Beim ersten weltweiten Klimastreik am 15. März war der Römerberg voll.
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Beim ersten weltweiten Klimastreik am 15. März war der Römerberg voll.

Fridays for Future

„Die Proteste werden nicht verschwinden“

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Wie wird der Protest der Fridays for Future sich entwickeln? Der Protestforscher Sebastian Haunss über erschöpfte Aktivistinnen und Aktivisten und die Zukunft der Bewegung.

Herr Haunss, seit einem Jahr sind die „Fridays for Future“ auf der Straße. Wie hat die Protestbewegung sich entwickelt?

Die Bewegung hat erst einmal eine unglaubliche Mobilisierungsdynamik durchgemacht, die bis in den September extrem erfolgreich war. Und zwar von ganz kleinen Protesten, die fast ausschließlich von Schülerinnen und Schülern getragen waren, zu einer Massenbewegung mit dem vorläufigen Höhepunkt am 20. September bei dem großen Klimaaktionstag. Seitdem sind die Zahlen bei den Protesten wieder etwas zurückgegangen, wobei sie immer noch hoch sind und weit über dem liegen, was Klimaproteste vorher erreichen konnten.

Was hat die Bewegung in dieser Zeit erreicht?

Sie hat Öffentlichkeit hergestellt und das Thema auf die politische Agenda gesetzt. Sie hat es bisher, wenn man sich das Klimaprogramm der Bundesregierung anschaut, nur sehr begrenzt geschafft, dass ihre Forderungen in konkrete Politik umgesetzt wurden. Wobei ich sagen würde, dass ohne „Fridays for Future“ selbst das, was jetzt beschlossen worden ist, nicht beschlossen worden wäre.

Wie stark wirkt der Druck durch die Proteste auf die Politik?

Der Druck wird vor allem politisch wirksam, wenn die Mehrheit der Bevölkerung die Ziele einer Protestbewegung teilt. Und im Moment scheint das so zu sein. Die Frage ist, ob sich das in Wählerstimmen niederschlägt. Bei den letzten Landtagswahlen haben die Grünen sehr gut abgeschnitten, diese Wählerwanderung hat sicherlich dazu beigetragen, dass CDU und SPD sich in der Klimapolitik bewegen.

Bei den „Fridays for Future“ ist eine gewisse Ermüdung festzustellen. Ist das für solche Protestbewegungen normal?

Ja, besonders weil die Intensität der Proteste über einen langen Zeitraum sehr hoch war, ist eine gewisse Erschöpfung und Ermüdung bei den Aktivistinnen und Aktivisten nicht überraschend. Bei anderen Bewegungen hat man auch mal Phasen hoher Intensität, dann aber auch wieder lange Pausen. Bei den „Fridays for Future“ wird an vielen Orten immer noch der wöchentliche Rhythmus von Protesten eingehalten. Gleichzeitig gilt: Je größer das Thema ist, das eine Protestbewegung anspricht, desto länger ist der Atem, den eine Bewegung haben muss.

Zur Person

Sebastian Haunssist Professor für Politikwissenschaft an der Uni Bremen und aktiv im Institut für Protest- und Bewegungsforschung (IPB). Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen hat er Protestierende der Fridays for Future in Berlin und Bremen befragt und dazu im August ein IPB-Arbeitspapier veröffentlicht.

Wie gehen soziale Bewegungen mit solchen Ermüdungserscheinungen um? Und wie tun es „Fridays for Future“?

Es gibt da kein überall übliches und durchgängiges Muster. Es gibt Bewegungen, die nach einer intensiven Phase wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden, andere bauen interne Strukturen auf. Und das sieht man jetzt bei „Fridays for Future“: In der Bewegung hat bereits seit dem Frühsommer ein Nachdenken über die eigenen Strukturen eingesetzt. Und es gab und gibt Versuche, sich darüber auszutauschen, wie der Protest weitergehen soll. Kompliziert wird das dadurch, dass „Fridays for Future“ ja tatsächlich nicht eine einheitliche Bewegung ist, sondern aus Hunderten lokalen Gruppen besteht, die vieles sehr unterschiedlich machen. Sie sind sehr unterschiedlich zusammengesetzt und kommen zu ganz unterschiedlichen Entscheidungen.

In Frankfurt ist zu spüren, dass die Bewegung sich nach links entwickelt und antikapitalistische Themen aufgreift. Wie sieht das bundesweit aus?

Wenn man die Daten unserer Befragungen zugrunde legt, die das erste Mal im März durchgeführt wurden, war die Bewegung von Anfang an links. Diejenigen, die sich an den Protesten beteiligt haben, waren politisch ganz klar deutlich links der Mitte positioniert. Das hat sich bei den Befragungen im Herbst nicht wesentlich geändert. Insofern kann man nicht sagen, dass es eine Linksbewegung gibt. Aber innerhalb der Bewegung wird darüber gesprochen, ob man über die reinen Klimaforderungen hinaus andere Themen ansprechen soll. Das ist noch keineswegs entschieden. Das zeichnet soziale Bewegungen aber auch aus: Da sie keinen festen organisatorischen Rahmen haben, müssen sie einen großen Teil ihrer Energie darauf verwenden, sich darüber zu verständigen, was sie wollen.

Haben Sie eine Vermutung, wie die Bewegung sich 2020 weiterentwickeln wird?

Es ist davon auszugehen, dass die Proteste nicht verschwinden werden. Allerdings denke ich, dass das Aktionsrepertoire vielfältiger werden wird. Das deutet sich schon seit dem Sommer an. Seitdem hat es nicht mehr nur die wöchentlichen Schulstreiks, sondern ein Zugehen auf andere Gruppierungen gegeben.

Nach dem Vorbild der „Fridays for Future“ haben sich Gruppen wie die „Scientists for Future“ gegründet. Steigen andere Bevölkerungsgruppen in den Protest ein?

Wie nachhaltig das ist, muss sich erst noch herausstellen. Was „Fridays for Future“ auf jeden Fall gelungen ist, ist das Thema Klimawandel über diesen „Zukunfts“-Claim extrem mobilisierungsfähig zu machen. Entsprechend sind die Demonstrationen inzwischen auch ganz anders zusammengesetzt: Während die in Bremen und Berlin am Anfang von Schülerinnen und Schülern dominiert waren, ist es inzwischen so, dass Schülerinnen und Schüler nur noch 20 Prozent der Teilnehmenden ausmachen. In der Organisationsstruktur von „Fridays for Future“ schlägt sich das aber bisher kaum nieder. Vermutlich wird die veränderte Zusammensetzung der Protestierenden und die sich daraus ergebenden veränderten Anforderungen an die Organisationsstruktur ein Thema sein, das „Fridays for Future“ im nächsten Jahr beschäftigen wird.

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