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Michael Quast lässt sich von der Pandemie nicht entmutigen.

Theater

„Gegenentwurf zur freudlosen Gegenwart“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Michael Quast, Intendant der Frankfurter Volksbühne, erzählt im Interview, warum er mit einem Drama von Samuel Beckett auf die Pandemie antwortet - und welchen Auftrag das Theater heute hat.

Herr Quast, in Zeiten der Pandemie geht die Frankfurter Volksbühne neue Wege. Sie bringen ein Drama von Samuel Beckett auf die Bühne zur Eröffnung der neuen Spielzeit.

Ja. Ich inszeniere Beckett, sein Stück „Spiel“ aus den frühen 60er Jahren. Für uns eine Art Rückbesinnung auf archaische, einfache Theatermittel. Es geht um Sprache, Mimik, Licht. Und um Witz, der gehört dazu. Man sieht nur drei Köpfe.

Es ist ein reduziertes Theater.

Es ist ein ganz konzentriertes Theater, durchaus pointiert. Es hat Humor und es ist ein Spiegel unserer Situation heute. Wir haben es auch deshalb ausgewählt, weil das Publikum sich mit der Situation der Personen auf der Bühne identifizieren kann. Die Menschen sitzen vereinzelt und mit Abstand im Parkett und die drei auf der Bühne sind auch isoliert.

Was erzählen Sie mit diesem Beckett-Stoff?

Es geht um drei Personen, die wie in einer Art Zeitschleife festhängen. Sie erzählen ihre Geschichte immer wieder und wieder. Es ist eine Dreiecksgeschichte von zwei Frauen und einem Mann, ein boulevardesker Stoff, aber dargeboten in einer äußerst strengen Form. Der Text ist strukturiert wie eine Partitur.

Was hat Sie daran gereizt?

Ich wollte nicht einfach unser Repertoire spielen, sondern ganz bewusst unser inhaltliches Spektrum erweitern. Und die Finanzierung ist ein Grund. Es ist klar, dass wir durch den Verkauf von Karten nicht mehr genug Geld zusammenbekommen. Ich kann unter den Restriktionen der Corona-Pandemie von den 370 Sitzplätzen im Cantatesaal etwa 107 nutzen, wenn Gruppen kommen, bis zu 120. Das heißt, die Finanzierungsmöglichkeit durch Kartenverkauf bricht weg. Öffentliche Unterstützung vom Staat bekommen sie aber nur, wenn sie etwas Neues entwickeln. Was die Theater können und in ihrem Repertoire zeigen, wird nicht gefördert. Deshalb saugen sich gerade viele Künstler irgendetwas Neues aus den Fingern. Ich könnte gerade Zuschüsse bekommen für die Digitalisierung meines Theaters, denn IT wird sehr gefördert. Ich könnte mir also Kameras zulegen und Schnittsoftware und Technik, mit der ich streamen kann. Das macht bestimmt Spaß, ist aber nicht unbedingt das, was mich interessiert.

Was interessiert Sie denn am Theater?

Ich will das machen, wofür die Volksbühne geliebt wird: Der Kontakt mit dem Publikum, das komödiantische Spiel, gemeinsam lachen. Das ist aber nicht unbedingt förderwürdig.

Gerade der Kontakt mit dem Publikum, das Wechselspiel mit den dicht an dicht sitzenden Menschen vor der Bühne, das Sie so sehr lieben, ist ja gegenwärtig überhaupt nicht möglich.

Den Kontakt mit dem Publikum kann ich nur sehr eingeschränkt herstellen. Ich spiele ja auch noch meinen Solo-Abend mit Texten von Friedrich Stoltze, da versuche ich, das Beste aus der Situation zu machen. Und auch die Leute sind redlich bemüht, dass etwas Stimmung aufkommt.

Spielplan der Volksbühne

17. September , 19.30Uhr: Samuel Beckett, Spiel. 18. September, 19.30 Uhr: Stoltze für alle, Weltuntergangsfassung, mit Michael Quast. 20. September, 19 Uhr: Ach! Wehe Mir! Es waren schöne Tage, Friedrich Hölderlin läuft durch den Großen Hirschgraben. 24. September, 20 Uhr: Philipp Mosetter, Mein pandemisches Tagebuch. 26. September, 19.30 Uhr, Faust I, mit Michael Quast und Philipp Mosetter Telefonischer Kartenverkauf , Tickethotline 069/407 662 0 , montags bis freitags 9-19 Uhr, samstags 9-18 Uhr, oder an den Vorverkaufsstellen ADTicketshop, Kaiserstraße 67, montags bis freitags 9-19 Uhr, samstags 9-18 Uhr, My Zeil Ticketshop Zeil 106,montags bis mittwochs 10-20 Uhr, donnerstags bis samstags 10-21 Uhr. jg ZUR PERSON Der Schauspieler , Komödiant und Regisseur Michael Quast (61) gründete im Dezember 2008 die Fliegende Volksbühne in Frankfurt. Seither versuchte er, für sein modernes Volkstheater ein festes Domizil zu finden. Ein erstes Quartier in Sachsenhausen am Paradieshof wurde von der Stadt trotz einer Zusage aus Kostengründen nicht verwirklicht. Im Januar 2020 konnte Quast endlich im Cantatesaal am Großen Hirschgraben 15 in Frankfurt sein neues Theater eröffnen. Wenig später musste er wegen der Corona-Pandemie jedoch wieder schließen. Jetzt beginnt die neue Spielzeit.

Ich genieße es sehr, dass ich so etwas inszenieren kann. Das Stück besitzt Ironie und Witz und Zeitbezug. Und wir haben noch gar nicht realisiert, was die Corona-Pandemie für Auswirkungen auf das Theater hat. Besonders auf die Privattheater. Wir brauchen wirtschaftlich ein neues Geschäftsmodell. Wir brauchen aber auch ein neues künstlerisches Konzept. Das macht mich unendlich traurig. Mir fehlt das volle Haus, das gemeinsame Erlebnis mit dem Publikum, die gemeinsame Spannung.

Ein Format, bei dem Sie das alles immer voll ausreizen, ist Barock am Main. Was wird jetzt in Zeiten der Pandemie daraus?

So viel kann ich sagen: Barock am Main soll es 2021 im Sommer geben, im Juli und August. Wir versuchen gerade, ein neues Modell dafür zu erfinden, mit reduziertem Publikum. Ich plane außerdem für das nächste Jahr eine neue große Mundart-Inszenierung an der Volksbühne. Dabei bin ich gezwungen, mich einer gewissen Ernsthaftigkeit zu stellen. Die aktuelle Tristesse ist ohne Zweifel ein Abbild unserer Gesellschaft. Aber Theater muss einen Gegenentwurf formulieren zu unserer freudlosen Gegenwart. Darauf müssen wir uns neu besinnen. Dafür kämpfe ich.

Welche neue Mundart-Inszenierung werden wir sehen im Jahr 2021?

Ich möchte „Der Bürger-Capitain“ von Carl Malß auf die Bühne bringen. Das ist ein Höhepunkt des Frankfurter Mundarttheaters im 19. Jahrhunderts. Spielt in einem Wirtshaus in der Frankfurter Altstadt. Unter der biederen Oberfläche lauern jede Menge Gemeinheiten und Intrigen. Es ist eine Satire auf das Kleinbürgertum.

Das ist Ihre Welt.

Da stehe ich dann auch wieder selbst auf der Bühne. Ich liebe den großem Reichtum an Bezügen und Geschichten in dieser Lokalposse. Carl Malß hat in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankfurt das Stadttheater am heutigen Rathenauplatz geleitet. Es heißt, er hat sich 1848 aus Verzweiflung über den wirtschaftlichen Misserfolg das Leben genommen, es gibt aber auch die These, dass er an Asthma gestorben ist. Er war ursprünglich Architekt und Festungsbaumeister, wandte sich dann aber aus Liebe dem Theater zu. Heute könnten wir in Frankfurt wieder einen Architekten als Theater-Intendanten gut gebrauchen.

Warum das?

Nun, angesichts der Herausforderungen durch den Neubau der Städtischen Bühnen.

Was empfinden Sie, wenn Sie hören, dass da um 900 Millionen Euro gerungen wird?

Ich finde es sehr wichtig, dass die Stadt eine gute Lösung für die Städtischen Bühnen findet. Das Geld ist nicht zum Fenster rausgeworfen, wir brauchen ein modernes Theater auf der Höhe der Zeit. Ich wünschte mir nur 0,01 Prozent von den Investitionen für die Volksbühne.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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