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Frankfurter Wespen: „Ahornsirup, Honig – Bingo!“

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Von: Thomas Stillbauer

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Begegnung.
Begegnung. © Wolfgang Lummer

Wolfgang Lummer verbringt den Sommer mit befreundeten Wespen. Er füttert sie, und sie stehen dem Hobbyfotografen Modell.

Die Einen sprechen von einer „Wespenplage“, nennen die Lage „dramatisch“ und können nur noch daran denken, was man gegen Wespenstiche tut. Die Anderen, und zu ihnen zählt eindeutig Wolfgang Lummer, gehen sehr entspannt an die Sache, Pardon, an die Wespe heran, loben ihren Wert für die Vielfalt des Lebens – und sehen in ihr auch den ästhetischen Reiz.

FR-Leserinnen und -Lesern ist Lummer als früherer Frankfurter Zootierpfleger vertraut, der es sich auf dem Rücken eines Nashorns bequem machte, den Elefanten Kunststücke beibrachte, als noch welche in Frankfurt lebten, und sich gern einen Kuss von einem See-Elefanten auf die Wange geben ließ. Heute, mit 85, ist der Sachsenhäuser mehr denn je Tierfotograf aus Leidenschaft. Und in diesem Sommer haben es ihm die Wespen angetan.

„Wir hatten unheimlich viele Wespen in der Küche“, sagt er. „Ich esse viel Honig.“ Vierzig, fünfzig Wespen seien zeitweise um ihn herumgeschwirrt. Nie habe eine gestochen. „Wenn eine Neue kam und sich gerade aufregen wollte, haben die Alten wohl gesagt: Hör auf, der füttert uns doch!“ Der Tierreichversteher lacht. Das ist eben Erfahrung.

Und die Zuneigung beruht offenbar auf Gegenseitigkeit. „Die Wespen flogen am Fenster vorbei und dachten sich: Ahornsirup, Honig – Bingo!“

Zur Person

Wolfgang Lummer, 85, fotografiert alles, was ihm vors Objektiv kommt in der Sachsenhäuser Wohnung, die er mit seiner Frau bewohnt. Und das ist jede Menge. Nicht nur skurrile Dinge, die er sammelt, weil sie Gesichter haben, nicht nur jede Menge Vögel, die an seinem Wintergarten Station machen – er dokumentierte auch den Baufortschritt des neuen Henninger-Turms aus der Ferne. Aktuell sind die Wespen sein Motiv, die in der Nähe ihr Nest haben.

Im Frankfurter Zoo war Lummer von 1952 bis 1995 Tierpfleger, auch zu Zeiten, als Bernhard Grzimek Zoodirektor war und das Publikum noch Elefanten zu sehen bekam. Seine Erinnerungen schrieb er in dem Buch „Vorsicht! Tiere spritzen ins Publikum“ auf.

Als Nächstes legte Lummer einen Marmeladenglasdeckel vors Fenster. „Sofort kamen zwanzig, dreißig, wie die Kaninchen in Australien am Wasserloch.“ Der Fotograf lockte seine Models mit kleinen Honigklecksen in die Positionen, in denen er sie ablichten wollte, zusammen mit Samen und Früchten von Linden, Esskastanien, Bergahorn und Mohn. Davon hat er reichlich da für Kunstbasteleien. „Das bot sich an. Und dann hatte ich sie am Küchenfenster bei Gegenlicht, immer die Silhouetten.“

Die Fotos zeigt Lummer gern auf der Onlineplattform Instagram. Das ist ihm inzwischen lieber als Fotoausstellungen in Gebäuden. „Man sieht abends, wie viele Leute die Seite besucht haben, und viele lassen Likes da.“ Bei herkömmlichen Ausstellungen erfahre man eher selten, ob es den Leuten gefallen hat.

Was für ein Verhältnis hat der Fotograf zu seinem jüngsten Fotomotiv? „Ich mag Wespen“, sagt er. Man kenne und schätze einander seit langer Zeit – auch wenn einseitig durchaus schon Gewalt angewendet wurde. Da trug es sich vor langer Zeit zu, dass Lummers Wandergruppe unterwegs war, als die Vorhut plötzlich in unorthodoxe Veitstänze ausbrach. Hinten wurde zunächst noch gelacht. „Am Ende hat dann jeder zwei bis drei Stiche mitgenommen“, sagt er, „da haben wir geküsst ausgesehen.“ Zum Glück wachse aber fast überall Spitzwegerich. Drauf damit auf den Stich. Hilft.

Auch einst im Zoo hatte Lummer mit stachelbewehrten Zeitgenossinnen zu tun, aber mehr mit Bienen. Die hatten einen Schaukasten im Exotarium, alle Kinder von damals erinnern sich dran. Später, viel später zog ein Wildbienenstock in den Tierpark ein, eine sogenannte Klotzbeute - ein weitaus angenehmeres Zuhause für die Honigsummsen.

Und die Wespen – warum gibt es in diesem Sommer so viele? Die Bedingungen seien so, wie Wespen sie eben mögen, informieren die Naturschutzverbände: warm und trocken. Auf Dauer sei aber auch Wespen daran gelegen, dass es wieder regnet. In der Not hilft ihnen eine Schale Wasser im Garten oder auf dem Balkon.

Fast acht Wochen verbrachte Lummer in diesem Sommer mit den Wespen, ehe er der Frankfurter Rundschau die sehenswerten Fotos zeigte. Zwischendurch kam ein Handwerker. „Irgendwann erwischen sie dich“, habe er gesagt. Aber die gelb-schwarzen Gäste blieben friedlich. „Wenn man keinen Fehler macht, tun die einem nichts“, sagt Wolfgang Lummer. Gewöhnlich gut informierte Wespen bestätigen das.

Wiedersehen!
Wiedersehen! © Wolfgang Lummer
Drahtseilakt.
Drahtseilakt. © Wolfgang Lummer

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