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Der "Monte Scherbelino", eine ehemalige Mülldeponie, musste in den 1980er Jahren wegen Schwermetallrückständen im Boden geschlossen und saniert werden.

Ehemalige Mülldeponie

Frankfurts Monte Scherbelino

Von der Mülldeponie zum Umweltprojekt - das klingt nach einem ehrgeizigen Plan. Frankfurt beteiligt sich an einem Projekt zu Wildnis in der Stadt. Der "Monte Scherbelino" ist Teil des Versuchs.

Für manchen alteingesessenen Frankfurter ist der "Monte Scherbelino" ein Sehnsuchtsort. Da werden Erinnerungen wach an Cowboy- und Indianerspiele, einen Abenteuerspielplatz mit Tipi und sonnige Nachmittage mit Grillwürstchen und Limo auf der ehemaligen Mülldeponie. Doch seit Jahrzehnten ist Schluss mit der Freizeit auf dem 50 Meter hohen künstlichen Berg, das Gebiet ist gesperrt. "Man hat dann irgendwann gemerkt, dass zwischen all den Indianerhütten die Vegetation ausgeblieben ist", sagt Frieder Leuthold. Der Ökologe arbeitet beim Frankfurter Umweltamt.

Bei Bodenmessungen Anfang der 80-er Jahre wurden Schwermetalle und Öle im Boden und Wasser festgestellt - und das Freizeitgelände zum ökologischen No-Go-Gebiet. "Man hat gesehen, das Ganze war doch nicht so gut abgedichtet, es kam zu Ausgasungen. Man hat von heute auf morgen das ganze Gebiet dichtgemacht", schildert Leuthold.

Das 24 Hektar große Gelände wurde zum Sperrgebiet. Ein Zaun versperrt seit Jahren den Zugang. Doch dahinter tut sich einiges: Das Gelände soll sich zu urbaner Wildnis verwandeln, als Teil des auf fünf Jahre angelegten Projekts "Städte wagen Wildnis". Frankfurt ist zusammen mit Hannover und Dessau eine der Projektstädte, in denen erprobt werden soll, wie sich städtische Flächen möglichst unbeeinflusst von Menschen entwickeln.

Am Monte Scherbelino soll das ebenfalls auf einem Teil des Gebiets getestet werden - angesichts der Vergangenheit der Fläche ist das eine Herausforderung. "Die Deponie bestand schon vor dem Zweiten Weltkrieg", erklärt Leuthold, als er einer Gruppe von Naturschützern den Blick auf das Gelände jenseits des Zauns ermöglicht. "Da ist dann auch viel Kriegsschutt raufgekommen. 1968 hat man aufgehört, zu deponieren und das Gelände mehr schlecht als recht beerdet."

Ein paar Kanadagänse schwimmen auf dem Weiher zu Füßen des Deponiehügels, umwuchert von Schilfgras. "Früher nannte man ihn den Cola-See - wegen der schwarzen Farbe", sagt Leuthold. Die Farbe kam von den Ölen, die durch die Deponie gesickert waren und anderen Giftstoffen.
Damals war der See biologisch schon fast tot. Mittlerweile laichen Frösche, der Eisvogel wurde gesichtet.

Die Vögel Flussregenpfeifer, die in Europa zu den geschützten Arten gehören und in Hessen ursprünglich nicht heimisch waren, haben sich angesiedelt. "Im Moment sind sie etwas nervös, weil sie noch nicht entschieden haben, wo sie mit ihrem Nest hingehen", sagt Leuthold.
Also doch schon recht viel Wildnis? Der Lärm von Flugzeugen, die alle paar Minuten über das Gelände fliegen, erinnert daran, dass rundum Zivilisation ist. Doch selbst die Maschinen im Anflug auf den Frankfurter Flughafen können die Vögel offenbar nicht aus ihrem neuen Nistrevier vertreiben.

"Die Wasserqualität ist viel besser geworden", betont der Ökologe. Dazu trägt auch die Trennwand gegen das Sickerwasser der Deponie bei, die bereits in den 90-er Jahren gebaut wurde. An Messstellen innerhalb und außerhalb der Deponie wird das Grundwasser regelmäßig untersucht.

Das Sickerwasser jenseits der Trennmauer wird aufgefangen, mit Aktivkohle aufgearbeitet und mit einer Druckleitung bis zum Ende des Stadtwalds aufgepumpt. "Das Ganze kostet pro Jahr ungefähr eine Million Euro an Deponie-Nachfolgekosten", sagt Leuthold. Wenn das Wasser mit der Aktivkohle gereinigt wurde, habe es Abwasserqualität und fließe ins Klärwerk. "Das sind ganz klar Geister, die wir gerufen haben", meint Leuthold zu den ökologischen Spätfolgen der Deponie.

Im Rahmen des Wildnisprojekts soll beobachtet werden, "wie sich eine Fläche verhält, wenn man gewissermaßen mit der Stunde Null anfängt", sagt Leuthold über das vor vier Monaten begonnene Wildnisprojekt. An der wissenschaftlichen Begleitung ist das Senckenberg-Institut von Naturforschung beteiligt.

Auch Umweltbildung gehört zum Programm: Schulklassen und anderen Interessierten wird künftig der Blick auf die Welt jenseits des Zaunes ermöglicht - allerdings stets in Begleitung von Wildnislotsen. Frei zugänglich wird das Gebiet des "Monte Scherbelino" auch auf absehbare Zeit nicht sein.

"Es gibt viele Leute, die sich total freuen würden, wieder hierher zu kommen", sagt Christiane Frosch. Die Biologin ist Leiterin der Geschäftsstelle von "BioFrankfurt", einem Netzwerk für Biodiversität. "Das Gelände ist zwar schon lange gesperrt, aber die Faszination ist immer noch da, gerade bei der Generation, die mit dem Abenteuerspielplatz aufgewachsen ist." Deshalb glaube er, dass Exkursionen hierher durchaus gefragt sein werden. (dpa)

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