Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Archivar Tobias Picard mit einer historischen Fotografie von Gottfried Vömel. Bild: Peter Jülich
+
Archivar Tobias Picard mit einer historischen Fotografie von Gottfried Vömel. Bild: Peter Jülich

Institut für Stadtgeschichte Frankfurt

Frankfurts historischer Bilderschatz wird digitalisiert

  • Andreas Hartmann
    VonAndreas Hartmann
    schließen

Frankfurt vor der Zerstörung: Gottfried Vömels stadthistorisch außerordentlich kostbare Fotografien werden digitalisiert und sind bald allgemein zugänglich

Im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte, dem traditionsreichen früheren Stadtarchiv, lagern große Kostbarkeiten, die gar nicht unbedingt einen hohen materiellen Wert haben, Urkunden, Bücher, Rechnungen, Briefe und vieles mehr, was eben so alles in einem Archiv lagert und oft wissenschaftlich unersetzlich ist. Weniger bekannt ist, dass das Institut auch eine der größten deutschen Fotosammlungen mit geschätzt etwa zwei Millionen Abzügen und Negativen besitzt. Das Gedächtnis der Stadt ist hier sozusagen bildgewordene Erinnerung.

Jetzt wird ein kleiner, aber sehr bedeutender Teil dieses Bilderschatzes digitalisiert, der Nachlass des Fotografen Gottfried Vömel, der 1879 in Frankfurt geboren wurde und 1959 in Oberursel gestorben ist. Möglich machen das Fördermittel aus dem Programm „Neustart Kultur“ der Bundesregierung und der Deutschen Digitalen Bibliothek. Sie freue sich, dass diese wertvollen stadthistorischen Fotografien dann der Öffentlichkeit online zugänglich gemacht werden könnten, sagt Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD). Sie sind allerdings nicht zur freien Nutzung, da die Bildrechte erst 70 Jahre nach dem Tod des Fotografen verfallen. Im Internet wird man sie aber dennoch wohl von Dezember an in sehr guter Qualität betrachten können.

Das Stadtarchiv konnte die Sammlung in den 1960er Jahren aus dem Besitz der Familie erwerben. Nach dem Kauf konnten von den Glasplatten nochmals Abzüge gemacht werden, heute sind die Platten für die Weiterbearbeitung aber viel zu empfindlich. Eingescannt werden deshalb die modernen Fotos. Ihrem dokumentarischen Wert tut dies allerdings keinen Abbruch. Er ist wohl kaum zu beziffern, denn das Frankfurt, das hier zu sehen ist, gibt es seit den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs (und der Nachkriegszeit) nicht mehr, ja, Vömel zeigt auch die Stadt vor den großen Umbauten, die es schon in der Weimarer Zeit gab, etwa dem brachialen Durchbruch der Braubachstraße in den 1920er Jahren. „Die Fotografien geben damit Einblicke in das Stadtbild und auch das Straßenleben einer rasant wachsenden Großstadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts“, sagt Kristina Odenweller, Leiterin der Abteilung Sammlungen.

Frankfurts gesammelte Erinnerungen

Das Institut für Stadtgeschichte i m ehemaligen Frankfurter Karmeliterkloster, das städtische Archiv, sammelt auch Fotografien mit Lokalbezug. Die städtische Institution besitzt zahlreiche Nachlässe von Fotografinnen und Fotografen, darunter auch das Bildarchiv der Frankfurter Rundschau. Gesammelt werden aber auch private Bilder, etwa die Alben einer begeisterten Fastnachterin, die diese in Jahrzehnten zusammentrug.

Mit etwa 2,5 Millionen Fotos besitzt das Institut, eine der größten deutschen Sammlungen dieser Art. Die Bilderberge wachsen durch Ankäufe, Schenkungen und Erbschaften rasant: Zwischen 50000 und 100000 Neuzugänge im Jahr kann das Archiv verzeichnen., etwa 25000 Fotos davon gehen in die bestehende Sammlung ein, Doubletten werden aussortiert.

Das Archiv bemüht sich, die Bildrechte ebenfalls zu erwerben und die riesigen Bestände zu sortieren und zugänglich zu machen. Längst nicht alle Fotografien sind so akkurat beschriftet und datiert wie die aus dem Archiv Gottfried Vömels. Bei der Einordnung helfen den Archivarinnen und Archivaren auf anderen Aufnahmen ihre guten Ortskenntnisse, das Wissen um Mode oder technische Entwicklungen.

Immer mehr Bilder aus dem Bestand werden archiviert und sind dann online anzusehen, die Vömel-Sammlung wohl ab Winter dieses Jahres. aph

Gottfried Vömel hatte das Glück, nicht von seiner Fotografie leben zu müssen, er musste keine lästigen Aufträge übernehmen und war dank der elterlichen Firma finanziell gut gestellt, so gut, dass er sich diese sehr kostspielige Leidenschaft schon früh leisten konnte. Der studierte Chemiker führte seit 1908 den Betrieb fort, der damals chirurgisches Nähmaterial produzierte, bis heute in Familienbesitz existiert und in Kronberg im Taunus Zahnseide herstellt.

Vömel als Hobbyfotografen abzutun, würde ihm aber nicht gerecht. „Er hatte sogar mal ein paar Jahre einen eigenen Postkartenverlag, um seine Aufnahmen zu publizieren“, sagt der Archivar Tobias Picard, der sich intensiv mit den Arbeiten Vömels beschäftigt hat. Warum der Fotograf irgendwann auch wieder damit aufhörte, ist heute unbekannt. „Vielleicht hat er einfach die Lust verloren“, sagt Picard.

Der Unternehmer hat sehr viel und auch sehr vielseitig fotografiert, sein ungewöhnlich sorgfältig beschriftetes und datiertes Archiv sei einer der wichtigsten Fotografennachlässe in Frankfurt, sagt Alexandra Lutz, Archivdirektorin und stellvertretende Leiterin des Instituts für Stadtgeschichte. Vömels etwa DIN-A5-große Glasnegative, von denen mehrere Tausend im Archiv im Karmeliterkloster liegen, bestechen durch unerhörte Tiefenschärfe. Er stieg auch mal in die oberen Stockwerke fremder Häuser auf der Suche nach ungewöhnlichen Perspektiven. Der Chemiker hatte zweifellos einen „fotografischen Blick“, suchte originelle Orte für seine Bilder, war interessiert an Ereignissen wie einem Eisenbahnunglück im Hauptbahnhof oder dem Alltag auf der Frankfurter Hauptwache, wo jeder Ziegelstein vom anderen unterscheidbar scheint.

Gleichwohl zeigt ein Vergleich zu den in den 1920er Jahren weit über Frankfurt hinaus bekannten Schwestern Hess oder dem Atelier von Paul Wolff & Tritschler auch dessen Grenzen angesichts der dort viel raffinierteren Beleuchtung, der kühneren Inszenierungen der jüngeren Kolleg:innen, die viel für Zeitschriften und auch Werbung arbeiteten und auch in Frankfurt eine ganz neue, am Bauhaus orientierte und bis heute bewunderte Ästhetik entwickelten. Vömels Bilder wirken dagegen altmodisch, aber das mag auch an den Sujets liegen. Inszenierungen mochte er nicht. Von Paul Wolff etwa ist hingegen überliefert, dass er zu seinen scheinbar so spontanen Reportageterminen stets einen ganzen Kofferraum voller verschieden gemusterter Kostüme mitnahm und detailversessen alle Aufnahmen plante.

Glamouröse Porträts oder gar Akte waren ganz offensichtlich nicht Vömels Sache, auch wenn er die Familie oder den Freundeskreis häufig aufnahm. Er fotografierte stets mit großer Sorgfalt, besonders gerne Architektur, aber auch Szenen beim Wandern, Wissenschaftler im Senckenberg-Museum oder ein landendes Luftschiff. „Ihn hat alles interessiert, was man sehen kann“, sagt Archivar Picard.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare