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Frankfurter Unternehmerin: „Alle gemeinsam müssen etwas tun“

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Franziska Katterbach mit ihrem Kollegen Peter Leis findet es wichtig, im Bahnhofsviertel präsent zu bleiben. Foto: michael faust
Franziska Katterbach mit ihrem Kollegen Peter Leis findet es wichtig, im Bahnhofsviertel präsent zu bleiben. Foto: michael faust © Michael Faust

Für die Unternehmerin Franziska Katterbach ist vor allem die Politik schuld an der Misere im Bahnhofsviertel

Zu dreckig, zu versifft, zu gefährlich – immer mehr Geschäftsleute kehren dem Bahnhofsviertel den Rücken, zuletzt verließen Kieser-Training, Back-Factory und Stanley die Gegend. Khiron-Med, ein Hersteller von medizinischem Cannabis, tut genau das nicht. „Ich stehe zu unserem Standort“, sagt Europa-Geschäftsführerin Franziska Katterbach, die ihre Geschäftsräume an der Kreuzung Nidda- und Elbestraße hat. „Weil das Bahnhofsviertel ein Schmelztiegel der Kulturen ist, die sich aber alle ihre Authentizität bewahrt haben.“ Bereits in ihrem vorherigen Job hatte die 35-Jährige ihr Büro im Viertel.

Doch mittlerweile ist Franziska Katterbach ziemlich verärgert. „Die Zustände hier sind schlimmer geworden. Die Leute liegen in ihrem eigenen Dreck, im Sommer war der Gestank teilweise heftig.“ Das Aggressionslevel sei gestiegen, sowohl durch den vermehrten Konsum von Crack mit höherem Beschaffungsdruck als auch durch die höheren Lebenshaltungskosten. „Vor einigen Wochen wurde unser Hausmeister angegriffen, tagsüber, obwohl er im Viertel eigentlich bekannt ist. Und das nur, weil er mit Facetime telefoniert hat und es deshalb so aussah, als ob er ein Video aufnimmt.“

Geschäftskunden schleust Franziska Katterbach deshalb mittlerweile grundsätzlich ums Viertel herum, größere Meetings beraumt sie direkt in Wiesbaden an. „Sogar unsere Mitarbeiter aus Kolumbien sind von den Zuständen hier geschockt. Wie sollen wir so einen negativen Eindruck jemals wieder aufholen?“

Schuld an der Misere ist für Franziska Katterbach vor allem die Politik – die gleich auf mehreren Ebenen versagt habe. Denn sie habe zwar den Frankfurter Weg geschaffen, der gut und sinnvoll sei. Doch seit in der Corona-Pandemie auch die Probleme dieser Herangehensweise sichtbar geworden seien, werde das Viertel ignoriert. „Vermutlich, weil man mit Leid und Elend keine Wähler gewinnen kann.“

Stattdessen würden die Probleme auf Personen verlagert, die sich nicht wehren könnten. FES-Mitarbeiter, die nur noch mit Polizeischutz arbeiteten, Polizisten, die zusehen müssten, wie sich Abhängige Spritzen setzten. „Das ist unfair gegenüber den schwerstkranken Menschen, gegenüber denen, die nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, und auch denen gegenüber, die ins Viertel investiert haben, weil sie dachten, dass die Probleme unter Kontrolle seien.“

Auch werde die Drogenhilfe viel zu kurz gedacht, moniert die Unternehmerin.. „Vollgepumpt mit Drogen im Bahnhofsviertel auf der Straße zu liegen, ist kein Lebenswunsch. Wir als Gesellschaft haben diese Menschen hervorgebracht.“ Jeder Drogenabhängige habe eine eigene Geschichte, Probleme in der Familie, eine psychische Erkrankung. Probleme, die man intensiv angehen müsste, bevor Drogen ins Spiel kämen. Doch offensichtlich werde in diesem Bereich immer noch zu wenig getan. „Dabei ist nachgewiesen, dass Sport- und Freizeitangebote bei der Suchtprävention helfen.“

Zudem seien trotz der Aufstockung des Personals bei OSSIP zu Jahresbeginn, das für die aufsuchende Sozialarbeit im Viertel zuständig ist, viel zu wenige Helfer unterwegs. „Ich sehe selten, dass jemand, der von Körperhaltung und Auftreten her dementsprechend aussieht, mit den Menschen redet.“ Sie könne allerdings nicht ausschließen, dass das innerhalb der Einrichtungen passiere.

Und auch an anderen Stellschrauben wird Katterbachs Meinung nach zu wenig gedreht, etwa bei Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen für jene, die die Sucht besiegt haben. „Man schafft durch Methadonsubstitution keine ,perfekten‘ Menschen. Sie haben nicht über Nacht plötzlich Abitur, ein stabiles Umfeld oder einen Job.“ Doch Angebote zur Reintegration in die Gesellschaft scheine es nur spärlich zu geben; die Frage, wie man mit jenen umgehe, die den Suchtausstieg nicht schafften, sei ungelöst.

Viele verschiedene Aufgaben also – die man, geht es nach Franziska Katterbach, nur interdisziplinär lösen kann. „Der Frankfurter Weg ist ein Experiment. Die erste Stufe, bei der vor allem beobachtet wurde, ist beendet. Jetzt muss endlich die zweite kommen: Alle gemeinsam müssen etwas tun“ - und zwar mit aufeinander abgestimmten Maßnahmen. Ob es die richtigen seien, werde sich zeigen, sagt die Unternehmerin. „Wenn nicht, muss man eben etwas anderes probieren. Hauptsache, man macht überhaupt mal was!“

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