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Natürlich voll mit Büchern: Das Büro des Frankfurter Verlegers Axel Dielmann in Niederrad.
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Natürlich voll mit Büchern: Das Büro des Frankfurter Verlegers Axel Dielmann in Niederrad.

PORTRÄT DER WOCHE

Frankfurter Verleger: „Die Buchmesse ist eine irre tolle Sache“

  • Helen Schindler
    VonHelen Schindler
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Axel Dielmann sieht sich in der Corona-Pandemie als „Kriegsgewinnler“ und freut sich auf die Buchmesse.

Axel Dielmann sitzt in einem Sessel im Zebralook in seinem Büro im ersten Stock, neben ihm eine Wand voll Bücher, hinter ihm der Blick in den grünen Garten. Hier, in einem Häuschen in Niederrad, abseits des Trubels der Großstadt, wohnt und arbeitet der Verleger, dem der Axel-Dielmann-Verlag gehört. Der 62-Jährige hat gute Laune, er freut sich, dass endlich wieder Frankfurter Buchmesse ist. „Die Buchmesse ist eine irre tolle Sache“, sagt er. Im vergangenen Jahr musste die Messe pandemiebedingt digital stattfinden. Damit fielen auch die Begegnungen weg; für Dielmann der wichtigste Bestandteil der Buchmesse.

„Bei einem Schwätzchen zwischendrin erfährt man Dinge, die man nie in einem E-Mail-Austausch mitkriegen würde oder die man in keinem Portfolio eines Agenten liest. Das ist eine Art von Direktheit, die man nicht ersetzen kann.“ Nach den drei Tagen Buchmesse sei er immer „völlig k.o.“, aber, „es lohnt sich total – menschlich, kaufmännisch und kulturell“. Wenn die Branche in den kommenden Tagen wieder auf dem Messegelände zusammenkommt, wird auch Dielmann wieder einen Stand haben, wie in fast jedem Jahr seit Gründung des Verlags.

Dielmann, 1959 in Frankfurt geboren, studierte Physik an der Goethe-Universität. „Ich hatte eine große Leidenschaft für Naturwissenschaften“, erzählt er. Aber auch für Literatur: Nebenbei habe er geschrieben und im Jahr 1982 die Literaturzeitschrift „Schritte“ gegründet, die sich über Sponsoren finanzierte und innerhalb von sieben, acht Jahren deutschlandweit an 1400 Cafés geliefert wurde. Weil die Manuskripte immer länger wurden und den Rahmen einer Zeitschrift gesprengt hätten, ging daraus 1993 der Literaturverlag Axel Dielmann hervor. Das erste im Verlag erschienene Buch: der 1000-seitige Roman „Wolpertinger oder Das Blau“ von Alban Nikolai Herbst, dessen Lektorat sieben Monate dauerte.

20 verlegte Titel pro Jahr

„Im Verlagsprogramm finden sich eher Zeitgenossen, keine Mainstreamliteratur und keine Bildzeitungsthemen, sondern eher Autorinnen und Autoren, die mit Sprache experimentieren“, sagt Dielmann. Rund 20 Titel verlegt er im Jahr – darunter im Durchschnitt auch zwei aus Frankfurt. „Es macht keinen Sinn, Literatur geografisch festzumachen, aber ich liebe Frankfurt und wir haben immer wieder Autorinnen und Autoren aus Frankfurt oder Titel, die sich inhaltlich mit Frankfurt beschäftigen.“ Vor zweieinhalb Jahren habe er beispielsweise ein Buch über die Frankfurter Küche verlegt, sagt Dielmann, der selbst in einem Ernst-May-Haus lebt.

Das Motto des Verlags lautet „Bleiben Sie neugierig“. „Neugier ist ja im katholischen Kanon eine Sünde, aber ich finde, es ist eine der tollsten Sachen der Welt“, sagt der Verleger. Es sei eine Eigenschaft, die er gerne allen Leserinnen und Lesern an den Hut stecken würde.

Für ihn sei der Beruf des Verlegers einer der spannendsten Jobs überhaupt. „Wir machen 35 Gewerke auf einmal.“ Das gehe los bei der Betreuung der Autorinnen und Autoren. „Da ist man so nah an Menschen dran wie selten im Leben, das ist eine ganz spezielle Intimität, da schlüpft man jemandem in den Körper, in den Kopf, in das gesamte Seelenleben und in die Biografie.“ Dazu kommen die Organisation von Veranstaltungen, Pressearbeit, der kaufmännische Bereich und die Gestaltung. Gemeinsam mit seinem dreiköpfigen Team macht Dielmann 80 bis 85 Prozent der gesamten Arbeit intern.

500 Manuskripte kriegt Dielmann im Jahr zugeschickt, die allermeisten nicht mehr in Papierform, sondern digital. Nach gut 40 Jahren in der Branche braucht der Verleger nur einen kurzen Blick, um zu wissen, ob ein Manuskript für ihn infrage kommt oder nicht, „das geht höllisch schnell“. In der Branche würden die allermeisten unverlangt eingehenden Manuskripte „einfach in die Ecke gehauen“, ohne darauf zu reagieren.

Dielmann hat seinen Blick auf dieses Vorgehen geändert, als er selbst in die Rolle des Autors schlüpfte. 2013 publizierte er das Buch „Nizza oder Die Liebe zur Kunst“, weitere Kunsterzählungen folgten. „Es ist spannend zu sehen, wie der Fokus sich verschiebt, wie die Interessen andere sind, wenn man auf einmal als Autor einem Verlag gegenübersteht“, sagt er. Daraus habe er einen anderen Blick auf seine Arbeit als Verleger gewinnen können. So geht Dielmann mit Manuskripten nun anders um: „Wir schicken nun zumindest eine Eingangsbestätigung. Schließlich haben wir in der Branche mit Kommunikation und Medialität zu tun, da ist es ja absurd, wenn wir das einfach in den Müll schmeißen und jegliche Kommunikation vermeiden.“

Den größten, vor allem unerwarteten Erfolg hatte Dielmann mit dem Titel „Die geheimen Aufzeichnungen des Buchhändlers“. Ein Buchhändler aus Frankfurt hatte witzige und skurrile Erlebnisse mit der Kundschaft gesammelt und bei Dielmann in einem Bändchen herausgebracht. Ursprünglich sei geplant gewesen, dieses an einige Buchhändler zu verschenken. „Aus Versehen hat eine Mitarbeiterin das an die dpa geschickt, wo sich jemand kaputt gelacht und eine 20-Zeilen-Meldung geschrieben hat“, erinnert sich Dielmann. „Diese wurde 120-mal in allen möglichen Medien abgedruckt, das ist explodiert ohne Ende.“ Bis heute wurden mehr als 60 000 Exemplare verkauft.

Social Media zahlt sich aus

Die vergangenen eineinhalb Jahre waren, wie für so viele, auch für Dielmann geprägt durch die Corona-Pandemie: „Es hat sich fast alles verändert, normalerweise haben alle unsere Autorinnen und Autoren mehr als 200 Veranstaltungen im Jahr, das fiel alles weg und viele Kolleginnen und Kollegen hatten hohe Umsatzeinbußen.“ Doch der Verlag sei überraschend gut durch die Zeit gekommen: „Wir hatten Mordsglück. Wir hatten vier Projekte vorbereitet, die veranstaltungsunabhängig gelaufen sind, so dass wir von den Auswirkungen der Pandemie im ersten Jahr praktisch nichts gespürt haben.“

Danach habe sich insbesondere die Arbeit in den sozialen Medien bezahlt gemacht, „unser Direktverkauf hat sich verdoppelt, wir haben Kontakte generiert“, so Dielmann. „Ich komme mir vor, wie ein Kriegsgewinnler. 2020 war unser bestes Jahr seit neun Jahren.“ Aber die Zeit sei auch sehr arbeitsintensiv gewesen: „Wir haben jeden Tag bestimmt zwei Stunden mit Social Media zugebracht, wir hatten 13-Stunden-Tage und das sechs Tage pro Woche. Hinterher war ich groggy, aber es war ein Supererlebnis – ähnlich wie bei der Buchmesse.“

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