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Übersetzerin Anastasia Kamarauli liest aus dem Buch „Der scharlachrote Wolf“ von Goderdsi Tschocheli.

„Langer Tag der Bücher“

Frankfurter Verlage im Fokus

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Der „Lange Tag der Bücher“ im Haus am Dom zieht rund 1000 Literaturfreunde an.

Im Haus am Dom herrscht am Sonntag dichtes Gedränge. Literaturliebhaber geben sich die Klinke in die Hand, unterhalten sich über Bücher und deren Macher. Ob Erzählband, Gerichtsreportage oder historischer Roman – auf drei Etagen verteilt, können sie bei der 16. Auflage vom „Langen Tag der Bücher“ regional produzierte Literatur stöbernd, schmökernd und in Lesungen entdecken.

„Um ein möglichst breites Publikum anzusprechen, sind wir um Vielfalt bemüht“, sagt Organisator Florian Koch, der den Lesetag seit 2004 an einem Wochenende im Frühling und gemeinsam mit Verlagen veranstaltet – zunächst im Schauspiel Frankfurt, seit sechs Jahren im Haus am Dom.

Acht Frankfurter Verlage nehmen dieses Mal teil. Neben Traditionshäusern wie S. Fischer geben sich junge Literaturverlage die Ehre. Der 2009 gegründete Größenwahn Verlag etwa ist mit einem Roman über den jüdischen Tenor Joseph Schmidt („Ein Lied in allen Dingen“) neu dabei. „Das freut mich besonders“, sagt Koch. „Weil der Verlag einen Schwerpunkt auf Autoren aus der Fremde setzt, die in deutscher Sprache schreiben“, sagt er. „Das scheint mir zurzeit wichtig.“

In den Novitäten blättern können die Besucher auf dem Lesebalkon. Hier oben, im zweiten Stock und abseits des Trubels, sind Sessel mit Blick gen Dom aufgestellt. Laut vorgelesen wird im Großen Saal eine Etage tiefer. Dort stellen die Autoren ihre Werke im Interview mit Verlegern, Moderatoren und Lektoren vor. „Die disziplinierte, durchgängige Taktung der Gespräche finde ich gelungen“, sagt Brigitte Dörrlamm aus Bad Soden. Sie ist eine von rund 1000 Bücherfreunden, die den Lesetag besuchen. Beim „Bouquinistenmarkt“ im Erdgeschoss holt sie sich unter den alten Schätzen der Weltliteratur Anregungen für ihren eigenen Buchclub. „Veranstaltungen wie diese hier helfen, den Markt im Blick zu behalten, auch im regionalen Kontext“, lobt sie.

Im Großen Saal wird unterdessen eine Premiere gefeiert. Hier ist erstmals eine Übersetzerin zu Gast: Moderator Lothar Ruske spricht mit Anastasia Kamarauli über den Roman „Der scharlachrote Wolf“ des georgischen Schriftstellers und Filmemachers Goderdsi Tschocheli. Die Frankfurter Verlagsanstalt gab die deutsche Ausgabe 2018 anlässlich des Gastlandauftritts Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse heraus. Da der Autor 2007 verstorben ist, vertritt die 25-jährige Übersetzerin Kamarauli das Buch. Sie spricht über die Crux der Übertragung des bildgewaltigen und poetischen Werks aus dem Georgischen ins Deutsche: „Der Autor schrieb sehr visuell und sprunghaft – wie in Kameraeinstellungen“, erzählt sie. „Da musste ich bei Ortswechseln einige Lücken füllen.“

Mit sieben Jahren von Tbilissi nach Deutschland gekommen, kann Kamarauli das Spannungsfeld, in dem Protagonist Luka gefangen ist, aus eigener Erfahrung erläutern. Der angehende Schauspieler bewegt sich zwischen der Stadt Tbilissi und den Bergen im Großen Kaukasus, zwischen Moderne und Tradition, zwischen moralischem Verfall und gesellschaftlichem Zusammenhalt, zwischen Mensch- und Tiersein. „Er ist ein Gestaltenwandler, kann sich zum Wolf und zurück verwandeln“, erklärt Kamarauli.

„Die Geschichte ist durchdrungen von solch fabelhaften Elementen“, stellt Ruske fest. Kamarauli erklärt, dass hier alte Mythen und Traditionen einfließen, die für ihr Heimatland typisch sind. „Das Buch spielt in einem Mikrokosmos aus heidnischen und christlichen Bräuchen und Geschichten“, sagt sie. „Jedes georgische Bergdorf hat da seine eigenen Glaubensvorstellungen.“ Moderator und Publikum gefällt’s: „Hoffen wir auf viele, weitere solcher Übersetzungen aus Georgien“, schließt Ruske und erntet schallenden Applaus.

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