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Fernbeziehung: In Zeiten von Corona muss Johannes zu Eltz das Wort Gottes auch schon mal per Video verbreiten.

Corona-Krise

Frankfurter Stadtdekan: „Gott sei Dank lebt jetzt der Diskurs wieder auf“

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Der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz über die Schrecksekunde nach Corsona, bürgerschaftliche Instinkte und die Verantwortung, jeden Tag nach neuen Lösungen zu suchen.

Johannes zu Eltz (62) ist seit 2010 Frankfurter Stadtdekan. Er entstammt dem Adelsgeschlecht Eltz, das zwei Erzbischöfe von Trier und Mainz gestellt hat. Aufgewachsen ist er als eines von neun Kindern auf einem Winzergut im Rheingau. 

Zu Eltz trat als Kritiker des damaligen Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst in Erscheinung. Er gilt als reformfreudiger Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland und forderte unter anderem die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare sowie eine Neuformulierung der katholischen Sexualmoral.

Herr zu Eltz, haben Sie sich an den Ausnahmezustand inzwischen gewöhnt?

Nein, ich habe mich überhaupt nicht daran gewöhnt, und ich will mich auch nicht daran gewöhnen. Ich merke im Gegenteil, dass meine bürgerschaftlichen Instinkte wacher werden mit jedem Tag, den dieser Zustand andauert.

Was meinen Sie mit bürgerschaftlichen Instinkten?

Die Sorge, dass der großen Gefahr durch dieses Virus mit rechtsstaatlichen Mitteln begegnet wird.

Oder nicht mehr mit rechtsstaatlichen Mitteln.

Ich werde ärgerlich, wenn ich das Gefühl habe, dass Menschenrechte, Grundrechte, Bürgerrechte, Christenrechte zur Seite geschoben werden und der Zweck die Mittel heiligen soll.

In nahezu jeder Ansprache von Verantwortlichen zur Corona-Krise wird ja vorgetragen, dass Gesundheit das höchste und einzige Ziel sei. Ist es dieses Mantra, das Sie ärgert?

Die Worte sind nicht das Problem, sondern die Zielbestimmung. Wenn der Gesundheitsschutz verabsolutiert würde, dann wären wir schnell in einem bodenlosen Zustand, in dem die demokratische Grundordnung nicht mehr tragen würde. Ich meine aber zu sehen, dass die Leute jetzt wieder aufmerksamer werden und das Gleichgewicht im Auge behalten, das Gleichgewicht zwischen einer Infektionsschutzlogik und den Freiheitsrechten.

Was macht Sie ärgerlich?

Nicht die Hemdsärmeligkeit der Exekutive, zumal die sich hierzulande in Grenzen hält. Wenn in einem Ausnahmezustand etwas normal ist, dann ist das normal. Carl Schmitt, dessen Schriften eigentlich in den Giftschrank gehören, hat gesagt, der Ausnahmezustand sei die Stunde der Exekutive. Das ist so. Aber dass dann Bürgerrechte, die den Staat in Schranken weisen, verkümmern, das ist auch so.

Welche Grenze darf nicht überschritten werden?

Ich würde es lieber positiv formulieren: alles unterstützen, was dazu dient, die Gleichgewichte neu zu justieren. Gesellschaftliche Probleme sind immer auch Gleichgewichtsstörungen. Man spürt, dass jetzt wieder mehr in die andere Waagschale kommt. Zum Beispiel die Frage nach dem Strategiewechsel, ob man Risikogruppen auch anders schützen kann, als das gesamte öffentliche Leben lahmzulegen. Gott sei Dank lebt jetzt, nach einer riesigen Schrecksekunde, der Diskurs wieder auf.

Heißt dieses Umsteuern nicht auch, dass Menschen in Gefahr geraten, schwer zu erkranken oder gar zu sterben?

Ja. Deshalb darf das gewaltige Übergewicht von Sicherheitsdenken auch nicht in einen Überschwang von Freiheit umschlagen. Natürlich müssen die Interessen der besonders Gefährdeten gewahrt werden. Wir müssen nur den Verantwortlichen die Bereitschaft abverlangen, immer neu abzuwägen, jeden Tag nach neuen Lösungen zu suchen.

Haben wir dieses gewaltige Übergewicht des Sicherheitsdenkens, wie Sie sagen, weil niemand daran schuld sein will, dass Menschen sterben? Tut man alles auch deshalb, um am Ende sagen zu können, schuld allein ist das Virus?

Das ist für mich der entscheidende Punkt. Ich glaube nicht, dass irgendjemand, der Verantwortung hat, das mit Überzeugung so sagt und absichtlich so handelt. Das liegt viel tiefer. Der Horror davor, etwas falsch zu machen und dann schuld zu sein und beschuldigt zu werden, ist ein unbewusstes Motiv. In der säkularen Gesellschaft wächst der Wunsch, alles abgesichert zu wissen. Selber am besten kein existenzielles Risiko eingehen – und schon gar nicht anderen eines auferlegen.

Kann der Glaube helfen, einer Gefahr gelassener zu begegnen?

Glaube holt Hoffnung. Hoffnung setzt einen instand, vernünftige Wagnisse einzugehen. Vertrauen bändigt die Angst vor dem Tod, die einen sonst lähmt oder in wilde Flucht schlägt. Christen sind gewiss nicht tapferer oder gescheiter als andere, aber die Gewissheit, dass wir in Gottes Hand sind, und dass er es gut mit uns meint, setzt in einer Krise viel Klugheit und Handlungskraft frei.

Zu Beginn der Krise schienen die meisten Menschen ja noch gelassen zu sein. Seitdem gab es das intensive Bemühen vor allem der Virologen und Politiker, klarzumachen, wie bedrohlich die Pandemie ist. Entsprechend scheint auch die Angst der Menschen gewachsen zu sein. Beobachten Sie das auch so?

Man muss den Leuten nicht eigens Angst einjagen. Die pflanzt sich von selber fort. Und macht viele unheimlich aggressiv. Wehe, Sie kommen versehentlich jemandem zu nahe. Ich habe das selber erlebt. Da kommt blanker Hass zum Vorschein. Alle unsere sozialen Güter, unser guter Umgang miteinander können ganz schnell schwinden. Dann ist der Mensch dem Menschen nicht mehr der Nächste, sondern wie ein Wolf.

Ist das eine Frage der Dauer des Ausnahmezustands?

Auf jeden Fall. Ein paar wenige Wochen hält eine disziplinierte und gutwillige Gesellschaft das aus, aber dann werden die Einschränkungen schwerer erträglich, und den Leuten fällt die Decke auf den Kopf. Zurzeit explodieren ja geradezu Hilfsbereitschaft und Kreativität, wie wir das auch in unseren Gemeinden beobachten können. Keine Rede davon, dass sich die Gesellschaft entsolidarisiert. Aber all das darf man nicht überstrapazieren. Es muss in Einklang kommen mit den Rechten der Einzelnen. Man kann uns zutrauen, dass wir unsere Freiheit verantwortlich wahrnehmen. Die Menschen sind in ihrer übergroßen Zahl vernünftig und wollen ihren Beitrag leisten. Diese Kräfte soll man auch in Anspruch nehmen, statt besten Willens rundherum alles lahmzulegen.

Sie sagen, es gebe eine Sehnsucht nach Durchgreifen. Gibt es auch eine Sehnsucht nach Gehorchen?

Was mich irritiert, sind Kritiklosigkeit und Willfährigkeit aufseiten jener, die von den Anordnungen betroffen sind. Ich bin ja dafür, dass man gehorcht, und ich tue es auch selber. Aber nicht ohne den Gebrauch des eigenen Verstandes und die Frage, ob das auch alles wirklich so sein muss. Demokratie lebt doch davon, solche Gedanken zu hegen und sie öffentlich zu äußern. Wir brauchen das auch in der Corona-Krise, gerade da. Sonst wüsste ich nicht, für was wir eigentlich kämpfen. Ich möchte keine Obrigkeit, die umfassend über unser Heil nachdenkt und unseres Glückes Schmied sein will. Ich habe meinen Heiland schon. Es genügt mir, wenn der Staat möglichst gerecht die Daseinsbedingungen ordnet und es den Menschen ansonsten selber überlässt, wie sie glücklich werden wollen.

Ihre Kritik hat sich entzündet am Verbot öffentlicher Gottesdienste.

Ja. Was mich in Harnisch gebracht hat, ist das generelle Verbot ohne Abstufung und Differenzierung. Das trifft nun wirklich den Kern des Grundrechts auf Religionsausübung. Ich kann nicht erkennen, dass man auch nur einen Gedanken darauf verschwendet hätte, da die Gläubigen mitzunehmen, statt sie auszusperren. Wir hätten doch all das aktiv mittragen können, was an Umsicht und Vorsicht für den Infektionsschutz nötig ist. In unseren großen, leeren Kirchen sitzen die Leute meist ohnehin in gehöriger Distanz, da muss man niemandem soziale Manieren beibringen. Aber, wie gesagt, meine Kritik zielt nicht nach oben, sondern zur Seite, zu uns hin. Mir wird es ganz schwummrig, wenn ich sehe, wie schnell wir bereit waren, uns generellen Verboten zu unterwerfen. Ob das nun Gottesdienste sind oder kulturelle Veranstaltungen oder Sport: Überall muss Unterscheidung sein und die Bereitschaft, das möglich zu machen, was möglich ist. Brot und Rosen – von beidem lebt der Mensch. Und die Menschlichkeit.

Im Interview hat der Politologe Reinhard Mehring gesagt, dieses diktatorische Pathos solle weichen, das Moralisieren auch, man brauche mehr kontroverses Sprechen.

Das finde ich auch, und dazu trage ich gerne bei. Manchmal staune ich schon, dass sich ausgerechnet ein Katholik dafür starkmachen muss, den Einsatz von Autorität auf das notwendige Minimum zu begrenzen.

Wie werden Sie Ostern feiern?

Ich glaube, bewusster als sonst. Empfindsamer. In schmerzlich kleinen Gottesdiensten, hinter verschlossenen Türen. Wie überall in den Frankfurter Gemeinden darauf aus, dass wir in Verbindung bleiben, auch wo Begegnung im Moment nicht möglich ist. Mein Narrativ dafür: die Geschichte vom „ungläubigen Thomas“, der in Wahrheit gar nicht ungläubig war, sondern sehnsüchtig. Und halt skeptisch.

Interview: Peter Hanack

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