1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurter Stiftung will Suizide verhindern

Erstellt:

Von: Sandra Busch

Kommentare

Alix und Oliver Puhl tragen im Kaisersaal des Römer die Puhl Foundation ins Goldene Stiftungsbuch ein. Stadträtin Elke Voitl (Grüne) und Cornelia Thaler vom Stiftungsvorstand schauen zu.
Alix und Oliver Puhl tragen im Kaisersaal des Römer die Puhl Foundation ins Goldene Stiftungsbuch ein. Stadträtin Elke Voitl (Grüne) und Cornelia Thaler vom Stiftungsvorstand schauen zu. © ROLF OESER

Die Puhl Foundation setzt sich für die Früherkennung von psychischen Krankheiten in der Schule ein.

Als Alix und Oliver Puhl die Stiftung vor sieben Jahren gegründet haben, hatten sie den Wunsch „zu teilen und anderen zu helfen“, sagt Alix Puhl. Die ehemalige Stadtelternbeirätin und Trägerin der Frankfurter Bürgermedaille steht im Kaisersaaal des Römer, neben ihr das Goldene Buch der Stiftungen. Dort trägt sie die Puhl Foundation am Dienstagnachmittag ein.

Rund 250 Gäste sind da, darunter die zwei ehemaligen Stadtoberhäupter Petra Roth und Andreas von Schoeler. Von Anfang an seien Kinder, Jugendliche und ihre Familien der Schwerpunkt der Arbeit gewesen, sagt Alix Puhl. „Wir wollten in Situationen unterstützen, in denen es sonst keine Hilfe oder nicht genug Aufmerksamkeit gab.“

Erst in den vergangenen beiden Jahren hat sich für die Puhls das Anliegen der Stiftung herauskristallisiert. „Wir haben den Kern dessen gefunden, was das Engagement langfristig ausmachen soll“, sagt Alix Puhl. Erstens: die Unterstützung junger Künstler:innen. Zweitens: die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen, ein für sie lebenswertes, glückliches und selbstbestimmtes Leben zu führen, ohne durch unerkannte psychische Erkrankungen daran gehindert zu werden. „Wir mussten lernen, dass das Leben nicht für alle Menschen immer lebenswert erscheint“, sagt Alix Puhl.

Denn Sohn Emil nahm sich vor zwei Jahren das Leben. „Viel zu spät, wenige Wochen vor seinem Tod wurde in der geschlossenen Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrie erkannt, dass Emil erkrankt war“, sagt Alix Puhl. Der 16-Jährige hatte eine Depression, erschwert durch das ebenfalls nicht früher diagnostizierte Asperger-Syndrom. „Frühzeitig diagnostiziert und durch gezielte Therapie können Patient:innen besser mit ihrer Erkrankung umgehen und ein weitgehend normales Leben führen“, sagt Puhl. „Was im Übrigen für die meisten psychischen Erkrankungen gilt.“

Die Stiftung

Das Stiftungskapital der Puhl Foundationbeträgt eine Million Euro. Ohne Spenden stehen jährlich 30 000 bis 50 000 Euro für Projekte zur Verfügung.

Weitere Informationen zur Puhl Foundattion finden sich im Internet unter puhl.foundation und unter artworksfra.org.

Hilfe für Suizidgefährdete und ihr Umfeld gibt es bei der Nummer gegen

Kummer 116 111, bei der Telefonseelsorge 0800 11 10 111 oder auch bei

www.frans-hilft.de

Seit Emils Tod haben die Puhls erfahren, dass nicht nur ihr Sohn psychisch krank war. Mehr als 100 Eltern, Lehrkräfte, Betroffene, Freunde haben von eigenen Erfahrungen berichtet. Jedes Mal mit der Bitte, dass über das Anvertraute Stillschweigen gewahrt werden möge. „Und immer wieder haben wir gehört, dass das Thema seelische Gesundheit an den Schulen als dringlich erkannt ist“, sagt Alix Puhl. „Gleichzeitig herrscht eine große Rat- und Hilflosigkeit darüber, wie alle Beteiligten den Betroffenen am besten zur Seite stehen können.“ Irgendwann sei ihnen klar geworden, dass sie nun möglicherweise am Kern waren. „Dass uns Emil zur zweiten Säule der Stiftung geführt hat.“

Aus der Erkenntnis sind Projekte entstanden. 2021 hat die Stiftung gemeinsam mit dem Stadtschüler:innenrat den 1. Frankfurter Schulsuizidpräventionstag veranstaltet. 200 Jugendliche diskutierten mit Psychologinnen, was Schüler:innen und Lehrende tun können und wie mit Tabuisierung und Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen an Schulen besser umgegangen werden kann. Der 2. Schulsuizidpräventionstag findet in zwei Wochen statt. Auch gab es Online-Veranstaltungen für Eltern zum Thema und eine Umfrage unter Lehrkräften.

Sozialdezernentin Elke Voitl (Grüne) verwies darauf, dass sich durch die Pandemie „die Situation der Kinder und Jugendlichen drastisch verschlechtert hat“. Psychische Erkrankungen hätten massiv zugenommen. „Wir brauchen Ressourcen, um das aufzufangen, wir brauchen Aufklärung und Therapieplätze.“ Sie sei dankbar, dass die Stiftung die „so dringend nötige Unterstützung bereitstellt“. Wissenschaftsdezernentin Ina Hartwig (SPD) sprach über die Stigmatisierung von psychisch Erkrankten. Man müsse aufstehen, damit sich die Gesellschaft ändere, und das würden Alix und Oliver Puhl tun. Denn eine psychische Erkrankung ist kein Einzelfall. „Psychische Krankheiten sind Volkskrankheiten“, sagt Christine Reif Leonhard, Oberärztin in der Klinik für Psychiatrie der Uniklinik. „Und obwohl sie so häufig sind, schämen sich viele, darüber zu berichten.“

Die Puhls wollen noch viel mehr tun als bisher. Denn „die bestehenden Hilfsangebote setzen häufig entweder in der akuten Krise oder bei der Therapie an“, sagt Oliver Puhl. „Der Schritt vor und bis hin zur Diagnose wird häufig übersehen und ist vor allem für junge Menschen eine riesige Hürde.“ Also haben die Puhls an diesem Dienstag, es ist Emils zweiter Todestag, ein gemeinnütziges Sozialunternehmen gegründet: Tomoni Mental Health. „Tomoni“ bedeutet auf Japanisch „zusammen“. „Nur zusammen ist etwas gegen psychische Erkrankungen machbar“, sagt Oliver Puhl.

Mit Tomoni sollen Fortbildungsangebote für Lehrkräfte zur Steigerung des Wissens um psychische Erkrankungen geschaffen werden. Es soll einen digitalen geschützten Ort für Kinder und Jugendliche geben, an dem sich Betroffene und ihr Umfeld informieren können. Ein Informations- und Fortbildungsangebot für Eltern soll aufgebaut werden. „Wir werden viel Unterstützung benötigen“; sagt Oliver Puhl. „Ideell und finanziell.“

Auch interessant

Kommentare