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Birgitta Wolff.

Bildung

Frankfurts Uni-Präsidentin Wolff: „Wir versuchen allen Studierenden virtuell alles zu bieten“

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Die Präsidentin der Frankfurter Goethe-Universität Birgitta Wolff erklärt im Interview, wie sich die Corona-Pandemie auf den Unibetrieb im Sommersemester auswirkt.

Auf den Wiesen des Campus Westend der Frankfurter Goethe-Universität sonnen sich ein paar junge Frauen, ein Rentnerpaar geht auf dem Campusgeländes spazieren, zwei junge Männer spielen vor dem Eingang des großen Hörsaalgebäudes Federball. Aber ansonsten ist wenig los, die Türen zu den Hörsälen sind verschlossen. Das wird sich auch nicht am 20. April, dem offiziellen Sommersemesterbeginn, ändern. Denn wegen der Corona-Pandemie wird zunächst an den Hochschulen ausschließlich digital gelehrt. Die Präsidentin der Frankfurter Goethe-Universität Birgitta Wolff (54) erzählt im Interview was die Studierenden erwartet.

Dieses Sommersemester ist ein sehr ungewöhnliches. Es wird zumindest in den ersten Wochen keine Präsenzveranstaltungen aufgrund der Corona-Pandemie geben. Seminare und Vorlesungen laufen ausschließlich virtuell ab. Das ist für alle Studierenden ungewohnt. Aber doch besonders ein komischer Start für die Erstsemester, oder Frau Wolff?
Absolut. Aber auch für mich ist es eine sehr ungewohnte Situation. Auf dem Campus ist es gerade gespenstisch still. Eigentlich gäbe es jetzt eine Campusführung nach der anderen und tolle Orientierungsveranstaltungen, die die Fachschaften organisieren. Eigentlich hätte ich heute auch im Audimax die Erstis persönlich begrüßt. Jetzt spielt sich alles im Internet ab. Dort sagen wir den Studierenden, wie wir dieses Ausnahmesemester gemeinsam in Angriff nehmen wollen. Da geht es natürlich auch um die richtigen Spielregeln …

Wie sind denn die Spielregeln?
Wir versuchen allen Studierenden virtuell alles zu bieten, was in unseren Kräften steht. In jedem Fall sollte es auch im Ausnahmesemester für sie möglich sein, die notwendigen 30 Kreditpunkte zu erwerben. Aber ob das wirklich klappt, können wir jetzt noch nicht hundertprozentig garantieren. Und deswegen haben wir uns als Hochschulen zusammen mit Land und Bund auf zahlreiche Ausnahmen geeignet. Selbst dann, wenn einige Studierende – aus welchen Gründen auch immer – das virtuelle Angebot nicht nutzen können, dürfen ihnen daraus keinerlei Nachteile entstehen.

Das heißt?
Dieses Semester wird weder auf die Regelstudienzeit noch aufs BaföG angerechnet. Studierende haben so die Möglichkeit ihre Studienzeit zu verlängern. Auch die Regel einer strengen Reihenfolge von Kursen ist aufgehoben. Wenn beispielsweise eine bestimmte Prüfung Voraussetzung für einen weiterführenden Kurs ist, ist das ausgesetzt. Man könnte also im nächsten Semester schon in den Folgekurs reingehen und die Prüfung erst später absolvieren. Und es wird auch die Möglichkeit geben, dass Studierende ganz kurzfristig von Prüfungen zurücktreten können, ohne dass es als Fehlversuch gewertet wird.

Was bedeutet das für die Lehrenden?
Wir haben an der Goethe-Uni schon Anfang März einen Krisenstab eingesetzt. In den Fachbereichen haben wir mit den Studiendekanen Rahmenbedingungen für die Lehre erarbeitet und vorbereitet. Wir sind eine digital unterstützte Präsenzuniversität, das Thema Digitalisierung ist also nicht neu für uns. Die vollständige Digitalisierung von Präsenzlehre ist jedoch eine große Herausforderung.

Was benutzen Sie für Plattformen?
Viele Lehrende haben die Vorstellung, dass sie jetzt live ihre Vorlesung streamen wollen. Sie wollen auch, dass die Studierenden interaktiv agieren können. Da kommt neben unserer unieigenen Plattform OLAT zum Beispiel die Videokonferenz-App Zoom ins Spiel. Wir haben viele Zoom-Lizenzen gekauft, die bis zu 300 Teilnehmer parallel nutzen können, ausbaubar sogar bis zu 1000. Aber ich rate den Lehrenden von zu vielen gestreamten Vorlesungen eher ab.

Warum?
Weil die Gefahr groß ist, dass die Leitungen dann zusammenbrechen. Gerade jetzt, wenn halb Europa Zoom für Videokonferenzen nutzt. Wir haben die Empfehlung an die Lehrenden rausgegeben, bei Seminaren zum Beispiel lieber kürzere Videos häppchenweise ins Netz zu stellen und Studierende selbst damit arbeiten zu lassen. Wir brauchen viel Kreativität bei der Entwicklung unterschiedlicher didaktischer Formen.

Haben Sie keine Bedenken, weil Zoom gerade wegen noch mangelndem Datenschutz und Sicherheitslücken in der Kritik steht? So gab es in den USA Fälle, wo beispielsweise Schulstunden mit Beschimpfungen und dem Vorzeigen von Nazisymbolen gestört wurden …
Bei den meisten Vorlesungen halte ich die Datenschutzrisiken für relativ gering. Da geht es um Lehrstoff. Das Risiko, dass jemand in die Vorlesungen reinplatzt, haben wir auch in der realen Welt. Zudem kann man bei Zoom als Moderator auch die Leute wegklicken. Oder man beschränkt den Zugang, so dass man nur Leute reinlässt, die registriert sind. Aber das macht alles aufwendiger und komplizierter.

Wie laufen Prüfungen in den nächsten Wochen ab? Auch virtuell?
Ja, zum Beispiel bei mündlichen Promotionsprüfungen. Das muss aber auch rechtssicher gemacht werden. Bei einer Disputation heißt das, dass alle Beteiligte vorher ihr Einverständnis abgeben müssen. Zudem muss man auch regeln, dass die Gewährung eingeschränkter Präsenzöffentlichkeit, die bei Disputationen sonst üblich ist, entweder digital substituiert wird, also indem sich Interessierte hinzuschalten können, oder einvernehmlich von allen Beteiligten ausgeschlossen wird.

Fallen die schriftlichen Prüfungen aus?
Massenklausuren mit bis zu 1000 Studierenden wie bei den Wirtschaftswissenschaften werden erst mal verschoben. Aber was möglich ist, sind die sogenannten E-Klausuren. Hier gibt es nur das Problem, dass diese bislang in unseren PC-Laboren, gruppenweise an den Rechnern absolviert wurden. Wir prüfen gerade, ob das auch rechtssicher von zu Hause aus geht.

Haben Sie nicht Angst, dass bei den Klausuren zu Hause geschummelt wird?
Nein. Denn man kann auch Klausuren so konzipieren, dass eben einkalkuliert wird, dass Bücher genutzt werden dürfen. „Open Book Klausuren“ gibt es ja auch sonst. Das Hauptproblem ist hier die rechtssichere Identitätsfeststellung. Also dass man wirklich sicherstellt, dass die Person, die geprüft werden soll, auch diejenige ist, die am Rechner sitzt. Dafür gibt es Lösungen und diese werden gerade von unseren Technik- und Rechtsexperten geprüft. Es ist sehr wichtig, dass alle Distanzprüfungen rechtssicher sind, damit später keine Klagen folgen.

Digitale Präsenz

Hessenweit starten die Vorlesungen am 20. April zunächst digital. Darauf haben sich die Universitäten und Hochschulen geeinigt. Wie in einer gemeinsamen Mitteilung zu lesen ist, werden je nach behördlichen Anordnungen im Laufe des Semesters voraussichtlich auch wieder Präsenzveranstaltungen stattfinden.

Die Forschung an den Universitäten läuft im Basisbetrieb, die Verwaltung arbeitet ebenfalls weiter. „Alles, was mobil möglich ist, soll von zu Hause
aus passieren“, sagt der Gießener Uni-Präsident Mukherjee. Alles, was Präsenz vor Ort erfordere, wie der Laborbetrieb oder die Versuchstierhaltung werde unter Einhaltung der Hygiene und Sicherheitsregeln aufrechterhalten. fme

Wie ist das aber mit Studienfächern wie Chemie, wo die Studierenden normalerweise im Labor stehen. Das ist doch virtuell nicht möglich?
Klar, das geht nicht immer. In den letzten Wochen haben wir jedoch beispielsweise in der Virologie einen Weg gefunden, ein ganzes Praktikum zu virtualisieren. Das zeigt: Es gibt vielleicht mehr Möglichkeiten, Präsenzveranstaltungen zu substituieren, als man denkt. Aber natürlich gibt es auch Grenzen: Bei der Zahnmedizin oder Medizin beispielsweise. Vermutlich wollen Sie von niemanden am Herzen operiert werden, der das nur am Bildschirm gelernt hat. (lacht)

Was ist mit den Sportstudierenden?
Auch für die Sportstudierenden und –lehrenden ist der Verzicht auf Präsenzlehre besonders hart. Doch auch hier arbeiten wir an coronakompatiblen Lösungen.

Sind alle Lehrende so digitalaffin?
Es gibt umfangreiche Unterstützungsangebote für Lehrende auf unserer Corona-Website, sowohl was die Technik als auch die Didaktik angeht. Viele Dozenten haben bereits Erfahrung, andere fuchsen sich da gerade rein. Ich werbe jetzt auch im Ausnahmesemester besonders für Team Teaching, also dafür, dass zwei Dozenten zusammen unterrichten, und sich so in der digitalen Lehre unterstützen können.

Wie groß ist das Problem, dass auch die Uni-Bibliotheken schließen mussten?
Das hat uns erst einmal größere Probleme bereitet. Denn ohne Bibliotheken funktionieren wir nicht. Für viele Studierende ist es der Lernort, viele arbeiten hier nicht nur online. Es gibt bereits einen Scan-Bestellservice für Lehrende, und wir wollen auch eine Art universitäre Fernleihe zunächst einmal für Lehrende einrichten, bei der über die Campuspost an den Arbeitsplatz geliefert wird.

Was ist mit den Studierenden? An manchen Unis kann man sich Bücher nach Hause liefern lassen …
Aber dort müssen Studierende dann mitunter die Botendienste selbst bezahlen. Das halte ich für keine gute Lösung. Außerdem müssen wir aufpassen, dass wir die Mitarbeitenden in der Universitätsbibliothek (UB) jetzt nicht völlig überfordern. Zunächst müssen auch sie unter den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts sicher arbeiten können. Zudem gilt eine sogenannte Bücherquarantäne: Wenn sie jemand zurückbringt, müssen sie 24 Stunden liegen bleiben, um die Wahrscheinlichkeit zu minimieren, dass noch Viren daran kleben. Wir fahren lieber Schritt für Schritt und langsam wieder hoch.

Das heißt?
Unser Ziel ist, dass Studierende zumindest in kleinerer Anzahl bald wieder in die UB dürfen. Denn wir schätzen, dass bis zu einem Prozent der Studierenden keinen Zugang zu einem Rechner mit einer ausreichend schnellen Internetverbindung hat. Dabei geht es nicht um einen angenehmen Arbeitsplatz, sondern um Zugang zu all unseren Onlineangeboten. In der UB gibt es viele Rechner-Plätze. Zwischen diesen müsste man aber geeignete Trennungen einziehen. Und man könnte nur jeden zweiten oder dritten Arbeitsplatz nutzen. Organisatorisch ist das alles sehr aufwendig. Man muss auch überlegen: Wie regeln wir den Zugang, so dass die Studierenden sich nicht in zu kleinen Abstände vor der Bibliothek auf den Füßen stehen?

Was ist mit den internationalen Studierenden?
Für sie ist es extrem hart. Sie können auch gerade wegen der Corona-Pandemie meist nicht zurück in ihre Heimatländer reisen. Sie sitzen in ihren Wohnheimen, dürfen sich nicht einmal mit anderen treffen. Finanziell werden sie vom International Office mit einem eigenen Notfallfonds unterstützt. Neue Studierende aus dem Ausland kommen gerade nicht mehr.

Wie sieht es generell jetzt in den Wohnheimen aus?
Viele Studierende sind für den Moment wieder in ihre Elternhäuser gezogen. Es gibt aber Studierende, die haben eben kein anderes Zuhause. Auch im Wohnheim gelten die Regeln des Robert-Koch-Instituts. Küchen dürfen nur einzeln benutzt werden oder wenn es mehrere Kochplätze gibt, müssen die Studierenden mit zwei Meter Abstand zueinander stehen.

Haben Sie nicht Angst, dass die Hörsäle im Wintersemester überfüllt sein werden?
Nein. Von der Landesregierung gab es die Idee, dieses Ausnahmesemester nicht als eins, sondern grundsätzlich über drei Semester hinweg zu denken. Das finde ich schwierig, denn ein großer Teil der Studis ist ja in drei Semestern gar nicht mehr da. Deswegen versuchen wir, wie anfangs gesagt, alle Kreditpunkte, die die Studierenden benötigen, auch dieses Semester abzudecken. Ab 20. April ist der Einstieg in die Lehre erst mal ausschließlich digital. Wir gehen davon aus, dass das bis Anfang Juni so bleibt. Wir planen, dass wenn es Lockerungen vonseiten der Politik geben sollte, wir mit vier Wochen Vorlaufzeit wieder zu Präsenzveranstaltungen zurückkehren können, wenn vielleicht auch noch eingeschränkt.

Sind eigentlich Ihre Arbeitstage mittlerweile etwas kürzer geworden?
Inhaltlich ist der Kalender voll wie immer. Nur die Abendtermine fallen weg. Ich komme jetzt oft schon um 20.30 Uhr nach Hause. Das ist schon eine neue Freiheit, also physisch nicht mehr verplant zu werden. Was anstrengend ist, dass ich jetzt den ganzen Tag Videokonferenzen habe. Abends fühle ich mich wie früher als Kind, wenn man zu lange vor der Glotze gesessen hat. Geradezu rammdösig. (lacht)

Interview: Kathrin Rosendorff

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