Frankfurt

Frankfurt:Unbemerkter Tod im Gleisbett

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
    schließen

U-Bahn-Fahrer wegen fahrlässiger Tötung vor dem Amtsgericht / Prozess eingestellt

Die Tragödie in der Nacht auf den 27. Juni 2019 beginnt mit einer Slapstickeinlage. Der 33-jährige schwer alkoholisierte Marcel T. versucht sich am Bahnsteigrand der U-Bahnstation Nieder-Eschbach in Turnübungen. Es ist, das zeigen die Aufnahmen der Überwachungskamera, 23.37 Uhr, als er auf die Gleise stürzt. Er versucht aufzustehen, ist aber zu betrunken und bleibt schließlich auf den Schienen liegen.

Um 23.46 Uhr wird er von einer U-Bahn der Linie 2 überrollt. Die Bahn trennt sein rechtes Bein ab. Niemand bemerkt den Unfall. Nicht der Lokführer Orcun P., der erst gegen 3 Uhr von der Polizei aus dem Bett geklingelt und informiert werden wird. Nicht der Pfandflaschensammler Horst L., der kurz zuvor Marcel T. begegnet war. Nicht die Passagiere, die an der Station die U-Bahn verlassen. Nicht die Fahrer der nächsten U-Bahnen, die über die Unfallstelle fahren.

Erst gegen 1 Uhr fällt dem Fahrer einer entgegenkommenden Bahn auf, dass auf den Nachbargleisen ein Körper liegt. Doch da kommt bereits jede Hilfe zu spät. Die Reanimierungsversuche des Rettungsteams bleiben erfolglos.

Die Staatsanwaltschaft wirft Orcun P. vor, sich vor der Einfahrt „nicht in ausreichendem Maße überzeugt zu haben“, dass die Schienen frei seien. Deshalb muss sich der 29 Jahre alte Vater eines zweijährigen Sohnes und einer einjährigen Tochter am Donnerstagmorgen wegen fahrlässiger Tötung vor dem Amtsgericht verantworten. Zunächst schweigt er zur Anklage.

Dafür redet Horst L. im Zeugenstand. Der 62-Jährige, der seine Rente durch das Sammeln von Pfandflaschen aufbessert, hatte kurz vor dem Unglück seine übliche Nachtsammelrunde gedreht, als sich plötzlich der ihm unbekannte Marcel T. vor ihm aufgebaut habe. Er gibt folgenden Dialog wieder: T.: „Ich mördere dich!“ L.: „Was willst du?“ T: „Ich bin Mörderer!“ L.: „Pass’ auf, dass ich nicht dich mördere.“ Da habe T. gelacht, „War nur Spaß!“ gesagt und sich getrollt. Kurz darauf sei er verschwunden gewesen. Heute weiß L., das T. gelogen hat: Er war kein Mörder, sondern Bauarbeiter aus Osteuropa auf Montage.

Er habe damals noch nach T. Ausschau gehalten, weil ihm etwas mulmig gewesen sei, ihn aber nirgendwo auf dem Bahnsteig entdecken können. Ob er auch auf dem Gleisbett nachgeschaut habe, will die Staatsanwältin wissen. „Ja“, sagt L., „aber da war es viel zu dunkel, um etwas sehen zu können, das Gleisbett ist doch nicht beleuchtet. Da siehst du gar nichts.“

Der sachverständige Gutachter ist anderer Ansicht. Er hat die Todesfahrt nachfahren lassen, mit einer Kamera im Führerstand und einem Dummy auf den Gleisen. Natürlich seien „die Bahnsteige besser ausgeleuchtet als das Gleisbett“, der Film beweise aber, dass Orcun P., wenn er aufmerksam gewesen wäre, „spätestens vor der Kollision hätte sehen müssen, dass da ein Objekt ist, das menschlichen Charakter hat“. Ob P. den Unfall dann noch hätte verhindern können, sei eine andere Frage, und die Antwort laute wohl: nein.

Der Richter kommt beim Anschauen des Videos nicht zu dem Schluss, dass P. den Körper zwingend gesehen haben müsste. Und so findet der Prozess durch eine bei einem Tötungsdelikt seltenen Einstellung nach Paragraf 153a der Strafprozessordnung ein Ende. P. muss 2500 Euro an Marcel T.s Bruder zahlen.

Noch vor der Einstellung wegen minderschwerer Schuld findet Orcun P. seine Sprache wieder. Es tue ihm leid, sagt er, er habe nichts bemerkt, er sei seit Jahren Fahrer und bislang nur in wenige Unfälle mit maximal Blechschäden verwickelt gewesen. Nach diesem Unfall habe er psychologische Hilfe bekommen, seit Februar fahre er wieder. „Aber diese Sache ist immer mit mir.“ So wie die Sache mit dem Hund, der einmal auf den Gleisen gestanden habe. Er habe eine Vollbremsung eingeleitet, ein paar Fahrgäste hätten später darüber gemeckert, der Zug aber sei wenige Zentimeter vor dem stoischen Hund zum Halten gekommen. Nie werde er diese Zeit zwischen Bremsung und Stillstand vergessen, in der er so hilflos gewesen sei. „Diese Zeit“, sagt er, „die bringt dich um.“

Kommentare