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Kurator Markus Häfner vor der Vitrine mit einem Stadtplan für Bordellsuchende.

Ausstellung zum Bahnhofsviertel

Banker, Bordelle und Bohème

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Die Geschichte des Bahnhofsviertels ist von Gegensätzen geprägt. Eine Ausstellung im Institut für Stadtgeschichte gibt Einblicke.

Eine Blaufuchsstola liegt in einer der Vitrinen und scheint den Besucher mit ihren künstlichen Augen direkt anzublicken. Neben ihr sind Werkzeuge ausgebreitet, die ein Kürschner einst nutzte, um aus einem Pelz ein Kleidungsstück zu gestalten.

„Die Stola hat bei einigen Betrachtern bereits Unbehagen ausgelöst“, sagt Markus Häfner, Kurator der neuesten Ausstellung im Institut für Stadtgeschichte. Doch auch der Pelzhandel ist Teil der Geschichte des Bahnhofsviertels, die in der Schau thematisiert wird.

Unter dem Namen „Banker, Bordelle und Bohème: Stationen der Geschichte des Bahnhofsviertels“ ist die Ausstellung in den Räumen des Karmeliterklosters ab sofort bis zum 7. April zu sehen. Dabei werden 24 Stationen der bewegten Geschichte des Viertels betrachtet. Am Anfang stand eigentlich die Idee eines Buches, gibt die Direktorin des Instituts Evelyn Brockhoff einen Einblick. Schnell wurde dieser Einfall aber um die Ausstellung erweitert. „Für mich ist es auch ein Rückblick in meine eigene Vergangenheit. Ich bin ein Bahnhofsviertelkind und in der Wilhelm-Leuschner-Straße aufgewachsen“, erzählt Brockhoff.

Einst ein Vorzeigeviertel

Das Herzensprojekt habe aber auch so viele spannende Erkenntnisse zu bieten. Beispielsweise sei der Stadtteil vor 100 Jahren noch ein Vorzeigeviertel Frankfurts gewesen. Auch Bodenspekulationen und Gentrifizierung seien keine Merkmale der Moderne, sondern habe es schon früher im Bahnhofsviertel gegeben. Im Kern wolle man zeigen, warum der Stadtteil für einige so schillernd ist, während andere ihm kritisch gegenüberstehen.

So beginnt der geschichtliche Rückblick in der Ausstellung mit dem Jahr 1332, in dem das Hochgericht auf dem Galgenplatz erstmals erwähnt wurde. Teile des heutigen Gallus- und Gutleutviertels waren Teil des Platzes, auf dem Verurteilte gehängt oder später deutlich blutiger hingerichtet wurden. Im 17. und 18. Jahrhundert wandelte sich der Platz zu Wohngebieten.

Prägend auch die Eröffnung des Hauptbahnhofs im Jahr 1888. Obwohl der Bahnhof ja eigentlich zum Gallusviertel gehört, nahm mit seiner Errichtung die Bedeutung des angrenzenden Bahnhofsviertels zu. 1891 war der Stadtteil Gastgeber der Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung (IEA). Darstellungen von damals verdeutlichen den volksfesthaften Charakter der Werkschau. Mehr als eine Million Gäste kamen und sicherten den finanziellen Erfolg. Auf der IEA gelang dem Wechselstrom der Durchbruch.

Weitere Stationen sind die Hotelvielfalt im Kaiserreich, das Schumanntheater, der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg aber auch der Wandel zum Sündenviertel, der Frankfurter Weg in der Drogenpolitik und die heutige Debatte um die Gentrifizierung. Kurator Markus Häfner erklärt, man wolle nicht die gängigen Klischees bedienen, aber trotzdem alle prägnanten Aspekte abdecken.

Zusätzlich zu den vielen Tafeln mit Texten und Bildern gibt es auch Vitrinen, in denen Ausstellungsstücke wie die eingangs erwähnte Fuchsstola zu sehen sind. Postkarten von 1891, Gegenstände der Freimaurer oder ein Stück der Fassade des Hauptbahnhofs gibt es für den Besucher zu entdecken. Texte zu Protagonisten des Bahnhofsviertels – der Unternehmer Oskar Schindler, Theaterleiter Julius Seeth und die Prostituierte Helga Matura gehören dazu – vermitteln noch tiefere Einblicke in den Stadtteil.

Zusätzlich zur Ausstellung gibt es noch das ihr zugrunde liegende gleichnamige Buch. Darin wird auf etwa 250 Seiten die Geschichte des Bahnhofsviertels intensiv beleuchtet. Das Werk kostet 30 Euro.

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