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"Das Studieren in der Kohorte setzt viele unter Dauerstress", sagt Psychologe Rückert.

Prüfungsängste

Prüfungsangst: Die Leere im Kopf

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Prüfungen sind die Initiationsriten der Leistungsgesellschaft, doch bei manchen Studierenden versagen am Tag X die Nerven.

Martin Loos hätte viel darum gegeben, sich im Tiefschlaf zu befinden, als er den rechten Arm plötzlich nicht mehr bewegen konnte. Doch sein Alptraum spielte in der Wirklichkeit. In einem holzgetäfelten Saal. Auf einem eckigen Podium. In den Hauptrollen: Martin und eine Gitarre mit Eigenleben, aus der ein paar letzte schiefe Akkorde wie garstige kleine Wellen in die peinlich berührten Gesichter der Kommilitonen schwappten, bevor sie verstummte. Als die Prüfungsangst, die unter Musikstudenten Podiumsangst heißt, das erste Mal bei einem eigentlich harmlosen Vorspiel von Martin Loos Besitz ergriff, flüchtete er. Hörte einfach auf zu spielen. Es war der Moment, der sein Leben zerteilte. In ein Leben vor der Angst und ein Leben mit der Angst.

Dabei hatte alles wie ein Casting-Show-Märchen begonnen. Nur Wochen zuvor hatte der Realschulabsolvent ohne Abitur eine ganze Tischreihe von Professoren so beeindruckt, dass sie ihn unter hunderten von Bewerbern für ein Studium der klassischen Gitarre an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst auswählten. Martin Loos ist gut. Sehr gut sogar. Es gibt keinen rationalen Grund, warum aus dem hochtalentierten Musiker ein Angstpatient wurde. Einer, der auf einmal nur noch mit zitternden Händen und verschwitztem Hemd das tun konnte, was er im Leben am besten beherrschte: Gitarre spielen. Bei jeder Prüfung, bei jedem Vorspiel. Und das sind im Musikstudium viele.

Hilfe bei Experten suchen

Prüfungsangst ist die Angst vor einer Bewertung der eigenen Leistungen zu einer ganz genau festgelegten Zeit. Es gibt keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Studenten an ihrer schweren Form leiden, die zu den sozialen Phobien zählt. Wie viele Menschen im Job dauerhaft unter ihren Möglichkeiten bleiben, weil sie in Bewerbungsgesprächen sperrig wie ein Stück Holz wirken und nur noch Allgemeinplätze herausbringen. Die leichte Form ist schließlich normal: das Herzklopfen bei der Mittelhochdeutsch-Klausur, das summende Trommelfell vor der praktischen Führerscheinprüfung und die fixe Idee, sich auf dem Weg zum Vorstellungstermin im berühmten Verlagshaus garantiert zu verlaufen. Aber ab wann ist man nicht mehr hibbelig, sondern krank? „Man sollte sich Hilfe suchen, wenn das Studium oder die berufliche Laufbahn ernsthaft gefährdet sind“, sagt der Hamburger Psychotherapeut Nicolai Semmler.

Johanna Burger (Name geändert) ist eigentlich nicht das, was man ein Nervenbündel nennen würde. Keine, die wie so viele andere um die Abiturzeit herum ins Stammeln geraten war, wenn die Frage aufkam: „Und du, was willst du machen?“ Ihre Antwort war mit 19 die gleiche, die sie zehn Jahre zuvor in blauer Füllerschrift in die Kästchen der Freundschaftsbücher eingetragen hatte, die in der Grundschule kursierten. Was ich einmal werden will: Tierärztin. Zweimal unterstrichen. Der Abischnitt reichte nicht für den Numerus Clausus. Na und? Dann halt erst mal eine Ausbildung als Tierarzthelferin. Johanna Burger half, große Hunde zu betäuben, weinende Katzenbesitzerinnen zu trösten, wischte Blut weg. Schwache Nerven? Sie doch nicht. Zum Studium zog sie zwei Jahre später nach Hamburg, sie musste hart arbeiten, kam aber klar. Doch den Tiermedizinstudenten geht es wie denen in der Humanmedizin. Es gibt ein Damoklesschwert, das über allem hängt: Das Physikum. Eine Scheidewand aus Horrorprüfungen. Johannas Angstfach: Biochemie.

Erfolg nach zweitem Anlauf

Johanna nahm keinen Baldrian, sondern drückte einfach die Türklinke herunter, als Tag X gekommen war. Augen zu und durch. Ein frisch geputzter Linoleumboden, ein Professor, der ein Gesicht aufsetzte, das er selbst wohl für ein „aufmunterndes Lächeln“ hielt. Dann reißt der Film. Das nächste, an das sich Johanna erinnert, ist ebenfalls das Gesicht des Professors. Es beugte sich über sie. Sie lag auf dem Linoleumboden. Erwachte mit blutender Nase aus ihrer Ohnmacht. Augen zu und durchgefallen. Katharina gab sich ein Jahr, bevor sie wieder in die Uni ging. Baldrian würde kaum reichen. Sie machte eine Psychotherapie. Ein Jahr später fühlte sie sich frei genug, um mit 28 einen zweiten Physikums-Anlauf zu wagen. Der gelang. Herzrasen inklusive. „Meine Prüfungsangst war wie ein Burn-Out. Mir geht es besser, aber ich weiß auch, dass es nicht das Ende der Welt ist, wenn ich mich gegen das Studium entscheiden würde.“

Prüfungsangst ist ein Dilemma. In einer Gesellschaft, die davon besessen ist, Menschen miteinander zu vergleichen und zu bewerten, sie auszusortieren oder in den Himmel zu heben, die zwischen „High Potentials“ und „Low Performern“ trennt, dürfte es Leute wie Martin Loos und Johanna Burger gar nicht geben. Leute, die brillant sind oder zumindest überdurchschnittlich gut, und es keinem zeigen können. Vielleicht stimmt aber auch das Ordnungssystem nicht. Wie soll man jemanden einordnen, der auf Knopfdruck nicht mehr Musizieren kann, keine Formel mehr weiß, am Einparken scheitert? Wer seinen Körper nicht im Griff hat gilt als suspekt.

Abitur, Führerschein, Bachelorprüfung, Physikum, Vordiplom, Staatsexamen, Assessment-Center und Bewerbungsgespräch sind längst keine ärgerlichen Hürden mehr, über die man halt irgendwie rüber muss, um endlich loslegen zu können mit dem echten Leben. Sie sind die Initiationsriten der Leistungsgesellschaft. Umso mehr, seit der Bologna-Prozess, die Umstellung von Diplom- und Masterabschlüssen auf Bachelor und Master, an den Universitäten ganze Jahrgänge im direkten Vergleich gegeneinander antreten lässt.

Studierende unter Dauerstress

„Das Studieren in der Kohorte setzt viele unter Dauerstress“ sagt Hans-Werner Rückert. Er ist Diplom-Psychologe und leitet die Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin. Immer öfter sitzen Studierende mit extremer Prüfungsangst vor ihm. „Ich halte es für sehr problematisch, dass im neuen System jedes kleinste Modul abgeprüft wird und die Noten schon für den Abschluss zählen“, sagt er. „So entsteht bei vielen der Eindruck, dass bei jedem kleinen Test das Leben auf dem Spiel steht.“

Die Geschichten von Menschen mit schwerer Prüfungsangst haben einen überraschenden gemeinsamen Nenner: „Meistens trifft es Leute, die in anderen Lebenslagen super zurecht kommen“, sagt Nicolai Semmler. Und: „Mit mangelnder Intelligenz hat Prüfungsangst überhaupt gar nichts zu tun.“ Semmler hat sich auf dieses scheinbare Paradox spezialisiert. In seiner Praxis suchen Studenten, Auszubildende, Berufstätige, manchmal sogar Führungskräfte Rat. Menschen, deren Körper im entscheidenden Moment verrücktspielen.

Martin Loos hat lange gebraucht, um die Angst in den Griff zu kriegen. Ist in vielen Sackgassen gelandet. Da waren diese Pillen, die unter den Kommilitonen kursierten. „Mit den Dingern zitterte ich zwar nicht mehr, konnte aber die Musik nicht mehr fühlen.“ Das Seminar zum Thema Prüfungsangst, das seine Hochschule anbot, ließ ihn ratlos zurück. „Wir sollten mit einem Faden einen Kreis um unseren Stuhl ziehen und uns sagen: Das ist mein Raum. Hier bin ich sicher.“ Nein, er fühlte sich nicht sicher. Sogar fehl am Platz inmitten all der Bildungsbürgerkinder, die Mozart schon als Föten und Geigenunterricht im Kindergartenalter genossen hatten. Mit denen hatte Martin Loos, der jahrelang in einer Indieband hinterm Schlagzeug saß und Metalfestivals statt Klassikkonzerte besuchte, wenig gemeinsam. Außer dem Talent. Seine Ressource. Sein Weg, die Prüfungsangst zu überwinden, war der klassische – und der mühsamste: Üben, üben, üben. „Viel mehr, als eigentlich nötig gewesen wäre.“

Schließlich die Feuerprobe, auf einem eckigen Podium, in einem holzgetäfelten Saal. In den Hauptrollen: Martin Loos, kein bisschen zitternd, und eine Gitarre, aus der kein einziger falscher Ton drang. Bestanden, eins. „Ich war so stolz.“ Martin Loos, heute 32 Jahre alt, ist erfolgreicher Studiomusiker geworden. Und Gitarrenlehrer. Einer seiner Schüler hat demnächst eine Aufnahmeprüfung am Konservatorium. Einen besseren Lehrer als ihn hätte er wohl kaum finden können.

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