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Mit Glühwein die Jammertanne schöntrinken: Besucherinnen und Besucher auf dem Weihnachtsmarkt am Frankfurter Römerberg.

Weihnachtsmarkt

Frankfurter Weihnachtsmarkt - Zwischenbilanz nach der ersten Woche

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    Steven Micksch
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Ein Gang über den Frankfurter Weihnachtsmarkt, wo man stimmungsvoll das Große Stadtgeläute ignoriert.

Dong. Däng. Gedong. Gedäng. Gedängelgedong. Samstag, 16.30 Uhr, Frankfurter Altstadt, los geht das Große Stadtgeläute. Gleich werden die Menschen besinnlich sein, die Ohren spitzen, andächtig lauschen und die Schnäbel halten.

Hallo? Die Schnäbel! Aber nix ist, viele quatschen einfach weiter in der neuen Altstadt, kein Innehalten, nirgends. Vor der alten Ostzeile steht ein Leierkastenmann und leiert vor sich hin. Passant: „Tschuldigung? Das Große Stadtgeläute hat begonnen.“ Leierkastenmann: „Ich weiß.“ Und leiert weiter.

Dann schnell rüber zum Römer. Die Menschen babbeln und lachen. „Äh, Verzeihung, das Große Stadtgeläute!“ – „Ich glaube ja, aber ich kann gern für Sie nachfragen.“ – „Nicht nötig. Ich w e i ß, dass es das Große Stadtgeläute ist, und möchte Sie darüber informieren.“ – „Ah. Aha. Danke. Können Sie ein Foto von unserem Damenkegelklub machen?“

Schlimm. Dahin die Andacht. Wenigstens macht der Kegelklub anschließend noch Fotos vom Großen Stadtgeläute (siehst du, wie viel Glöcklein klihingen), und es gibt sogar vereinzelte romantisierte Küsspärchen zum Geläute zwischen den Buden. Na also.

Generell lässt sich sagen: Topweihnachtsmarktwetter am Wochenende und fröhöliche Menschen überall. „Perfekt, wir wünschen uns immer trockenes und kühles Wetter“, sagt Monika Eiserloh, Mandelverkäuferin mit langer Weihnachtsmarkttradition, in ihrem nagelneuen 2019er Laden mit acht Metern sichtbarrierefreier Theke und einer Apfelweinkreation als „Mandel des Tages“. Schwägerin Yvonne Eiserloh am Kandierte-Früchte-Stand bilanziert ebenfalls zufrieden zwischen: „Am Anfang regnerisch, jetzt haben wir aber optimales Marktwetter.“ Verkaufsrenner bei ihr: Banane, Erdbeere und neu: Milchschnitte mit Schokoglasur.

Die Polizei kann nach der ersten Woche noch kein Fazit ziehen. Insgesamt sei aber alles ruhig, sagt eine Sprecherin. Wo ist eigentlich die Weihnachtsmarktpolizeiwache? Im Kassen- und Steueramt, Paulsplatz 9. Mehrere Beamte laufen zwischen den Ständen Streife.

Wenn man von „laufen“ überhaupt sprechen kann. Die durchschnittliche Fortbewegungsgeschwindigkeit beträgt auf dem Markt 0,0004 Geh, was etwa dem Wachstumstempo einer Karotte im Winter entspricht. Paradedisziplinen: In-den-Weg-stellen-und-herzhaft-husten sowie: Entsetzt-auf-den-großen-Römer-Weihnachtsbaum-zeigen-und-dabei-dem-Nächsten-seinen-Glühwein-über-den-Kittel-schütten.

Apropos Baum: ein Bild des Jammers. Daneben jedoch die lebensgroße Krippe. Zum Glück wurden da im vorigen Jahr alle Unklarheiten beseitigt und neue Figuren installiert. Bis dahin wirkte die Szene etwas, wie soll man sagen, seltsam: Jesuskind, Maria und zwei sich ähnelnde Männer. Eine Dreiecksbeziehung im Hause Heiland? „Da hatte jemand die Figuren falsch gestellt, glaube ich“, sagt jemand, der sich ein bisschen mit der Krippe auskennt, aber ungern in dem Zusammenhang in der Zeitung auftauchen will. Der Zorn des Herrn, wer von uns fürchtet ihn nicht?

Kartoffelpufferwarnung: Drei können einer zu viel sein. Lecker, aber sehr reichlich am Liebfrauenberg. Zumal dort am Samstagabend das gemeinsame Adventssingen beginnt, welchselbiges mit Glühwein weitaus leichter von der Zunge geht als mit drei (wie gesagt leckeren) Puffern.

Der schnellste Weg vom Liebfrauen- auf den Römerberg führt nicht durch die neue Kräme, sondern vor der Kleinmarkthalle vorbei, wo am Wochenende die Bussi-Gesellschaft weilt und das Ambiente kurz von Glühwein- in Proseccodunst wechselt. Auf der Berliner Straße fahren w i r k l i c h Autos durch den Weihnachtsmarkt, aber erstaunlicherweise ohne Stau.

Was sagt Sindy Kunzmann am Stand der Graupner-Holzminiaturen zur Lage? „Sehr entspannte Leute in diesem Jahr, sehr angenehm.“ Es gab Jahre, da wurde sie angebrüllt, ob sie Kerzen habe. Das ist nicht nett gegenüber einer Frau, die rührende Holzspielsachen bemalt und Drehfiguren mit Propellern verkauft. Aber in diesem Jahr ist es besser.

Was sicher auch an Edith Oehring aus Bad Homburg liegt, die zwei Gäste mit nach Frankfurt gebracht hat: Daniela und Werner Huber aus Sontheim. Wie gefällt’s? „Die Stände gut, das Drumherum nicht so“, sagt Werner Huber, und die Gattin ergänzt: „Der Ulmer ist gemütlicher.“ Der zunächst schwer geknickte FR-Reporter ist aber bald wieder froh, als die Hubers hinzufügen: „Oh, nein, Missverständnis – wir meinen mit Drumherum nicht eure Altstadt! Die ist schön!“ Nur die Beleuchtung und, nun ja, der Baum … Edith Oehring rät, auch den Bad Homburger Weihnachtsmarkt zu besuchen. Na, Ehrensache!

Unendlich viele Engländer sind in der Stadt. Das fällt nicht nur auf, wenn man selbst eigens zum Weihnachtsmarkt vom Auswärtssieg der Eintracht aus London zurückgekehrt ist. Zum Glück haben sie den Regen dort gelassen. So kann Kurt Stroscher von der Tourismus und Kongress GmbH über eine insgesamt zufriedenstellende erste Woche berichten. Der Hype um den Weihnachtsmarkt sei ungebrochen, das sehe man auch daran, dass der „Zulauf selbst bei Regen gut“ sei. Nichtsdestotrotz sei Regen aber nicht weihnachtsmarktfreundlich. Stroscher hofft deshalb wie Monika Eiserloh auf kaltes und trockenes Wetter, dann würden noch mehr Menschen in die Innenstadt strömen – wo auch immer die dann noch hinpassen sollen. Aus Erfahrung weiß Stroscher, dass die gut zwei Wochen vor Weihnachten für die Standbetreiber die Hauptgeschäftszeit sind: „Dann kaufen die Leute Geschenke und der Umsatz steigt noch mal merklich.“

Jetzt bitte noch mal ein wenig innere Einkehr für den Rest des Stadtgeläutes. Der Römerberg erschallt hell und vielstimmig. Zum Vergleich „schnell“ mal rüber zur Paulskirche – die Gehgeschwindigkeit beträgt inzwischen minus 5,423 Geh – da ist ein staatstragendes Doonnngdoooonnnng zu hören, während die Katharinenkirche an der Hauptwache einen Ton dazwischen trifft, satt und so laut, dass vom Rest der rund 50 City-Glocken nichts mehr zu hören ist. Dann mal weiter, horchen, bimmelt auch der Eschenheimer Turm …? Nein. Vielleicht die Friedberger Warte? Schöhönen Advent zusammen.

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