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Bei Onkel Emmo, dem Laden im Westend, einem von Sylvia Schenks Lieblingsorten.
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Bei Onkel Emmo, dem Laden im Westend, einem von Sylvia Schenks Lieblingsorten.

Anwältin Sylvia Schenk

Die Frau, die Ärger macht

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Die Anwältin Sylvia Schenk, einst Sportlerin, kämpft heute bei Transparency International gegen Korruption. Sie hat Idole stürzen sehen: jetzt Uli Hoeneß. Schenks Urteil ist nun rund um die Uhr gefragt

Die Anwältin Sylvia Schenk, einst Sportlerin, kämpft heute bei Transparency International gegen Korruption. Sie hat Idole stürzen sehen: jetzt Uli Hoeneß. Schenks Urteil ist nun rund um die Uhr gefragt

Es geht auf Mittag zu. Ein köstlicher Duft zieht aus dem Inneren des kleinen Ladens durch die geöffnete Tür nach draußen. Francesco Cammarata kocht heute Penne, wahlweise arrabiata oder mit grünem Pesto. In den Regalen reihen sich Weinflaschen, Beutel mit Gewürzen, Öle. Seit 35 Jahren bietet der italienische Kaufmann unter dem Namen Onkel Emmo hier im Westend diese kleine Zuflucht für Feinschmecker an. Auf der Auslage draußen stapeln sich Melonen, Auberginen, Äpfel. Kleine Stehtische ziehen Gäste an, Cammarata serviert Espresso, heiß und stark.

Sylvia Schenk kommt schon ewig um die Mittagszeit zu Onkel Emmo, schwärmt vom allwöchentlichen Schnitzeltag. Die Rechtsanwältin lebt und arbeitet in der Nähe, scherzt mit den Eheleuten Cammarata, liebt die familiäre Atmosphäre. Für Schenk ist es ein Rückzugsort aus einem hektischen Alltag, der für die Juristin derzeit noch ein wenig angespannter ausfällt. Denn sie ist seit Jahren das Gesicht von Transparency International in Deutschland, der Organisation, die weltweit Korruption bekämpft.

Und gerade sorgt ein besonders Prominenter für Schlagzeilen, dem Steuerhinterziehung in Millionenhöhe nachgesagt wird: Uli Hoeneß, der Präsident des Mega-Sportvereins Bayern München. Und Schenks Urteil ist rund um die Uhr gefragt. „Es ist eigentlich tragisch“, sagt sie nachdenklich. Die frühere Leichtathletin hat den Mann über Jahre als eine Art moralische Instanz wahrgenommen: „Dahin zurückzukehren wird für ihn ganz schwer.“ Die 60-Jährige glaubt, dass Hoeneß’ Leistungen „als Sportler und als Manager bleiben werden“. Aber als Mensch besitze er nur dann eine Chance, wenn er „Reue“ und „Demut“ zeige, „tätige Wiedergutmachung“ leiste. „Er war ja schon immer sozial eingestellt“, fügt die frühere Leichtathletin hinzu, als ob sie dem ehemaligen Fußballer eine Brücke bauen wollte.

Der Sturz von Idolen: Schenk hat ihn schon so oft erlebt. Gerade beim Leistungsradsport versucht sie seit Jahren Licht in ein undurchdringliches Geflecht von Doping, Bestechung, Abhängigkeiten zu bringen.

Es ist schwer, sehr schwer. Nach nur drei Jahren trat sie als Präsidentin des Bunds Deutscher Radfahrer (BDR) im Jahre 2004 zurück – Auslöser war der Fall eines Radlers im deutschen Olympiakader, über dessen „auffällige Blutwerte“ sie von ihrem eigenen Sportdirektor nicht informiert worden war.

Natürlich gebe es noch immer „Fans, die verdrängen“ – denen es einfach egal ist, dass zum Beispiel der Tour-de-France-Seriensieger Lance Armstrong nach langem Leugnen das Doping eingestand. „Die Tour de France spielt in Frankreich als nationales Heiligtum eine besondere Rolle.“

Die frühere Richterin am Arbeitsgericht spricht schnell, stets wie druckreif, aber nicht laut, mit sparsamen Gesten. Ihre hagere Gestalt scheint ständig in Bewegung. Ringsum sammeln sich immer mehr Hungrige an den Stehtischen.

2005 schied sie auch aus dem Vorstand des Weltradfahrverbands UCI – wegen dessen „sehr intransparenter Vorgehensweise“. Weiter ins Detail möchte sie nicht gehen.

Kampf für Frauenfußball

Und doch: Die ehemalige Deutsche Meisterin im 800-Meter-Lauf sieht Fortschritte. Nicht nur im Kampf gegen Korruption. Auch was die Position der Frauen angeht. Als sie sich in den 70er Jahren für die Einführung des Frauenfußballs starkmachte, antwortete ihr ein hoher Funktionär des Deutschen Fußballbunds (DFB) lachend: „Sie wollen doch auch nicht, dass Frauen boxen, oder?“ Heute schmückt sich der DFB mit dem Erfolg „seiner“ Fußballerinnen – und Frauenboxen ist international gefragt, obwohl Schenk da eher das Gesicht verzieht.

Sie weiß, dass Fortschritte Zeit brauchen. Sie ist zäh genug für diesen langsamen Wandel. Spätestens der Korruptionsskandal im Weltfußballverband FIFA 2010 habe vielen Menschen die Augen geöffnet: „Man kann jetzt nicht mehr verdrängen.“

Ihr Verhältnis zu hohen deutschen Sportfunktionären ist durch ihr Engagement bei Transparency International nicht besser geworden. Zu Thomas Bach, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes, fällt ihr erst mal gar nichts ein. Dann sagt sie nur: „Mir ist nicht klar, wofür Bach inhaltlich steht.“ Die Penne mit grünem Pesto kommen auf den Tisch, genau auf den Punkt gekocht, köstlich. Stimmengewirr, Gelächter ringsum.

Schenk weiß, dass ihr Tempo, ihre Auffassungsgabe manche überfordern. Sie lacht. „Mein Mann hält das gut aus!“ Sie ist mit dem ehemaligen 800-Meter-Läufer Franz-Josef Kemper verheiratet.

Sie versucht, nicht ungeduldig zu sein. „Ich nehme Rücksicht, ich erkläre die Sachen genauer.“ Die Enkelin eines deutsch-baltischen Großvaters aus Riga bekam schon als kleines Kind Regeln mit: „Nicht schummeln!“ Oder „Sehr korrekt sein!“

Auch ihrer Familiengeschichte ging sie auf den Grund, sammelte alte Fotos, recherchierte. Mit einer entfernten Cousine im Baltikum hält sie E-Mail-Kontakt, auf Russisch. Dieses Hartnäckige, dieses Nachsetzen ist ihr zur zweiten Natur geworden. Das kommt nicht bei allen gut an. Zum Beispiel diese Sache mit den Olympischen Spielen. 1972, als junge Leichtathletin im Olympiakader (Platz 20 im 800-Meter-Lauf) wurde sie Zeugin des brutalen Überfalls auf die israelische Mannschaft. „Wir waren 250 Meter weit weg, wir haben die Hubschrauber gehört und die Schüsse.“ Ein Befreiungsversuch der Polizei misslang: Elf Geiseln und ein Polizeibeamter starben.

„Der deutsche Sport hat das bis heute nicht verarbeitet“, klagt Schenk. Ihr Versuch, zum 40. Jahrestag des Geschehens eine Trauerminute vor Ort durchzusetzen, wurde „vom Internationalen Olympischen Komitee abgeschmettert“.

Die ehemalige Vorsitzende von Transparency International in Deutschland (2007 bis 2010) zuckt mit den Schultern.

Mit Ex-OB Hauff im Reinen

Für einige Augenblicke sieht sie müde aus. Doch dann reißt sie sich wieder zusammen. Es gibt genug zu tun. Gerade hat der hessische SPD-Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel Schenk in das Gremium berufen, das ein 100-Tage-Regierungsprogramm für die Zeit nach dem erhofften Wahlsieg am 22. September erarbeiten soll.

Es liegt schon länger zurück, dass die Sozialdemokratin als Sportdezernentin in Frankfurt arbeitete, von 1989 bis 2001 war das. Nur wenige Jahre bis 1995 blieben damals einer rot-grünen Römer-Koalition für den Versuch, der Politik im Römer eine neue Richtung zu geben: mehr Ökologie, mehr Demokratie. „Was hätten wir machen können, wenn uns länger Zeit geblieben wäre“, sagt sie mit Bedauern in der Stimme.

Am 15. Juni 1989 übernahm die rot-grüne Stadtregierung „leere Büros“ im Rathaus, am 9. November „kam die Wende“: Die Mauer fiel, DDR-Bürger strömten auch nach Frankfurt. Die alte Politik des Westens brach zusammen. Wenig später wurde die Frankfurter Kommunalpolitik von einem bis heute einmaligen Vorgang erschüttert. Im März 1991 floh Oberbürgermeister Volker Hauff (SPD) entnervt von den Querelen mit seiner Partei aus Frankfurt, von nun an ging es endgültig bergab mit Rot-Grün.

„Wir hatten null Zeit, etwas aufzubauen“, klagt Schenk heute. OB Hauff habe sich „nie richtig mit seinem Amt identifiziert“. Aber auch die SPD in Frankfurt trage Schuld: „Unser Umgang untereinander war schwierig.“ Sie fügt hinzu: „Wir haben uns alle gegenseitig überfordert.“ Mit Volker Hauff ist die damalige Stadträtin im Reinen: Die beiden haben sich ausgesprochen, erst kürzlich.

Auch bei diesem Kapitel ihres Lebens urteilt die frühere Dezernentin: „Die SPD hätte diese Zeit aufarbeiten müssen – das ist nie geschehen.“

Schenk muss über sich selbst lachen. Jetzt hat sie sich wieder unbeliebt gemacht. Eine nachdenkliche Pause. „Ich bin halt eine, die sagt: lieber gleich!“ Und die sich damit Ärger einhandelt. Das sei schon so gewesen in ihrem ersten Amt: als Klassensprecherin.

Die Tochter eines Mediziner-Ehepaars kann irgendwie nicht anders. Und doch zeigt sie sich durchaus stolz auf das, was Sozialdemokraten und Grüne in Frankfurt Anfang der 90er Jahre erreicht hätten. Zum Beispiel das Wohnen am Strom, erstritten gegen vielerlei Widerstände: „Was haben wir damals für die Bebauung des Schlachthofgeländes in Sachsenhausen gekämpft.“ Mit dem Ergebnis ist sie sehr zufrieden: „Da wohnen heute Leute.“

Ringsum leeren sich die Stehtische langsam. Die Banker, die Anwälte, die Makler streben zurück in ihre Büros. Auch Schenk muss wieder an ihren Schreibtisch. Es gibt Interviewanfragen zuhauf, der Fall Hoeneß drängt.

Sylvia Schenk wird weiter kämpfen bei Transparency International, sich weiter nicht diplomatisch verhalten. „Ich bin Ärger gewohnt.“ Sagt sie knapp. Es hört sich an wie ein Motto.

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