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Frauentag in Frankfurt: Kämpferinnen für Frauen

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Von: Kathrin Rosendorff

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Paloma Eichin (li.) und Vivien Hashemi sind Protagonistinnen im Film des Frauenreferats.
Paloma Eichin (li.) und Vivien Hashemi sind Protagonistinnen im Film des Frauenreferats. © Renate Hoyer

Die Frankfurterinnen Paloma Eichin und Vivien Hashemi gehen nicht nur auf die Straße, sie engagieren sich auch sonst für Frauenrechte. So hat Eichin mit anderen die feministische Gruppe chilenischer Migrantinnen in Hessen namens „Guacolda“ gegründet. Hashemi jobbt beim Verein Zan, der sich für die Förderung afghanischer Frauen in Deutschland einsetzt.

Das erste, das Paloma Eichin verwundert hat, als sie nach Deutschland zog, war, dass am 8. März, dem Internationalen Frauentag, so wenig hier passiere. Also im Vergleich zu ihrem Heimatland Chile. „In Chile gehen die Frauen den ganzen Tag auf Demos. Es ist ein Streiktag. Die Männer passen auf die Kinder auf. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Wenn wir einer anderen Frau begegnen, wünschen wir uns einen „Feliz dia de la mujer“, also einen schönen Frauentag. Das mache ich jetzt in Deutschland auch, und die Frauen schauen etwas verwirrt“, erzählt Paloma Eichin.

Sie wird 1982 in Frankfurt als Tochter einer Deutschen und eines Chilenen geboren. Die Journalistin wächst in Chile auf und zieht vor zwölf Jahren wegen des Studiums nach Deutschland. Mit anderen gründet sie hier Ende 2019 die feministische Gruppe chilenischer Migrantinnen in Hessen namens „Guacolda“.

„Guacolda war eine Kriegerin, die für die Freiheit gegen die Spanier gekämpft hat, aber nur der Mann, der neben ihr kämpfte, wurde lange gefeiert“, sagt Eichin. Für die Mutter von drei Kindern (elf, sieben und drei) ist es eine Selbstverständlichkeit, Familie und Job zu kombinieren. „Ich bekomme aber von anderen Frauen Vorwürfe, ich sei eine schlechte Mutter. Das finde ich schade.“ In Chile müssten Frauen drei Monate nach der Geburt wieder arbeiten gehen,

Guacolda organisiert Demos gegen Gewalt an Frauen, für mehr Gleichberechtigung, aber es geht eben auch um Schwesternschaft. „Ich fühle mich in der Gruppe verstanden“, sagt Eichin. Auch an diesem 8. März wird sie am Liebfrauenberg mit anderen lateinamerikanischen Frauen demonstrieren. „Hier in Deutschland sagt man oft, wenn eine Frau ermordet wird, Familiendrama oder Beziehungstat. Der Fokus liegt so auf dem Täter. Nicht auf der Frau. In Chile und anderen lateinamerikanischen Ländern wird der geschlechterspezifische Mord an Frauen als Femizid anerkannt, das muss auch in Deutschland passieren“, so Eichin. Gemeinsam mit chilenischen Frauen hat sie die Dokumentation „No estamos todas“ („Wir sind nicht alle“- es fehlen die Ermordeten) gedreht, die den ermordeten Frauen einen Namen gibt, erzählt, wer sie waren, wie sie gelebt haben.

Demos zum Internationalen Frauentag in Frankfurt und Film

Am heutigen 8. März , dem internationalen Frauen*Tag, gehen Mädchen und Frauen für ihre Rechte und gegen Sexismus auf die Straße. In Frankfurt gibt es eine gemeinsame Demo von Verdi und verschiedenen Frauengruppen , die ab 15 Uhr vor dem DGB-Haus, Wilhelm-Leuschner-Straße 69-77 startet und am Römer endet. Zuvor gibt es ab 12.30 Uhr verschiedene Soli-Punkte von Parteien und Frauengruppen wie am Liebfrauenberg, Römer, Paulsplatz, Hauptwache, Bockenheimer Warte oder Willy-Brandt-Platz.

Die Gewerkschaften haben die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst bundesweit aufgerufen, sich am 8. März am Streik zur Durchsetzung der Forderungen der aktuellen Tarifrunde im Sozial- und Erziehungsdienst zu beteiligen. Die zu 83 Prozent weiblichen Beschäftigten fordern ein Ende der belastenden Arbeitsbedingungen, eine finanzielle Aufwertung der Arbeit und wirksame Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel.

Ab 18 Uhr gibt es zudem ab der Hauptwache noch die Demo „Feuer und Flamme dem Patriarchat“.

Anstelle einer Live-Veranstaltung hat das Frankfurter Frauenreferat und Frauendezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) den Film „We are not scared anymore. We are angry“ in Auftrag gegeben. Dort wurden Frauen* aus Afghanistan, Belarus, Österreich, der Türkei, dem Iran, Deutschland und anderen Ländern nach ihren Themen und Forderungen zum Internationalen Frauentag gefragt. Der halbstündige Film ist ab diesem Dienstag, 8. März, abrufbar auf der Homepage des Frauenreferats: www.frauenreferat.frankfurt.de rose

Neben Eichin sitzt beim Interview in einem Café in der Frankfurter Altstadt die 22-jährige Vivien Hashemi. Die Studentin engagiert sich nebenberuflich beim Verein Zan, der sich für die Förderung afghanischer Frauen in Deutschland einsetzt. „Ich mache viel Büroarbeit, viel im Hintergrund“, so Hashemi.

Eichin und Hashemi treffen sich hier zum ersten Mal im realen Leben, dabei sind beide Frankfurterinnen Protagonistinnen des Films „We are not scared anymore. We are angry.“ Der Film, den das Frankfurter Frauenreferat und Frauendezernentin Rosemarie Heilig anlässlich des Internationalen Frauentages in Auftrag gegeben haben, ist ab diesem Dienstag online zu sehen. Dabei erzählen elf Frauen* aus Afghanistan, Polen, Belarus, Österreich, Türkei, Iran, Deutschland, Ägypten und Chile von ihrem Aktivismus, berichten über ihren Alltag.

Pandemiebedingt sind es Videointerviews: Die Frauen sitzen zu Hause vorm Rechner. Hashemi selbst ist in Wiesbaden geboren. „Mein Vater ist in den 1980ern aus Afghanistan geflohen, meine Mutter später. Ich selbst war noch nie in Afghanistan, aber das Schicksal der afghanischen Frauen geht mir sehr zu Herzen.“

Der Verein Zan biete Sprachkurse auf sehr niedrigschwelliger Ebene für Frauen zwischen 25 und 60 Jahren an. Und auch Alphabetisierungskurse. Denn: „Meine Eltern gehörten in Afghanistan einer Minderheit an. Sie haben beide Abitur. Aber viele Frauen, die zu uns kommen, sind nie zur Schule gegangen, sind nicht alphabetisiert“, erzählt Hashemi.

Aber nicht nur die Sprache sei eine Herausforderung für die Frauen. Mit einer ehemaligen Teilnehmerin hat Hashemi den Podcast „Shabnam im Dschungel“ gestartet. „Sie hat Lesen und Schreiben gelernt und holt gerade ihren Hauptschulabschluss nach. Gegen den Willen ihren Mannes. Er wollte, dass sie zu Hause bleibt und auf die Kinder aufpasst. Als sie ankündigte, dass sie sich scheiden lassen will, drohten ihre Schwiegereltern, sie zu ermorden.“ Sie ließ sich trotzdem scheiden. „Und obwohl sie Deutsch kann und ihren Abschluss nachholt, dauert es eben. Sie kämpft sich mit einem 450-Euro-Job durch. Der Podcast soll zeigen, wie schwierig es ist für die Frauen, hier Fuß zu fassen, selbst dann, wenn sie so motiviert sind wie Shabnam.“

Sie selbst wisse, was für ein Glück sie habe, hier in Deutschland, im sicheren Nest geboren zu sein. Hashemi hat ihr Jurastudium aufgegeben, will jetzt Psychologie studieren. „Viele der Frauen, die aus Afghanistan geflüchtet sind, sind traumatisiert. Es fehlen im Verein Menschen, die sie in ihrer Muttersprache psychologisch betreuen können. Ich möchten den Frauen eine Stütze sein, ihnen helfen, hier Fuß zu fassen.“

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