+
Christain Setzepfandt auf dem Hühnermarkt in der neuen Altstadt. Diese Touren sind momentan äußerst begehrt.

Porträt der Woche

Christian Setzepfandt - der ewige Frankfurter führt durch die Stadt

  • schließen

Christian Setzepfandt ist Gästeführer und kennt fast jeden Winkel der Stadt – ein Porträt.

Der Mann mit den kurzgeschorenen Haaren ist in Frankfurt fast so etwas wie ein Tausendsassa. Er ist Moderator, Autor, Vorstandsmitglied in der Aids-Hilfe und war auch fünf Jahre ehrenamtlicher Stadtrat. In seiner Hauptfunktion ist Christian Setzepfandt aber Gästeführer. „Und das seit 40 Jahren“, sagt der 61-Jährige.

Setzepfandt ist ein ewiger Frankfurter. Geboren und aufgewachsen im Westend, bezeichnet er sich selbst als Westend-Kind. Auf der einen Seite aus gutem, bürgerlichem Haus und auf der anderen Seite ein kritischer Geist, durch die 68er-Bewegung, bei der er elf Jahre alt war. Auf seine Wurzeln im Westend greift der 61-Jährige auch bei seinen Führungen im Stadtteil zurück. „Das Viertel hat mehrere Häutungen hinter sich. Die vielen Veränderungen sind spannend.“

In den 60er Jahren ließen sich seine Eltern scheiden. Was heute nichts Ungewöhnliches mehr ist, war zur damaligen Zeit verpönt. „Es war schwierig für meine Mutter“, erinnert sich Setzepfandt. Manchmal sei es auch schwierig für ihn selbst gewesen. Sein Vater war Architekt, und noch heute finden sich einige Häuser in Frankfurt, die der Vater entworfen hat.

Nach seiner Schulausbildung wollte Christian Setzepfandt studieren, was dem Vater ein Dorn im Auge war. Er verweigerte seinem Sohn die finanzielle Unterstützung. Doch der ließ sich nicht beirren, studierte Kunstgeschichte und schloss das Studium auch ab. „Das war der Anfang meiner Karriere als Stadtführer.“

Um sich zum Studium etwas dazuzuverdienen, begann der heute 61-Jährige parallel eine Ausbildung als Stadtführer beim damaligen Verkehrsverein – heute Tourismus und Congress GmbH. „Man hatte eine hohe Flexibilität, wann man Touren macht. Das ist heute auch noch so.“ Für ihn war schnell klar, dass das der Beruf sei, den er machen wolle. Mittlerweile sei er der zweitdienstälteste Stadtführer in Frankfurt – nur ein Jahr hinter Gabriele Spanuth. Seine ersten Sporen verdiente sich Setzepfandt bei „schwierigen Gruppen“, wie er selber sagt. Letztendlich aber ein Glücksgriff, weil er früh lernte, anstrengende Touren zu meistern.

Etwa 100 Touren  im Repertoire

Auch sonst antizipierte er früh, manche Dinge anders zu machen. „Man muss lernen, auf Dinge zu gucken, die abseits des Offensichtlichen liegen“, sagt der Stadtführer. Diese Dinge übertrug er auf seine Themen und schuf sich ganz neue Touren. Wo andere beispielsweise nach Anne Frank schauten, blickte Setzepfandt neugierig auf ihren Vater Otto Frank und informierte sich über dessen Zeit in Frankfurt.

Etwa 100 Touren habe er im Repertoire, aber natürlich werde nicht jede regelmäßig gebucht. Viele Themen unterliegen Schwankungen. „Führungen zum Stadtteil Höchst gingen früher gut, heute kaum noch. Fünf Jahre lang gab es einen richtigen Bahnhofsviertel-Hype. Und nun ist es die Altstadt.“ Jeder Stadtführer habe heute die Altstadt im Angebot. „Das wird uns noch eine ganze Weile erhalten bleiben“, mutmaßt Setzepfandt. Dabei seien es nicht nur Touristen aus anderen Bundesländern, sondern zum Großteil auch Menschen aus Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet. Die Leute würden sich für die politischen Zusammenhänge und die Entstehung der neuen Altstadt interessieren. Setzepfandt profitiert davon, dass er schon zu Bauzeiten Führungen machte und hautnah miterlebte, wie Stein auf Stein gesetzt wurde. „Es ist ein großes Geschenk, hinter die Wände zu gucken.“

Doch der 61-Jährige, der mittlerweile im Nordend lebt, kann mehr als nur Altstadt. Seit 2000 hat Setzepfandt eine Führung rund um die ermordete Prostituierte Rosemarie Nitribitt in petto. Am meisten Spaß machen dem Stadtführer die kulinarischen Touren rund um Apfelwein, Bier, Grüne Soße oder Frankfurter Würstchen. „Diese Touren laufen auch sehr gut. Da bekommt man Informationen und was in den Magen“, erklärt er und lacht.

Bei seiner ersten Bierführung hatte Setzepfandt einen Braumeister von Binding dabei. Dieser offenbarte sich aber erst nach der Tour. „War alles richtig“, habe er gesagt – bis heute ein schönes Lob für den Stadtführer.

Vor einiger Zeit habe ihn mal jemand den Frankfurtverführer genannt. Weil er den Menschen Lust auf die Stadt mache. Weil er zeige, dass Frankfurt eben nicht nur Kriminalität, Drogen und kalter Stahl ist. „In Frankfurt gibt es wahnsinnig viel zu entdecken. Man kann immer andere Sachen und auch andere Seiten zeigen.“

Um das zu erkennen, brauche es oftmals aber viel Recherche – und die sei meistens zäh. Mal gilt es, Grabakten zu durchforsten, mal muss er eines der 3000 Bücher über die Stadt in seiner Wohnung lesen oder auf sein Zeitungsarchiv zugreifen. Trotz mühseliger Arbeit findet Setze-pfandt die Recherche toll. „Die Informationen sind wie Mosaiksteinchen, zwischen denen man eine Verbindung herstellt.“ Für den Beruf brauche es Disziplin. Man lerne sich selbst kennen, aber auch andere besser einzuschätzen. „Man darf nicht schüchtern sein.“

Gibt es überhaupt noch einen Ort in Frankfurt, den Christian Setzepfandt nicht kennt? „Ich habe eigentlich schon den Anspruch, über jeden Ort in der Stadt irgendetwas erzählen zu können“, sagt er. Dann überlegt er kurz und fügt an: „Ich war zum Beispiel noch nie in der Vogelschutzwarte in Mainkur oder bei der Schlaraffia in Oberrad. Und auch die Bunker unter dem Hauptbahnhof würde ich gerne sehen.“ Also bietet die Stadt dem Mann, der schon auf allen Kirchtürmen war, doch noch unbekannte Orte – bis auf Weiteres.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare