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Frankfurts kleiner Ruhepol mitten in Heddernheim

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Von: Lilli Hövener

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Der Dartpfeil trifft dieses Mal auf eine Wohngegend im Norden der Stadt. Fernab vom Großstadtgetümmel kann man hier Entspannung finden.

Der Frankfurter Stadtteil Heddernheim scheint an einem unscheinbaren und bewölkten Donnerstag nicht das Reiseziel Nummer eins für die Frankfurter:innen zu sein. Dementsprechend leer ist die U1 auf dem Weg zur Heddernheimer Haltestelle Zeilweg. Das wohl Spannendste, was auf dem Weg nach Heddernheim passiert, ist eine äußert gewissenhafte Ticketkontrolle, die dann aber sehr schnell abgehandelt ist. Kein Wunder, denn es sitzen nur noch drei Passagiere im Waggon.

Auch nach dem Aussteigen aus der Bahn warten keine Menschenmassen oder Straßenlärm, der Trubel der Mainmetropole ist hier schnell vergessen. Die eh schon überschaubare Anzahl der Menschen, die sich morgens im Norden dieses Stadtteils aufhalten, sinkt noch weiter, wenn man sich von den U-Bahn-Schienen abwendet.

Die Ruhe in Heddernheim wird höchstens von der Geräuschen der an- und abfahrenden U-Bahnen gestört.
Die Ruhe in Heddernheim wird höchstens von der Geräuschen der an- und abfahrenden U-Bahnen gestört. © ROLF OESER

„Heddernheim ist einfach wie ein kleines Dorf mitten in der Stadt“ sagt Silvia Lusar, die seit 22 Jahren im Bezirk lebt. Diese Atmosphäre gefalle ihr, auf eine aufgeregte Wohngegend verzichte sie mittlerweile gerne. „Aber wenn ich mal eine Party feiere, ist das schon ärgerlich, hier ist alles voller Einbahnstraßen und meine Freunde finden mit dem Auto einfach nicht zu meiner Wohnung.“ Am Donnerstag wollte sich Silvia Lusar, die in der ambulanten Jugendhilfe tätig ist, eigentlich mit ihren Kolleginnen vor dem etwas ramponierten Vereinsgebäude besprechen. Doch das Treffen muss kurzerhand ausfallen, stattdessen könnte man ja jetzt Kaffee trinken gehen. Da tut sich allerdings direkt das nächste Problem auf, denn mit Cafés kann Heddernheim nicht dienen. Ein kleines Heißgetränk im heimischen Vorgarten muss also ausreichen.

Ein gastronomisches Angebot vermisst auch der aus Italien zugezogene Daniele Brunelli. Allgemein gefalle ihm Heddernheim zwar, allerdings fehle ihm manchmal die Kommunikation mit den anderen Bewohner:innen des Bezirks. „Um hier Kontakte zu haben, braucht man schon einen Hund oder ein Kind“, stellt er etwas resigniert fest und plant bereits im Hinterkopf den nächsten Umzug.

Auch nach einer 180-Grad-Drehung sieht die Gegend auf der anderen Seite der U-Bahn-Station Zeilweg ähnlich unaufgeregt aus. Nördlich der Schienen reihen sich niedliche Vorgärten aneinander, von denen die meisten durch hohe Hecken abgeschirmt sind. Das ein oder andere liegengelassene Osterei ist noch zu erspähen, allerdings bleiben die schön gepflegten Gärten während der gesamten Erkundung des Ortes fast schon gespenstisch leer. Nur Dieter Kalinke geht mit zügigem Schritt und vollem Einkaufskorb durch die Reihenhaussiedlung. Erst nach einem kurzen Zögern und ein wenig Überzeugungskraft erklärt er sich für ein kurzes Gespräch bereit. Kalinke lebt seit 1998 im Stadtteil Heddernheim und das Leben hier macht ihm meistens großen Spaß: „Bis auf die katastrophale Verkehrssituation ist es ganz ausgezeichnet.“

Was er damit meint, ist aus dem stillen Wohngebiet heraus nur zu erahnen, doch Kalinke erklärt, dass sich das Ampelchaos an den Hauptstraßen, die die Heddernheimer Wohngegend einrahmen, in den letzten Jahren stetig verschlimmert habe und ein Problem für viele Bewohnerinnen und Bewohner sei. Er liebe den Bezirk trotzdem von ganzem Herzen, besonders gut gefalle es ihm, mit seinen Enkeltöchtern auf den Heddernheimer Spielplätzen Zeit zu verbringen.

Auf dem Weg vom Supermarkt nach Hause lässt Dieter Kalinke sich nur ungern stören, nimmt sich aber kurz Zeit, um seine Begeisterung für den Stadtteil zu äußern.
Auf dem Weg vom Supermarkt nach Hause lässt Dieter Kalinke sich nur ungern stören, nimmt sich aber kurz Zeit, um seine Begeisterung für den Stadtteil zu äußern. © ROLF OESER

Doch abgesehen von Kalinke lassen die Spielplatzbegeisterten eher auf sich warten. Denn als sich nach einem kleinen Spaziergang am leise plätschernden Urselbach entlang der besagte Spielplatz auftut, wird eines sofort klar: Hier herrscht gähnende Leere, nicht ein einziges Kind ist zu sehen. Auch der Außenbereich des an den Spielplatz anschließenden Hundertwasser-Kindergartens wird scheinbar nicht bespielt. Der Kindergarten, der 1995 vom gleichnamigen Architekten entworfen wurde, ist zwar schon etwas in die Jahre gekommen, aber trotzdem glitzert die prunkvolle goldene Kuppel schon von Weitem durch die Baumkronen.

Auch der 33-jährige Lev B. und seine Tochter steuern mit ihren Fahrrädern ganz selbstverständlich am Spielplatz vorbei, lieber wollen sie in Bewegung bleiben. Der Informatiker lebt eigentlich im benachbarten Bezirk Nord-West, hat aber eine besondere Affinität für Heddernheim. „Ich bin hier aufgewachsen und meine Eltern leben hier auch noch immer“ erklärt er. Den Traum vom Eigenheim hätte er am liebsten ganz in ihrer Nähe verwirklicht, doch die Preise, besonders für Eigentumswohnungen, seien viel zu hoch. Fürs erste muss es deswegen bei Radtouren ins Viertel bleiben.

Dass Heddernheim nicht immer so unschuldig war, wie es beim Spaziergang durch die Gegend scheinen mag, weiß Ewa Rheinberger, die am Donnerstagmorgen nahe der U-Bahn-Station Zeilweg ihren Hund Cookie ausführt. „Als ich jung war, war das knallvoll hier“ erinnert sie sich. Mittlerweile ist von einer Partykultur im Bezirk kaum noch etwas zu sehen. Doch wer noch einmal richtig ausgelassen tanzen wolle, der müsse nur einmal zur Fastnacht nach „Klaa Paris“ kommen, wie Rheinberger den Stadtteil liebevoll nennt. Äußerst überzeugend verspricht sie, die Fastnacht in Heddernheim müsse jeder einmal im Leben gesehen haben, es lohne sich.

Allerdings beklagt sich Ewa Rheinberger auch, der Bezirk habe sich teils zum Negativen gewandelt. Wie gerne würde sie noch heute das gemütliche Programmkino mit den Plüschsesseln oder die alte Eisdiele direkt daneben besuchen. Leider hat beides vor Jahren geschlossen. Trotzdem lieben Rheinberger und ihr Hund Cookie Heddernheim sehr. Wegzuziehen, das könne sie sich nicht vorstellen.

Genau wie Dieter Kalinke, der an dieser Schnittstelle zwischen Dorfidyll und Großstadtatmosphäre den Ort für sich gefunden hat und sich sicher ist: „Heddernheim verlasse ich nur in der Waagerechten.“

Praktikantin Lilli Hövener hat zielsicher den Bezirk Heddernheim getroffen.
Praktikantin Lilli Hövener hat zielsicher den Bezirk Heddernheim getroffen. © Redaktion

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