fridays for Future halte man für völlig unproblematisch.

Polizisten in voller Montur könnten aber manchmal bedrohlich wirken. Auf keinen Fall hätten die Beamten den Jugendlichen aufgefordert, Fotos zu löschen – dafür gebe es keine Rechtsgrundlage. Möglicherweise hätten die Beamten lediglich gesagt, sie fänden es nicht gut, im Einsatz gefilmt zu werden. Gelöscht habe der 15-Jährige die Bilder aus eigenem Antrieb.

Am heutigen Freitag wollen die Fridays for Future wieder demonstrieren. Um 12 Uhr treffen sie sich an der Bockenheimer Warte. Felix wird wohl wieder mit von der Partie sein.

Nun hat sich auch die Bewegung Fridays for Future Frankfurt selbst zu den Vorwürfen gegen die Polizei geäußert.

Bei ihrer letzten Demonstration vor Weihnachten protestieren die Fridays for Future gegen „polizeiliche Repression“. Zugleich diskutiert die Bewegung, wie sie im kommenden Jahr weitermachen will.

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