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Paul Michael Henry macht mit dem „Shrimp Dance“ auf Chemie im Meer aufmerksam.

Winterwerft

Frankfurt: Mit Theater aus der Krise

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Kunstverein „Protagon“ veranstaltet wieder die „Winterwerft“.

Wenn Shrimps an die Meeresoberfläche schwimmen, dann stehen ihre Überlebenschancen schlecht. Denn dort sind die Schalentiere leichte Beute für Fische oder Vögel. Grundsätzlich würden es die Tiere dementsprechend vermeiden, sich ihren Fressfeinden derart auszusetzen. Sind jedoch chemische Rückstände von Antidepressiva im Wasser nachweisbar, wie es Wissenschaftler vor einigen Jahren herausgefunden haben, zieht es die Krebstiere nach oben in ihr Verderben. Der schottische Künstler Paul Michael Henry hat aus diesem Phänomen eine Performance mit dem Titel „Shrimp Dance“ entwickelt, die er bei dem Theater- und Kulturfestival „Winterwerft“ präsentieren wird.

Wie man die Märchen vom grenzenlosen Wachstum und der menschlichen Überlegenheit über die Natur interpretieren und hinterfragen kann, das hat sich auch in diesem Jahr der Verein „Protagon“ zur Aufgabe gemacht. Zum vierten Mal wollen die Veranstalter als „Förderverein für freie Theateraktion“ einen Raum schaffen, in dem sich Künstler und Besucher kreativ mit den Problemen dieser Welt auseinander setzen können. „Wir bringen dezidiert Theater auf die Bühne, das sich mit den Krisen, oder positiv formuliert, den Herausforderungen, unserer Zeit auseinander setzt“, sagt Julian Böhme von Protagon. Er ist einer der drei künstlerischen Leiter des Winterwerft-Festivals. Kulturschaffende könnten ihren Teil dazu beitragen, „wissenschaftliche Erkenntnisse über den Klimawandel mit den daraus hervor tretenden Emotionen zu verknüpfen“. Daneben gehe es auch darum, alternative Geschichten zu erzählen, die nicht von der menschlichen Vorherrschaft handelten. Böhme bezeichnet die Theaterwerft auch als „Experimentierraum“.

Für seinen Shrimp-Dance hat Paul Michael Henry den japanischen Ausdruckstanz „Butoh“ gewählt. In einer Multi-Media-Performance aus Tanz und Theater wird er sein Stück vorstellen. Seinen Hintergrund habe Henry in der Punk-Szene in Glasgow, berichtet Böhme. „Er hat dann irgendwann gemerkt, dass er mit Punkmusik nicht mehr weiter kommt, in seinem Bedürfnis sich mit den Entwicklungen dieser Zeit auseinander zu setzen“. Stattdessen habe er Butoh, was mit „Tanz der Finsternis“ übersetzt werden kann, sowie Performance als Ausdrucksmittel entdeckt. Neben seiner Aufführung wird Henry auch einen Workshop im Butoh-Tanz anbieten.

Die hauseigene Theater- und Performancegruppe „Antagon-Theateraktion“ wird ihre Inszenierung „Package“ auf die Bühne bringen. Tänzerisch solle in dem Stück der triste Büroalltag dargestellt werden. „Der erbarmungslose Alltag im Rennen um den besten Platz im Büro wird physisch knallhart wie surrealistisch märchenhaft, kritisch aber auch zutiefst menschlich durchritten“, heißt es in der Ankündigung des Festivals. Daneben stellen sich Initiativen und Vereine vor, wie „Transition Town Frankfurt“, „Extinction Rebellion“ oder die „Gemüsehelden“.

In einem Workshop können Besucher selbst aktiv werden und die „Apokalypse aus spielerischer Sicht genießen“. Dazu werden sie unter dem Titel „Having fun with the Apocalypse“ aufgerufen. Überhaupt ist die Winterwerft geprägt von der Interaktion mit dem Publikum sowie von ehrenamtlichen Helfern. Genauso wie die Sommerwerft, die im vergangenen Juli und August zum 18. Mal am Mainufer veranstaltet wurde, helfen auch bei der Winterwerft Ehrenamtliche mit. Anders aber als das Festival im Sommer, das in den vergangenen Jahren bis zu 100 000 Besucher an die Weseler Werft gelockt hat, geht es im Winter gemächlicher zu.

Auf dem Protagon-Gelände, in einem Industriegebiet zwischen den Stadtteilen Riederwald und Fechenheim gelegen, rechnet Julian Böhme in diesem Jahr mit einigen hundert Besuchern. „Die Winterwerft ist so ein bisschen der kleinere, ernstere Partner der Sommerwerft“, sagt der 37-Jährige. Sie biete einen „konzentrierteren Raum, um sich fokussierter mit einer bestimmten Thematik auseinander zu setzen“. Auf dem Grundstück einer ehemaligen Spedition hätten die Vereinsmitglieder vor rund 15 Jahren begonnen sehr viel Grün anzupflanzen. Die Lagerhallen wurden zu einem großen Theater ausgebaut und zur Winterwerft wird auf dem Hof eine Jurte aufgebaut. Neben dem Zelt werden sich Besucher an einem Lagerfeuer wärmen können.

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