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Stadträtin Sylvia Weber (SPD) begrüßt es, dass Erzieherin jetzt als systemrelevanter Beruf zählt.

Interview

Frankfurts Bildungsdezernentin fordert mehr Geld für Erzieherinnen

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In der Corona-Krise kommt Erzieherinnen besondere Verantwortung zu. Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) fordert deshalb mehr Anerkennung und eine bessere Entlohnung.

Für sie gibt es derzeit Applaus von Balkonen und aus Fenstern: Ärzte, Krankenpfleger, Kassierer. Denn die Corona-Krise zeigt, dass es ohne sie nicht geht. Doch Eltern in diesen Berufen könnten ihrer Arbeit gar nicht nachgehen, wenn ihre Kinder nicht betreut würden. Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) spricht über die Systemrelevanz des Erzieher- und Erzieherinnenberufs und dass Applaus nicht die Wertschätzung einer angemessenen Bezahlung ersetzt.

Frau Weber, warum klatscht eigentlich keiner für Erzieherinnen?

Diese Frage stelle ich mir auch seit längerem. Gerade in der aktuellen Krise wird deutlich, wie wichtig gut ausgebildete und motivierte Erzieherinnen und Erzieher für die Aufrechterhaltung unseres gesellschaftlichen Lebens sind. Genau aus diesem Grund habe ich mich beim Städtetag dafür eingesetzt, die Beschäftigten in den Kindertageseinrichtungen in die Gruppe der systemrelevanten Berufe aufzunehmen.

Gehören sie nun zur Gruppe der systemrelevanten Berufe?

Ja, das hat geklappt. Viele Kollegen in den Einrichtungen stellen gerade unter hohem persönlichen Risiko eine Notfallbetreuung für die Kinder anderer systemrelevanter Berufe bereit. Ohne unsere Erzieherinnen könnten derzeit Feuerwehrleute, Rettungsdienste, Ärzte und Pfleger nicht ihrer wichtigen Arbeit nachgehen. Und zudem ist nun auch schlagartig klar geworden, was eine flächendeckende Betreuungsinfrastruktur von rund 870 Kitas in unserer Stadt für die Berufstätigkeit und das Familienleben vieler Frankfurter bedeutet: Wenn sie fehlt, steht vieles auf dem Kopf.

Die Arbeit von Erzieherinnen ist gesellschaftlich wertvoll, doch das schlägt sich in der Regel nicht im Lohn nieder. Sollten Erzieherinnen nicht nur mehr Anerkennung, sondern auch mehr Geld bekommen?

Ganz ohne Zweifel. Aktuell laufen die Tarifverhandlungen für die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst. Jetzt ist die richtige Zeit, sich für eine bessere Bezahlung und eine gesellschaftliche Aufwertung dieser Berufe einzusetzen. In der ersten Runde hat sich der Verband der kommunalen Arbeitgeber noch sehr bedeckt gehalten. Applaus ist wichtig, ersetzt aber nicht die Wertschätzung einer angemessenen Bezahlung und guter Arbeitsbedingungen.

Es sind überwiegend Frauen, die viele der systemrelevanten Berufe – so auch den der Erzieherin – ausüben …

Ja, das gehört auch zur Wahrheit. Fehlende gesellschaftliche Anerkennung dieser wichtigen Berufe und geringe Bezahlung gehen dabei Hand in Hand. Es ist auch ein persönliches Ziel von mir, gerade die sozialen Berufen aufzuwerten, um die strukturelle Benachteiligung von Frauen zu beseitigen. Die bessere Bezahlung von Kita-Fachkräften, von Pflegepersonal oder anderen sozialen Berufen ist darum auch eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit.

Wie viel mehr Lohn sollten Erzieherinnen erhalten?

Eigentlich müssen Kita-Fachkräfte gleichgestellt werden mit Lehrern. Die frühe Bildung und Erziehung der Kinder ist pädagogisch und gesellschaftlich mindestens genauso hoch zu bewerten wie die Wissensvermittlung durch eine Lehrkraft. Mehr noch: In der frühkindlichen Bildung wird der Grundstein gelegt für die Entwicklung der späteren Lernfähigkeit der Schülerinnen und Schüler. In den Kitas wird außerdem das soziale Miteinander in unserer vielfältigen Gesellschaft gelernt und gelebt. Kurzfristig müssen wir aus meiner Sicht für eine bessere Eingruppierung und eine großzügige Tarifsteigerung sorgen, die über den Kaufkraftverlust der letzten Jahre deutlich hinaus geht.

Woher soll das Geld kommen?

Ich weiß, dass dies die Kommunen bezahlen müssen, und nach dem Ende der aktuellen Krise werden sicher viele Bedarfe auf den Tisch kommen. Dann sollten wir aber diejenigen nicht vergessen, die uns jetzt gerade aus der Not helfen. Und an den Zukunftschancen unserer Kinder, an der Bildung und Entwicklung unserer Bevölkerung zu sparen, ist definitiv der falsche Weg.

Könnte Frankfurt nicht einfach selbst entscheiden, den Erzieherinnen mehr Geld zu zahlen?

Was wir brauchen, ist eine nachhaltige Lösung, um wirkliche Anerkennung und faire Entlohnung sicherzustellen. Das können nur Tarifverträge sein.

Es mangelt an Erzieherinnen. Können mit einer besseren Bezahlung mehr Menschen in den Beruf gelockt werden?

Wir können den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz, wie er bald in allen Altersgruppen gelten wird, nur dann erfüllen, wenn wir die Plätze auch mit Personal besetzen können. Ich bin deshalb mit den Trägern der Kinderbetreuung gerade dabei, ein Konzept für die Fachkräftegewinnung zu erarbeiten. Dabei haben wir aber nur eine Chance, wenn es uns gelingt, die Voraussetzungen zu schaffen, dass man in einer Stadt wie Frankfurt mit hohen Mieten und Lebenshaltungskosten als Erzieherin gut leben kann. Damit machen wir natürlich auch den Beruf insgesamt attraktiver. Erziehungsarbeit höher zu bewerten, ist aus meiner Sicht der richtige Weg, um ihrer Bedeutung für die Zukunft unserer Gesellschaft gerecht zu werden.

Interview: Sandra Busch

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