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Enrico Schleiff, neuer Präsident der Goethe-Uni, möchte Forschungsschwerpunkte stärken.
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Enrico Schleiff, neuer Präsident der Goethe-Uni, möchte Forschungsschwerpunkte stärken.

Goethe-Universität

Frankfurter Uni-Präsident: „Wir müssen das Potenzial der Region nutzen“

  • George Grodensky
    VonGeorge Grodensky
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Der neue Präsident der Goethe-Universität Enrico Schleiff über die Zukunft der Hochschuleund die Wissenschaftsstadt Frankfurt.

Herr Schleiff, Frankfurt gilt als Stadt der Banken. Wie sehen Sie das als neuer Präsident der Goethe-Universität? Ist Frankfurt nicht auch eine Stadt der Wissenschaft?

Absolut. An den verschiedenen Hochschulen haben wir knapp 80 000 Studierende, rund 45 000 davon an der Goethe-Universität. Aber das ist es nicht alleine. Schauen Sie sich das Umfeld an; hier gibt es ungeheuer viele Forschungsinstitute etwa der „big four“, Max-Planck, Helmholtz, Leibniz, Fraunhofer. Mir liegt daran, dass wir die Partnerschaften mit diesen Einrichtungen intensivieren. Dazu zählen auch die Institutionen, die alle in der Stadt kennen: Senckenberg, der Zoologische Garten, der Palmengarten. Auch dort lebt die Wissenschaft. Es gibt aber auch sehr viele Stiftungen in der Stadt. Viele wissenschaftliche oder wissenschaftsnahe Einrichtungen sind hier ja überhaupt erst als Stiftungen entstanden. Das ist ein Indiz dafür, dass sich die Stadtgesellschaft aktiv um die Wissenschaft bemüht, sie unterstützt.

Und doch, kann die Universität nicht noch sichtbarer werden?

Schon heute unterhalten wir zum Beispiel Kooperationen mit 33 Schulen in der Stadt, um junge Menschen zu begeistern, nicht nur für die Goethe-Universität, sondern insgesamt für Wissenschaft. Wir organisieren in jedem Jahr Deutschlands größte Kinderuniversität. Wo wir stärker werden könnten, ist, die Gesellschaft zu uns zu holen. Ihr bei uns Freiräume für Erfahrungen und Diskurse zu geben, für ihre Ideen und Fragen. Das werden wir in den nächsten Jahren intensivieren.

Wieso?

Transfer von Wissen in die Gesellschaft ist keine Einbahnstraße. Ermöglichung von Austausch ist etwas ganz Wichtiges. Wir als Universität nehmen Impulse aus der Gesellschaft auf, um neue Dinge zu erforschen. Ein gutes Beispiel ist, wie die Wissenschaft auf Corona reagiert hat. Wir haben sofort unsere Kräfte gebündelt, um die neuen Fragen und Probleme anzugehen und kommunizieren darüber auch öffentlich.

Sie sprechen Corona an. Blicken die Menschen wegen der Pandemie verstärkt zur Wissenschaft?

Da hat ein positiver Wandel stattgefunden. Es gibt mehr Zugang, mehr öffentliche Debatten, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehört werden. Auch weil sich die Kolleginnen und Kollegen öffentlich zu den Fragen der Menschen äußern. Etwa Sandra Ciesek, die nicht müde wird, den Leuten in Corona-Zeiten ihre Ängste und Sorgen zu nehmen. Bürgerorientierte Wissenschaftskommunikation ist gerade in diesen Zeiten eine wichtige Aufgabe.

Sträuben sich da nicht die Nackenhaare eines Wissenschaftlers, dass man überhaupt darüber diskutieren muss, ob die Wirkstoffe der Impfungen schädlich sind oder nicht?

Nein, überhaupt nicht. Warum? Ich glaube, es ist wichtig, dass wir diese Ängste wahrnehmen. Menschen sind alle unterschiedlich. Die augenblickliche Situation verlangt uns allen sehr viel ab und ist psychisch belastend. Jeder geht mit diesem psychischen Druck anders um. Diese Ängste ernst zu nehmen und die Fragen der Menschen zu beantworten, ist wichtig. Deswegen freue ich mich, dass das die Kolleginnen und Kollegen der Goethe-Universität auch machen.

Das zweite Semester in der Corona-Pandemie endet im März. Wie läuft der universitäre Alltag?

Schauen Sie sich um: Der Campusplatz ist leer. Die Studierenden und Lehrenden sitzen zu Hause. Vorlesungen und Seminare finden meist am heimischen Computer statt, die Präsenz ist auf das Nötigste reduziert: Bestimmte Praktika, die ein oder andere Präsenzveranstaltung und die meisten Prüfungen finden noch statt. Die Infektionszahlen an der Goethe-Universität sind glücklicherweise die gesamte Zeit über niedrig gewesen und sinken stetig. Ich hoffe, dass wir im Sommersemester wieder mehr Präsenz ermöglichen können.

Der Allgemeine Studierendenausschuss hat kürzlich Alarm geschlagen. Die Studierenden seien isoliert, in vielen Veranstaltungen die Anforderungen zu hoch.

Meine Tochter hat dieses Jahr angefangen zu studieren. Ich sehe da direkt und persönlich, welche Herausforderungen das auf beiden Seiten mit sich bringt. Auch die Lehrenden müssen sich auf neue Formate einstellen, müssen ihre Vorlesungen oder Seminare anpassen. Die Kolleginnen und Kollegen arbeiten täglich daran sich zu verbessern. Es ist weiterhin ein großes Experiment. Ich weiß, dass es nicht an allen Stellen optimal läuft. Ich sehe auch, dass typische Nebenjobs, etwa im Verkauf oder in der Gastronomie, weggebrochen sind und dass manche Studierende dadurch in eine schwierige – finanzielle – Situation geraten. Als Universität strengen wir uns an, unseren Studierenden an vielen Stellen – seien es Prüfungen, seien es Abgabefristen – Erleichterungen zu verschaffen. Aber ich möchte noch ein anderes Schlaglicht werfen auf die Frage zum Alltag an der Universität.

Werfen Sie.

Wir reden häufig von Studierenden und Lehrenden. Aber wir haben auch sehr viele technisch-administrative Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im Hintergrund tagein, tagaus die Universität ebenfalls in ihrem Zuständigkeitsbereich am Laufen halten. Sie halten die Bibliothek offen oder stellen im Rechenzentrum enorme Ressourcen für die digitale Lehre bereit, um nur zwei Beispiele zu nennen. Diesen vielen Kolleginnen und Kollegen, die auf allen diesen Ebenen täglich ihr Bestes geben, möchte ich ausdrücklich danken, da ihre Leistungen manchmal übersehen werden.

Wie planen Sie das kommende Semester?

Es gibt einen großen Krisenstab – eine Art „Sounding Board“ –, an dem die Uni in ihrer Breite teilnimmt, vom Personalrat über die Fachbereiche bis zum Asta. So hören wir jede Woche, wo der Schuh drückt, aber auch, was gut läuft. Wir unternehmen alles, damit an der Universität keine Pandemiekette entstehen kann. Wir überdenken laufend alle Regeln. Neben dem Alltagsgeschäft. Immerhin haben wir ein Semester, wir haben Forschung.

Das klingt, als ob mehr Präsenzveranstaltungen möglich wären.

Leider haben wir keine Glaskugel, die uns sagt, was in drei Monaten geschieht. Das kommende Sommersemester ist dann bereits das dritte Semester unter Corona-Bedingungen. Sofern es die Pandemie zulässt, werden wir alles tun, Studierenden ihr Studium auch auf dem Campus erlebbar zu machen, denn es gibt Studierende, die den Campus so gut wie noch nie live erlebt haben. Da geht eine entscheidende Qualität verloren, denn ein Studium bedeutet ja nicht nur Lernen. Es ist der erste Schritt des Netzwerkbaus zwischen den Studierenden und der Start in eine neue Lebensphase. Das ist jetzt deutlich erschwert, zumal noch nicht einmal Begegnungsstätten außerhalb der Universität existieren. Vor Weihnachten konnte man sich wenigstens abends noch in einem Restaurant oder einer Kneipe treffen.

Was sind Ihre Schwerpunkte als neuer Präsident, wie wollen Sie die Universität entwickeln?

Ich möchte die Forschungsschwerpunkte weiter stärken und denke das integrativ – also von der Lehre bis hin zur Spitzenforschung. Warum? Weil ich davon überzeugt bin, dass mit einer sehr guten forschungsorientierten Lehre auch Impulse gesetzt werden für hohe Forschungsqualität und umgekehrt. Wir benötigen Förderprogramme für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der frühen Berufsphase und eine klare Positionierung, wofür die Goethe-Universität steht. Das steht und fällt damit, dass wir Internationalisierung ernst nehmen und vorantreiben. Schwerpunkte zu definieren heißt darüber hinaus, mit Partnern zu denken. Innerhalb der Universität und mit Partnern außerhalb. Ich habe die große Wissenschaftslandschaft in Frankfurt ja bereits erwähnt. Die Goethe-Universität muss auch digitaler werden, moderner, ohne dabei den Anspruch als Präsenz-universität aufzugeben.

Wie gehen Sie das Thema Exzellenzinitiative an? Im Wettbewerb um die begehrten Fördermittel von Bund und Ländern hat die Goethe-Uni 2017 nicht wie erhofft abgeschnitten.

Wir bauen auf ein sehr gutes Fundament auf. Wir haben herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Um uns jetzt für eine neue Phase aufzustellen, gilt es, die Schwerpunkte herauszuarbeiten und zu unterstützen. Was wir aber auch brauchen, sind Zugpferde und die richtigen Köpfe. Das werden wir fokussiert angehen und für unsere Themen herausragende Leute mit hohem Potenzial und Renommee zu uns holen, sei es durch Kooperation oder durch Berufungen. Was wir ebenfalls unbedingt nutzen müssen, ist das Potenzial der Region. Wenn wir unsere Stärken an der Rhein-Main-Universitätsallianz noch mehr bündeln, gibt es nicht viele Regionen, die besser dastehen.

Interview: George Grodensky

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