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Frankfurter Traditionsgeschäft Schirm Klippel schließt nach 124 Jahren

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Von: Kathrin Rosendorff

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Inhaber Johannes Peter Hogrebe hätte gerne noch ein paar Jahre weitergemacht. Er repariert im Keller auch Schirme.
Inhaber Johannes Peter Hogrebe hätte gerne noch ein paar Jahre weitergemacht. Er repariert im Keller auch Schirme. © christoph boeckheler*

Johannes Hogrebe wollte in seinem Traditionsgeschäft eigentlich noch weiterarbeiten, aber die Umsatzeinbüßen seit der neuen Baufassade der Katharinenkirche vor dem Eingang seien zu hoch. Laufkundschaft finde sie nicht mehr. Der 75-Jährige sagt: „Der Stadt ist schiete vgaL, was mit dem inhabergeführten Einzelhandel passiert.“

An dem sonst so liebevoll dekorierten Schaufenster kleben in roter Farbe ein großes Prozentzeichen und die Worte „Total Räumungsverkauf“. Eigentlich sollte es nächstes Jahr, zum 125. Geburtstag des Traditionsgeschäfts Schirm Klippel, eine große Feier geben. „Wir hatten uns sogar schon überlegt, eine Hüpfburg vor dem Laden aufzubauen“, erzählt Inhaber Johannes Peter Hogrebe. Er steht vor dem Traditionsgeschäft im Pavillonbau, hinter der Katharinenkirche.

Der 75-Jährige ist traurig und sehr „gefrustet“, wie er sagt, denn gerne hätten er und seine Frau Helga Schmitz-Hogrebe (71) weitergemacht. „Ich hatte meiner Mutter versprochen, mich um den Laden weiter zu kümmern, so lange wie möglich. Da steckt viel Herzblut drin“, sagt Hogrebe. Doch das Schirm-Fachgeschäft, das letzte seiner Art in Frankfurt, schließt für immer. Nach 124 Jahren.

25 Quadratmeter klein ist die Verkaufsfläche, in der die Schirme von Marken wie Knirps bis Jean-Paul Gaultier in allen Farben und Größen aufgereiht sind: Mal besonders ausgefallen in rosa mit Blumen und Vögeln darauf oder mit Spitzenbordüre, mal als schwarzer Klassiker. Der günstigste Schirm kostet 25 Euro. Der teuerste 398 Euro und ist von Francesco Maglia, der ältesten Schirm-Manufaktur Europas, so Hogrebe: Der Griff ist aus Edelhölzern und alles sei von Hand genäht. Unten im Keller ist die Werkstatt. „Wir sind der letzte Laden in Hessen, der noch Schirme repariert.“ Der gelernte Einzelhandelskaufmann hatte dies in Solingen bei Knirps Bremshey erlernt.

„Bis zum 15. Juni müssen wir den Laden komplett ausgeräumt haben“, sagt Hogrebe. Wann genau der letzte Verkaufstag sei, wisse er noch nicht. Noch sei viel zu verkaufen. Er betont: „Das Geschäft hat zwei Weltkriege und zwei Jahre Corona überstanden, aber in den letzten Wochen hatten wir 50 Prozent Umsatzeinbußen, weil uns die Laufkundschaft nicht mehr findet“. Der Grund: Der Laden ist hinter der Baufassade der Katharinenkirche ziemlich versteckt.

Vor acht Wochen hatte das Ehepaar einen Brief der Stadt erhalten. „Sie informierten uns erst zwei Tage vorher, dass wegen der Sanierung der Katharinenkirche direkt vor unserem Eingang eine Holzabsperrung mindestens zwei Jahre lang stehen wird. Wir haben gut gewirtschaftet, aber zwei Jahre mit so großen Umsatzeinbußen schaffen wir nicht.“ Der Weg ist nun gerade mal 1,5 Meter breit. Auch Nachbarläden wie Timberland seien betroffen. Seine Frau fügt hinzu: „Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir nicht noch so viel Ware eingekauft.“ Zweimal im Jahr kauften sie ihre Exklusiv-Marken an Schirmen bei Messen in Paris und Mailand. Bis zur Pandemie hatten sie vier Mitarbeiterinnen. „Jetzt müssen wir unsere zwei Mitarbeiterinnen auch noch entlassen.“

Hogrebe ist enttäuscht: „Der Stadt ist schietegal, was mit dem inhabergeführten Einzelhandel passiert.“ Dass die Stadt sie nun zu Gesprächen einlädt, ob man Plakate mit Hinweisen auf die Läden an den Holzfassaden anbringen soll, komme für ihn zu spät. Sein Entschluss stehe fest. „Bald wird auch noch die ehemalige Sportarena abgerissen. Wer weiß, was für Baustellen da noch auf uns zukommen.“

Ein weiteres Problem sei zudem, dass ein Großteil der Stammkundschaft aus dem „Speckgürtel Frankfurts“, also dem Taunus, Wetterau oder dem Kreis Offenbach anreise, und sich eben beschwerte, dass die Innenstadt immer schlechter mit dem Auto zu erreichen sei. „Frankfurt hat eine schlechte Straßenverkehrsplanung“, sagt Hogrebe.

Die Geschichte des Ladens, der von Beginn an auch Gehstöcke im Sortiment hat, beginnt bereits 1850, als Cornelius Kaufmann das Unternehmen gründet. 1898 wird es dann von Heinrich Klippel übernommen. Der Laden war da noch in der Altstadt. „Wo genau, weiß man nicht, weil es kein Bildmaterial oder Unterlagen dazu gibt“, so Hogrebe.

Ein Luftangriff 1944 zerstört den Laden vollständig, kurzzeitig zieht das Geschäft nach Bad Nauheim. 1945 verkauft der damalige Besitzer aus einer Holzhütte heraus, dort, wo mittlerweile das Parkhaus Hauptwache ist. „Er hatte die Hütte mit einem Schirm auf dem Dach geschmückt. Die Leute nannten den Laden „Schermche am Termsche“. Im Dialekt war der Turm der gegenüberliegenden Katharinenkirche gemeint.

Seit 1951 ist das Geschäft an der Katharinenpforte. 1968 übernimmt Hogrebes Vater, ein Handelsvertreter, den Laden und den bekannten Namen für 300 000 DM. Und zwar von der letzten geborenen Klippel, Else Osteroth. „Ihr Sohn war in Stalingrad gefallen.“ Bis 2012 steht Hogrebes Mutter, Anneliese, im Laden. Hogrebe selbst ist seit Anfang der 2000er dabei, zuvor arbeitete er als Einkäufer für Herren-, Damen- und Sportmode. Die beiden Söhne planten nie, das Familiengeschäft weiterzuführen.

Seitdem die Stammkundschaft weiß, dass sie schließen, kommen sie und kaufen oft gleich mehrere Schirme ein. „Eine Kundin kaufte am Samstag gleich sieben Schirme“, erzählt Helga Schmitz-Hogrebe. Eine Stammkundin, die eben vorbeikommt, sagt: „Ich bin sehr traurig, noch ein weiteres Traditionsgeschäft, das in Frankfurt schließt.“ Zum Schluss zeigt Helga Schmitz-Hogrebe auf ihrem Smartphone noch ein Foto eines Bildes, das ihnen ein junger Kunde schickte. „Als er erfahren hat, dass wir schließen, hat er ein tolles Aquarell unseres Schaufensters gemalt.“ Beide sind sichtlich gerührt.

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