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Frau Baumanns Gespür für Holz

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Von: Thomas Stillbauer

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„Ich freue mich jeden Tag, wenn ich in den Wald kann.“ Tina Baumann.
„Ich freue mich jeden Tag, wenn ich in den Wald kann.“ Tina Baumann. © christoph boeckheler*

Die Frankfurter Forstchefin sorgt sich im Jubiläumsjahr um den Stadtwald. Doch sie strahlt auch viel Zuversicht aus / Von Thomas Stillbauer

Wie schnell das ging. Wie schnell und wie brutal es dem Wald an den Kragen ging. Keine zehn, gerade mal acht Jahre ist es her, dass die FR bei der Forstchefin anfragte: Und der Wald? Wie geht’s dem? „Dem geht’s gut“, antwortete Tina Baumann. Februar 2014. Die Sterbeszenarien von einst hätten sich nicht bewahrheitet. „Die Schadstoffreduzierung in vielen Bereichen hat gewirkt, vieles wurde auch zu schwarzgemalt.“

Heute geht es dem Wald schlechter denn je, praktisch alle Bäume sind krank, viel zu viele längst umgefallen oder abgesägt, mancherorts ein Bild wie bei einem riesigen Mikadospiel – und das im Jubiläumsjahr. 650 Jahre Stadtwald, und was nun?

„Egal von wo man reingeht, es sieht nirgends so aus wie zuvor, sagt Tina Baumann, die Abteilungsleiterin Stadtforst im Grünflächenamt. Früher hätte man sie Forstamtsleiterin genannt, noch früher Oberförsterin, die Bezeichnungen haben sich geändert, die Zuständigkeit blieb. Baumann ist verantwortlich für die etwa 6000 Hektar Stadtwald, die gut ein Siebtel der Fläche Frankfurts bedecken und – so wollen es die alten Verträge – auch einen erklecklichen Teil des Taunus.

Dort oben, Richtung Frankfurter Hausberg, Richtung Feldberg also, in Schmitten, Glashütten, „dort ist es ganz schlimm“, sagt die 43-Jährige, „dort ist teilweise gar nichts mehr da“. Selbst die Forstleute müssten sich ganz neu orientieren, weil jahrzehntealte Wegmarken, besonders die Nadelbäume, einfach verschwunden seien. Mehr als 150 Hektar fehlten dem Stadtwald schon.

Konnte sie es ahnen? Wenn schon wir normalen Menschen 50 Jahre lang die Warnungen vor dem Klimawandel nicht ernst genommen haben und die Folgen für den Wald nicht überblicken konnten – was wusste die Fachfrau? „Im Studium, na klar, haben wir viel über sauren Regen gelernt“, erinnert sie sich. „Dagegen haben wir aber Maßnahmen gefunden, das Problem hatten wir im Griff.“ Dann kam 2003, das erste harte Trockenjahr des neuen Jahrtausends. Baumann verfasste damals eine Studienarbeit über die Schäden. „Aber wenig später schien alles wieder gut.“

Die gebürtige Schwäbin, die die Doktorwürde für ihre Forschung über den Weg des Holzes vom Wald bis ins Werk erhielt und darüber, wie man diesen Weg optimieren kann, ist seit 2008 in Frankfurt. Zunächst als Stellvertreterin des Forstabteilungsleiters, dann von Ende 2013 an selbst an der Spitze, als erste Frau in dieser Position, von allen anerkannt und geschätzt, intern wie extern. Ob als Baumerklärerin beim Besuch von Kindern im Wald, ob als Kommandogeberin bei der Hubertusjagd, Tina Baumann findet den richtigen Ton. Tina Baumann hat es im Griff.

ZUR PERSON

Tina Baumann, 43, ist seit Ende 2013 die Abteilungsleiterin Stadtforst im Frankfurter Grünflächenamt. In ihre Amtszeit fiel beispielsweise die Zertifizierung des Stadtwalds nach den Umweltnormen des Forest Stewardship Council (FSC).

Der Stadtwald wird in diesem Jahr 650 Jahre alt – das heißt: 1372 verkaufte Kaiser Karl IV. den Wald für 8800 Gulden an Frankfurt. Das wird gefeiert: am kommenden Mittwoch mit geladenen Gästen im Institut für Stadtgeschichte und am Sonntag, 29. Mai, von 12 bis 17 Uhr mit einem großen Jubiläumsfest im Wald. Mehr dazu auf der städtischen Internetseite frankfurt.de

Nur den Klimawandel, den nicht. „Ehrlich gesagt, hätte ich das nicht gedacht. Dass es solche Ausmaße annimmt, damit habe ich nicht gerechnet.“

Was ihr allerdings schon frühzeitig Sorgen machte, waren die warmen Winter. „Früher auf der Schwäbischen Alb haben wir manchmal gar nicht in die Schule gekonnt, weil zu viel Schnee fiel“, sagt sie. „Hier, später, dann das ganz krasse Gegenteil.“ Aber dass der Wald so bald in seiner Existenz bedroht sein könnte? „Selbst die Wissenschaft ist gerade überrascht von dem Tempo, in dem die Erderwärmung vorangeht.“

Wenn sie jetzt in den Taunus fährt, ist die Windschutzscheibe zeitweise „schwarz von Borkenkäfern“. Den Bäumen fehlte irgendwann die Kraft zur Gegenwehr. Seit drei, vier Jahren, seit den Hitzesommern 2018 und 2019, geht es in den vielen Anfragen, die sie von Journalisten, aber auch von Bürgerinnen und Bürgern erhält, fast nur noch um das eine Thema: Wie geht es dem Wald? Schaffen wir das?

Die Sorge ist groß, aber auch das Verantwortungsgefühl vieler Menschen, die die Natur lieben. Sie engagierten sich, lobt Baumann. Und muss im nächsten Atemzug auf jene zu sprechen kommen, die eben nicht so sorgfältig sind. Die in Scharen mit ihren Mountainbikes und Geocaching-Trips in den geschundenen Wald strömen. Das wäre in Ordnung, wenn sie auf den Wegen blieben. Aber es wachse auch der Müllberg, es gebe viel mehr illegale Partys, zerstörerisches Verhalten und Lärm, zählt Tina Baumann auf. Corona habe dazu beigetragen, die Menschen träfen sich eben mehr draußen, und das sei nicht verboten. „Aber das Recht auf Wald wird oftmals stärker in Anspruch genommen, als es dem Wald guttut.“

Dazu der menschengemachte Klimawandel. „Ich finde das schlimm“, sagt Baumann. „Im Grunde zerschlagen wir unser eigenes Haus.“ Die Gegenmaßnahmen müssten viel schneller kommen, mit viel strikteren Regeln, fordert sie. Alle seien gefordert, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Geräte nicht auf Standby eingeschaltet lassen. Auf unnötige Autofahrten verzichten. Müll entsorgen. „Wir haben eine soziale Verantwortung.“ Und sie zollt der Taunusstadt Königstein Anerkennung, die bereits formell die Wasserknappheit ausgerufen hat; das führt zu Einschränkungen für die Bevölkerung beim Verbrauch.

Auf der anderen Seite steht die Zuversicht: Der Frankfurter Stadtwald habe gute Voraussetzungen, dem Klimawandel so lang wie möglich standzuhalten, weil die Kollegen schon früh, bei den Nachkriegsaufforstungen, Laubbäume gepflanzt hätten. „Wir haben hier einen schönen bunten Mischwald“, sagt die Forstchefin. „Dieser Wald hat ein gutes Regenerationsvermögen.“ Und alle seien dabei, Lösungen für die Zukunft zu suchen. „Da muss man viel, aber auch nicht zu viel machen.“ Heimische Baumarten sind immer noch erste Wahl.

„Ich freue mich jeden Tag, wenn ich in den Wald kann“, sagt sie. „Ich bin dafür da mitzuhelfen, dass wir das hinkriegen. Und wir haben hier sehr gute Leute, die genau wissen, was sie tun.“ So wie Tina Baumann das sagt, könnte man glatt wieder Hoffnung schöpfen für den guten alten Stadtwald.

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