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Das Theater Prozess probt im Gallus-Theater.

Freie Szene

Ohne Hilfe für Essen und Miete

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Die Corona-Hilfen kommen in Hessen nicht bei allen an. Ein Besuch bei freien Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich in Corona-Zeiten mühsam durchschlagen.

Über dem Gallus prasselt laut ein Regensturm herunter. Drinnen, auf der Bühne, herrscht konzentrierte Stille. Regisseur Ulrich Meckler umkreist mit der Handkamera vier ganz in Schwarz gekleidete Schauspielerinnen und Schauspieler, die in Posen der Angst auf dem Boden erstarren. Ein Film entsteht, der künstlerisch die Schrecken des früheren KZ-Außenlagers Katzbach im Frankfurter Gallusviertel verarbeitet. Wenn, wie von der Stadt erhofft, auf dem Gelände der ehemaligen Adlerwerke an der Kleyerstraße bald eine Gedenkstätte entsteht, wird diese Arbeit dort zu sehen sein.

Alle vier, die hier vor die Kamera treten, sind frei tätig. Drei von ihnen hat die Corona-Pandemie hart getroffen, denn sie verfügen nicht über ein festes Einkommen, sind auf Engagements angewiesen. Doch die bleiben jetzt seit März aus. In der Pause versammelt sich das Quartett zum Gespräch um den Besucher. „Wir sind froh, überhaupt wieder spielen zu können“, sagt Ilja Kamphues offen. Mehr als 650 Vorstellungen mit der Satire „Wer kocht, schießt nicht“ hat er alleine im Stalburg Theater in Frankfurt schon gegeben, aber dann ging nichts mehr. „Wir wollen alle wieder auf die Bühne“, das klingt geradezu sehnsüchtig. Die künstlerischen Ersatzhandlungen für Live-Theater, die im Internet in Corona-Zeiten angeboten werden, hält er für unzureichend. „Der kulturelle Schaden, der durch Corona gerichtet wird, ist ganz furchtbar.“ Eine abwehrende Handbewegung. „Alle machen jetzt was mit Video, aber das ist nicht dasselbe wie ein Schauspieler in einem Raum, der in Dialog mit einem Publikum tritt.“

Etliche Künstlerinnen und Künstler in Hessen, kritisiert Nicole Horny, erfüllten die Voraussetzungen für Hilfsprogramme nicht. Anders als in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, klagt die Schauspielerin, gebe es in Hessen keine Hilfe zum Lebensunterhalt. Iris Reinhardt Hassenzahl regt sich über die Bilder auf, die Passagiere in Flugzeugen auch in Corona-Zeiten dicht an dicht nebeneinander zeigen. In den Theatern gebe es dagegen Abstandsregeln, die dafür sorgten, dass nur ein Viertel des Publikums kommen könne. „Warum spielen wir nicht einfach in Flugzeugen?“, fragt die 34-jährige Darstellerin aus Hanau ironisch. Auch sie hält die staatliche Unterstützung für Freie im Theater für unzureichend. „Es gibt Fördergeld für Büros, aber wir haben ja keine Büros.“ Hilfe „für Essen und Miete“ zu bekommen, „das ging nicht“.

In der Pause kommt jetzt heißer Kaffee auf den Tisch, es gibt ein Stück Kuchen für jeden. Nicole Horny erhielt ihre Schauspielausbildung am Max Reinhardt Seminar in Wien, an der Oxford School of Drama und an der Europäischen Meisterklasse für Regie.-und Schauspielkunst in Moskau und Berlin. Seit einem Vierteljahrhundert spielte die 51-jährige an vielen Bühnen im deutschsprachigen Raum. Doch Corona sorgt dafür, dass sie jetzt ihr Leben ändert: „Ich möchte nicht mehr frei arbeiten, ich habe eine große Sehnsucht nach Sicherheit.“ Zum ersten Mal nach 25 Jahren hat sich deshalb bei einem Theaterensemble außerhalb Hessens fest anstellen lassen. Mehr verrät sie nicht.

Ihre Kollegin Reinhardt Hassenzahl schätzt sich glücklich, „noch ein zweites Standbein“ zu haben. „Ich bin auch in der Hochzeitsbranche tätig“, was konkret heißt: Die 34-jährige tritt als launige Rednerin bei Hochzeiten auf. Doch auch da geht in Corona-Zeiten natürlich nicht viel. Bald kommt am großen Tisch, um den alle hinter der Bühne herumsitzen, eine kühne Idee auf. „Es müsste ein staatliches Grundeinkommen für freie Künstler geben“, sagt Horny. Und fügt hinzu, als müsste sie Vorwürfe abwehren: „Keiner von uns ist faul.“ Iris Reinhardt Hassenzahl sagt gleich, das mit dem Grundeinkommen sei natürlich „ein Traum“.

Einer in der Runde im Gallus-Theater hält sich zurück, denn er hat keine Probleme mit dem Lebensunterhalt. Edgar M. Böhlke ist in Deutschland eine Schauspieler-Legende. 1967 war er Mitbegründer des Action-Theaters in München, in den 70er und 80er Jahren gestaltete er die großen Zeiten vom Schauspiel Frankfurt mit. Später unterrichtete er fast zwei Jahrzehnte als Professor für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Böhlke, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feierte, tritt noch immer auf. Er schätzt, dass sich alleine in Hessen etwa 5000 freie Schauspielerinnen und Schauspieler ohne festes Engagement irgendwie durchschlagen.

Böhlke hat zuletzt bis wenige Tage vor Weihnachten 2019 am Schauspiel in Stuttgart auf der Bühne gestanden, in der „Wildente“ von Henrik Ibsen spielte er den Großhändler Werle. Etliche Lesungen, die er danach im Frühjahr und Sommer 2020 vereinbart hatte, sind ausgefallen. Nicole Horny macht darauf aufmerksam, dass auch die wirtschaftliche Situation von Ensemble-Mitgliedern oft nicht so gut sei: „Es gibt da keine großen Unterschiede zwischen der freien Szene und den Festangestellten.“ Dann müssen alle wieder zurück auf die Bühne.

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