Rosemarie Heilig (Mitte) bei einer Demo gegen Gewalt an Frauen.
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Rosemarie Heilig (Mitte) bei einer Demo gegen Gewalt an Frauen.

Aktionstag

„Frauen sind von Gewalt oft mehrfach bedroht“

  • Georg Leppert
    vonGeorg Leppert
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Die Frankfurter Dezernentin Rosemarie Heilig spricht zum Tag gegen Gewalt an Frauen über Rassismus und Antifeminismus.

Ohne längere Diskussionen haben die Frankfurter Stadtverordneten vor einigen Monaten den Aktionsplan gegen Rassismus beschlossen. Auch Frauendezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) verzichtete auf ihre geplante Rede, schließlich sollen die Sitzungen des Parlaments wegen der Corona-Pandemie schnell enden. Vor dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am Mittwoch betont Heilig die Bedeutung des Kampfs gegen Antifeminismus in dem Papier.

Frau Heilig, nehmen wir an, es gäbe keine Corona-Krise und Sie hätten zu dem Aktionsplan im Römer geredet. Mit welchen Sätzen hätte Sie die FR danach zitiert?

Rechter Wahn geht immer gegen das angeblich Fremde, gegen Vielfalt und Weltoffenheit. Rechter Wahn geht aber immer und gerade auch auf Kosten der Frauen. Erfolgreiche, selbstbewusste Frauen sollen Schuld daran tragen, dass „wir“ zu wenige Kinder bekommen und Positionen besetzen, die Männern vorbehalten sein sollten. Die „Volksgemeinschaft“ und somit die Basis der rechten Ideologie beruht auf einer klaren geschlechtsspezifischen und biologisch begründeten Geschlechterordnung. Der Mann als „Kämpfer der Nation“ und die Frau als „Mutter und Bewahrerin der Nation“. Familienbild und Geschlechterzuschreibungen haben in den letzten Jahren durch rechtspopulistische Entwicklungen ein Rollback erfahren. Deshalb muss eine verantwortliche Stadtregierung gemeinsam und parteiübergreifend dagegenhalten. Und das hat – insbesondere in Kooperation zwischen Frauendezernat, Schuldezernat und Kirchendezernat – zu diesem guten Ergebnis geführt.

Entstanden ist der Aktionsplan nach den Anschlägen in Hanau, die ein rechtsextremes Motiv hatten. Wieso ist es wichtig, in diesem Zusammenhang auf Gewalt gegen Frauen hinzuweisen?

Frauen sind von extremistischer Gewalt oft mehrfach bedroht. Sie werden angefeindet, bedroht oder angegriffen, weil sie selbst einen Migrationshintergrund haben oder sich für Migrantinnen und Migranten einsetzen. Gleichzeitig sehen die Täter sie aber auch als Bedrohung, allein deshalb, weil sie Frauen sind. Da müssen wir uns nur anschauen, an wen der NSU 2.0 vergangenen Juli seine widerwärtigen Briefe mit Androhung sexualisierter Gewalt bis hin zu Morddrohungen geschickt hat. Das war etwa die Anwältin Seda Basay-Yildiz oder die Kabarettistin Idil Baydar. Beides sind starke Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen und sich dort gegen Rassismus und Sexismus engagieren und so für Extremisten eine Provokation darstellen.

Inwiefern?

In der Sicht der männlichen Täter ist die Rollenzuschreibung klar: Frauen sind das schwache Geschlecht. In dieses Bild passen Frauen wie die genannten überhaupt nicht rein. Das können die Männer nicht akzeptieren, gegen solche Frauen kämpfen sie an. Die Basis rechter Ideologie beruht auf einer klaren geschlechtsspezifischen und biologisch begründeten Geschlechterordnung, der Mann als Kämpfer und die Frau als Mutter. Aber auch wenn tradierte Familienbilder und Geschlechtszuschreibungen ein Rollback erfahren haben, beginnt die Diskriminierung von Frauen ja sehr viel früher.

Auch in der Sprache? Zum Beispiel in der Diskussion um das generische Maskulinum, eine Diskussion, die derzeit viele Medien führen und die wir auch bei der FR geführt haben?

Programm

Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen am kommenden Mittwoch, 25. November, gibt es trotz der Corona-Pandemie zahlreiche Aktionen.

Eine Menschenkette gegen Übergriffe gegen Frauen und Mädchen ist für 16.30 Uhr geplant. Treffpunkte sind von 16 Uhr an der Tiefkai des südlichen Mainufers am Eisernen Steg und die Untermainbrücke . Organisiert und unterstützt wird die Aktion vor allem vom Bündnis Frankfurt für Frauenrechte. Um die Hygienevorschriften zu erfüllen, stellt das Frauenreferat orangefarbene Masken und zwei Meter lange Abstandsbänder zur Verfügung gestellt.

Am Eisernen Steg hängt seit vergangener Woche ein pinkfarbenes Banner mit der Aufschrift „Respekt. Stoppt Sexismus“ und „Mein Nein meint Nein“. Die Botschaft ist in elf Sprachen abgedruckt. Das Banner soll bis zum 11. Januar hängen bleiben.

Als sichtbares Zeichen gegen Gewalt sollen wichtige Gebäude in Frankfurt am Mittwoch in Orange erstrahlen. Von 17 Uhr an werden etwa die Alte Oper, die Paulskirche, das Historische Museum, das Architekturmuseum, das DGB-Gewerkschaftshaus, die EZB, die Frankfurt School of Finance & Management, verschiedene Geschäfte in der Braubachstraße und der Hessische Rundfunk in ein orangenes Licht getaucht. (geo)

Richtig, und ich bin froh, dass sich auch bei der FR etwas bewegt hat und nicht mehr einfach nur „die Bürger“ im Blatt auftauchen. Wir wissen natürlich beide, dass alleine über Sprache die Welt der Männer nicht aus den Angeln zu heben ist. Aber genauso gilt: Sprache ist Macht, und eine männlich dominierte Sprache kann Frauen von vornherein partiell ausschließen. Das kann antifeministische Motive haben, dass man Frauen bewusst herabsetzen will. Oft ist es aber auch einfach Unachtsamkeit.

Sie haben gemeinsam mit Personaldezernent Stefan Majer eine Initiative für geschlechtergerechte Sprache in der Stadtverwaltung gestartet. Die Antwort vom CDU-Kreisvorsitzenden Jan Schneider kam prompt: Die Verwaltung habe in der Corona-Pandemie keine Zeit sich ums Gendern zu kümmern. Wie bewerten Sie diese Aussage?

Ich kann mich noch gut erinnern, dass vor gar nicht langer Zeit in städtischen Stellenanzeigen hochdotierte Amtsleiter und Geschäftsführer sowie eher schlecht bezahlte Sekretärinnen und Kindergärtnerinnen gesucht wurden. Und so war es dann auch selbstverständlich, dass sich auf die hochdotierten Stellen die Männer und auf die anderen die Frauen beworben haben. Auch das zu ändern – zumindest als Botschaft in den Anzeigen – war damals mit großer männlicher Aufregung verbunden, und mit den gleichen vorgeschobenen Argumenten wie heute.

Aber hat Schneider nicht recht, dass die Verwaltung in der Corona-Krise derzeit ohnehin sehr beansprucht ist?

Emanzipation kommt für konservative, manchmal auch für angeblich fortschrittliche Männer immer zum falschen Zeitpunkt. Das war so bei der Einführung des Frauenwahlrechts in den harten Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg. Das war so bei der autonomen Frauenbewegung 1968 und den Vorbehalten im männlich dominierten SDS, bei dem doch eigentlich der Klassenkampf im Zentrum stehen sollte, und das gilt heute immer noch. Wir haben uns nie im Kampf um mehr Gleichberechtigung aufhalten lassen. Wir lassen uns auch nicht von einer Pandemie aufhalten. Erst recht nicht, weil es auch hier wieder die Frauen sind, die die Hauptlast der Einschränkungen tragen.

Nehmen wir an, die Grünen können nach der Kommunalwahl fünf Posten im hauptamtlichen Magistrat besetzen. Dann ist völlig klar, dass drei davon an Frauen gehen. Verstehen Sie Männer, die sich über dieses Prinzip beschweren?

Schön, dass Sie ein für die Grünen so erfreuliches Wahlergebnis für möglich halten, das könnte dann sicher an unserer konsequenten Frauenpolitik liegen. Die Einwände gegen eine paritätische Besetzung von Ämtern und Führungspositionen sind so alt wie längst widerlegt. Es heißt, es müsse doch nach Qualifikation gehen und nicht nach Geschlecht. Tut es aber ja nicht, sonst wären Führungspositionen nicht so ungleich besetzt. Bei den Grünen gibt es wie in allen anderen Parteien auch hervorragend qualifizierte Frauen, die muss man eben fördern. Die Grünen sind die politischen Vorreiter:innen, und gerade jetzt, wo andere Bereiche vorsichtig nachziehen – selbst in den Aufsichtsräten von DAX-Konzernen – wäre es ja absurd, wenn wir nun das Frauenstatut zur Disposition stellen würden.

Noch einmal zum Aktionsplan: Was muss die Stadt konkret tun, um gegen Antifeminismus vorzugehen?

Wir haben 35 Frauenprojekte in der Stadt, das ist eine sehr gute Basis. Diese müssen weiter gefördert und auch ausgebaut werden. Wichtig ist auch, dass die Projekte sichtbar werden, etwa jetzt mit der Plakatkampagne „Macht euch nicht so breit, Jungs! – Alle Frauen* und Mädchen* haben das Recht auf Respekt“. Und wichtig ist auch, dass wir trotz Corona ein umfangreiches Programm zum Tag gegen Gewalt an Frauen bieten.

Interview: Georg Leppert

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