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Luca Peters, Maxi Basak und Helena Marschall (v.l.) wollen das Klima retten.

Schülerstreik

„Das ist unsere Art, mitzureden“

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Am Freitag wollen Zehntausende Schülerinnen und Schüler weltweit der Schule fernbleiben, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Im FR-Interview erzählen drei engagierte Jugendliche aus Frankfurt und Oberursel, was sie auf die Straße treibt.

Sie kommen zu dritt, und es dauert eine ganze Weile, bis sie überhaupt Zeit haben, mit dem Interview anzufangen. Maxi Basak (16), Helena Marschall (16) und Luca Peters (18) haben nämlich zunächst noch sehr viel untereinander zu bereden. Als unser Gespräch in der FR-Redaktion stattfindet, sind es nur noch wenige Tage bis zum internationalen Aktionstag der „Fridays for Future“, und bis dahin muss noch sehr viel entschieden und organisiert werden.

Schon seit Monaten gehen Basak, Marschall und Peters, die in Frankfurt und Oberursel unterschiedliche Gymnasien besuchen, in Frankfurt auf die Straße. Sie sind Teil des inneren Zirkels der Frankfurter Ortsgruppe der Protestbewegung für mehr Klimaschutz, die inzwischen weltweit für Aufsehen sorgt. Kurz vor dem großen Aktionstag am 15. März gibt es also eine ganze Menge zu bereden.

Seit Mitte Dezember demonstrieren Sie freitags in Frankfurt für mehr Klimaschutz, dafür bleiben Sie dem Unterricht fern. Haben Sie den Eindruck, dass Sie schon etwas erreicht haben?
Maxi Basak : Was wir definitiv erreicht haben, ist das Thema Klimaschutz wieder ins Gespräch zu bringen. Wir kriegen massive mediale Aufmerksamkeit, das Thema ist präsent. Das ist eins unserer großen Ziele, und das haben wir erreicht. Wir sind stolz auf uns.

Luca Peters : Im Grunde wissen ja auch alle vom Klimawandel. Alle haben im Hinterkopf, da ist etwas, was ihnen Sorgen machen sollte. Diesem Unbehagen haben wir mit unserer weltweiten Bewegung ein Gesicht gegeben.

Sind Sie sich intern eigentlich einig, was Sie erreichen wollen?
Basak: Momentan ist tatsächlich ein Grundsatzpapier in Arbeit, das durch alle Ortsgruppen geht. Dadurch, dass die Bewegung sehr breit gefächert ist, gibt es da sehr viel Diskussionsbedarf.

Peters : Aber ein paar grundlegende Ziele sind aber schon klar, und da lassen wir uns auch nicht reinreden. Dinge wie ein schnellerer Kohleausstieg, eine Verkehrswende, ein massiver Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs, davon werden wir nicht abweichen.

Basak : Unser Hauptziel ist ja die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zur Zeit vor der Industrialisierung. Da sind wir uns alle zu 100 Prozent einig. Wir wollen, dass sich auf die Wissenschaft gestützt wird, um dieses Ziel zu erreichen, und dass dieses Ziel über den Interessen von Konzernen steht.

Helena Marschall : Wir müssen mit den Forderungen auch gar nicht so spezifisch werden. Wir sind nur Schüler, wir sind keine Wissenschaftler. Daher können wir nicht genau sagen, was getan werden muss. Aber wir verstehen, dass es den Klimawandel gibt und dass er bedrohlich ist. Das ist aus unserer Sicht auch nicht schwer zu begreifen. Wir wollen darauf hinweisen, dass wir in einer richtig brenzligen Situation sind und schnell handeln müssen.

Peters : Wir wollen die Verantwortlichen, die Politiker und die Wirtschaft, dazu zwingen, ihre Verantwortung auch wahrzunehmen. Aktuell tun sie das nicht.

Marschall : Man kann auch leicht zeigen, dass die Verantwortlichen gar nicht in unserem Sinne handeln. Die Kohlekommission hat ein Durchschnittsalter von 57 Jahren, da sind wir überhaupt nicht repräsentiert. Diese Leute werden die Hauptfolgen des Klimawandels gar nicht mehr mitkriegen. Wir dagegen schon.

Basak : Die meisten von uns dürfen ja nicht einmal wählen. Wir werden mit den Folgen des Klimawandel leben müssen, aber es wird über unsere Köpfe hinweg entschieden.

Marschall : Und genau deshalb müssen wir auf die Straße gehen. Das ist unsere Art, mitzureden.

Jung, besorgt und engagiert: Maxi Basak, Luca Peters und Helena Marschall (v.l.).

Es wurde viel darüber diskutiert, dass Sie freitags demonstrieren, statt zur Schule zu gehen. Es war vom „Schwänzen“ die Rede...
Marschall : Wir schwänzen nicht, wir streiken! Ich hab es extra im Duden nachgeschlagen. Schwänzen bedeutet, als Faulheit der Schule fernzubleiben.

Ist das „Bestreiken“ der Schule notwendig für Ihren Protest?
Basak : Wir bekommen im Moment sehr viel Aufmerksamkeit. Und die bekommen wir genau deshalb, weil wir der Schule fernbleiben. Das ist die einzige Art und Weise, die uns als Schüler bleibt, um in irgendeiner Form Druck aufzubauen. Wenn wir samstags demonstrieren würden, würde das nicht ansatzweise so viele Leute interessieren. Und unser Ziel ist uns eben wichtiger als unsere schulische Bildung. Ich habe gerne eine Note schlechter, wenn ich dafür sorgen kann, dass meine Kinder noch auf diesem Planeten leben können.

Haben Sie Angst, dass Sie wegen der Fehlstunden irgendwann mal Ärger bekommen?
Basak : Mittlerweile ist das an meiner Schule ein großes Thema, weil immer mehr Schüler freitags dem Unterricht fernbleiben. Was schwierig ist, ist weniger die Tatsache, dass man mal zwei Stunden fehlt, sondern dass es immer die gleichen sind. Irgendwann wird man das auch mal merken, wenn man in einer Klausur sitzt. Mir persönlich macht der Klimawandel aber viel mehr Sorgen.

Marschall : Ich verpasse auch nur wenige Schulstunden, und dann hole ich den Stoff halt nach. Und ich hoffe sogar, dass ich Ärger bekomme, denn das bringt ja dann noch mehr Aufmerksamkeit.

Peters : Wir haben den Eindruck, dass die Politik und die Schulen vor allem dasitzen und abwarten, weil sie glauben, dass wir sowieso bald aufhören werden.

Ist der Klimawandel aktuell verstärkt Thema im Unterricht?
Basak : Nee. Die Demonstrationen sind es inzwischen tatsächlich, aber da geht es immer nur um die Frage, ob wir streiken dürfen oder nicht. Das Thema selbst taucht immer noch viel zu wenig auf.

Marschall : Wir haben letztes Jahr im Englischunterricht den Film „An Inconvenient Truth“ von Al Gore geguckt. Der hat mich ziemlich beeindruckt, weil der Film schon fast 15 Jahre alt ist und schon genau die Probleme thematisiert, die wir heute besprechen.

Lesen Sie auch den FR-Hintergrund zum Thema „Fridays for Future“

Sind schon Parteien oder Organisationen auf Sie zugekommen, um das Gespräch zu suchen?
Basak : Wir haben immer wieder mit Parteien, Jugendverbänden und NGOs zu tun. Manche wollen uns einfach unterstützen ...

Peters : ... manche wollen aber auch nur die Welle ausnutzen, was wir etwas schade finden.

Basak : Wir wollen uns halt nicht vereinnahmen lassen. Wir mögen es nicht so gerne, wenn Parteisymbole auf unseren Demos zu sehen sind. Aber wir reden natürlich mit allen.

Marschall : Wir sind gerade dadurch stark, dass wir zu keiner Partei oder Organisation gehören. So können sich viele Leute mit unserer Bewegung identifizieren.

Anfangs haben Sie sich hier in Frankfurt vor allem über eine WhatsApp-Gruppe organisiert. Wie sieht das mittlerweile aus?

Basak : Wir haben immer noch diese WhatsApp-Gruppe, aber es gibt inzwischen Arbeitsgruppen für verschiedene Bereiche. Einmal pro Woche haben wir ein Plenum, wo alle teilnehmen können, die sich engagieren wollen. Und auf den Demos sind wir auch immer ansprechbar.

Peters : Wir versuchen, möglichst wenig hierarchisch zu sein. Jeder soll so viel machen, wie er oder sie möchte.

Und wie funktioniert der Austausch unter den verschiedenen Ortsgruppen?

Basak : Dadurch, dass das eine schnell wachsende Bewegung ist, ist es schwer, da ganz durchzublicken. Aber es gibt bundesweite WhatsApp-Gruppen, es gibt regelmäßige Telefonkonferenzen. Wir versuchen weiter, das möglichst wenig zu zentralisieren.

Marschall : Vor kurzem gab es auch eine Konferenz in einer Berliner Schule, wo Menschen aus vielen Städten angereist sind. Da gab es endlich ganz viel Austausch. Das war extrem hilfreich.

Ihr nächstes Ziel ist eine weltweite Protestaktion am 15. März. Was ist da in Frankfurt geplant?
Basak : Wir machen eine große Demonstration hier in Frankfurt und wollen auch eine längere Kundgebung am Römer machen. Wir versuchen gerade, Musik zu organisieren. Vielleicht wird es auch eine Podiumsdiskussion mit einigen Politikern geben.

Marschall : Wir planen gar nicht so viel Besonderes, weil auf den Demos sowieso immer eine gute Stimmung herrscht.

Peters : Das stimmt. Die Leute auf unseren Demos glauben wirklich, dass sie etwas verändern können. Ich glaube, das ist auch die wichtigste Voraussetzung, um wirklich etwas zu verändern.

Zum Abschluss: Wie lange wollen Sie weitermachen?
Peters : Das wissen wir nicht. Ich würde gerne morgen aufhören, wenn die notwendigen Schritte unternommen würden. Es ist auch anstrengend, jeden Freitag einen Streik zu organisieren. Auch wenn Viele das nicht glauben wollen: Zur Schule zu gehen, wäre für mich leichter. Ich muss eigentlich fürs Abi lernen.

Basak : Solange Angela Merkel zwar sagt, dass sie gut findet, was wir machen, aber keinerlei Taten folgen lässt, müssen wir wohl weitermachen.

Marschall : Ich bin dazu bereit, bis 2038 weiter zu streiken, wenn sie den Kohleausstieg bis dahin immer noch nicht durchgezogen haben. Aber ich hoffe natürlich, wir müssen das nicht tun.

Basak : Die Hoffnung ist da. Ich sehe es genauso: Ich würde gerne morgen aufhören können.

Weltweite Demos

„Fridays for Future“ nennt sich die weltweit aktive Protestbewegung von Schülern und Studierenden, die freitags nicht zur Schule oder in die Uni gehen, sondern für mehr Klimaschutz demonstrieren. Die Bewegung, die auf eine Idee der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg zurückgeht, hat seit Mitte Dezember Deutschland erreicht.

Am Freitag, 15. März, ruft die Bewegung zu einem internationalen Aktionstag auf. In mehr als 50 Staaten wollen junge Menschen auf die Straße gehen, um mehr Anstrengungen im Klimaschutz einzufordern. Allein in Deutschland sind Proteste in rund 180 Städten angekündigt. In Frankfurt beginnt die Demonstration um 12 Uhr an der Bockenheimer Warte, in Wiesbaden um 12 Uhr am Hauptbahnhof, in Darmstadt um 10 Uhr am Luisenplatz, in Gießen um 11.30 am Berliner Platz und in Marburg um 12 Uhr am Marktplatz.

Mehr Infos im Internet unter www.fridaysforfuture.de

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