Die Wegscheide: Generationen von Frankfurter Schülerinnen und Schülern haben hier ihre Klassenfahrt verbracht.  
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Die Wegscheide: Generationen von Frankfurter Schülerinnen und Schülern haben hier ihre Klassenfahrt verbracht.

Geschichte

Frankfurter Schullandheim Wegscheide ringt mit NS-Vergangenheit

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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Die Bildungseinrichtung in Frankfurt hat einen historisch unwahren Satz auf ihrer Webseite geändert. Weil Wegscheide-Gründer August Jaspert rechtsradikal gewesen sei, solle die nach ihm benannte Schule in Frankfurt umbenannt werden, fordert ein Historiker.

Die Wegscheide-Stiftung hat auf ihrer Website einen Text über die Geschichte des Schullandheims während der NS-Zeit geändert. Nachdem die „Frankfurter Neue Presse“ im November die Recherchen des Frankfurter Historikers Gunter Stemmler veröffentlicht hatte, wurde nun eine beanstandete Stelle auf der Internetseite der Stiftung entfernt.

Stemmler bezeichnet folgenden Satz als Falschbehauptung und „Geschichtsklitterung“: „Die Gesellschafter der Kinderdorf Wegscheide GmbH wandelten die GmbH in eine Stiftung um, um die Wegscheide vor dem Zugriff der NSDAP zu schützen.“ Der FR sagte Stemmler am Freitag: „Man kann davon ausgehen, dass das eine Lüge ist, die in der Nachkriegszeit entstanden ist.“ Der Satz, der sich auf einen Vorgang im Jahr 1938 bezieht, wurde nun gelöscht.

Einsicht relevanter Akten der Wegscheide-Stiftung

Bei der Einsicht relevanter Akten der Wegscheide-Stiftung habe Stemmler keinerlei Hinweise darauf gefunden, dass von Widerstand gegen das NS-Regime gesprochen werden könnte. Vielmehr habe einer der zuständigen Gesellschafter, August Jaspert, der die Wegscheide 1920 als Kinderdorf gegründet hatte, selbst eine rechtsradikale Gesinnung aufgewiesen.

Das damalige Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei fertigte laut Stemmler 1933 als Frankfurter Stadtrat eine Schrift zur Schulreform mit völkisch-rassistischen Ansichten an. Darin habe er Mädchen als zukünftige Mütter von Soldaten dargestellt und als Lebenszweck von Jungen propagiert, später einmal im Krieg zu kämpfen und bereit zu sein, dabei zu sterben.

„Es gibt in Frankfurt eine August-Jaspert-Schule und eine Jaspertstraße. Beides sollte nicht nach einem Rechtsradikalen benannt sein“, forderte Stemmler im Gespräch mit der FR. Er hoffe darauf, dass sich die zuständigen Ortsbeiräte in den Stadtteilen Bonames und Preungesheim damit befassten.

Wegscheide: Kein Akt des Widerstands

Die Umwandlung von einer GmbH in eine Stiftung sei kein Akt des Widerstands gewesen, sondern lediglich eine formale Änderung, sagt Stemmler. Dafür spreche auch, dass 1939, nur ein Dreivierteljahr später, das Kinderdorf von der Wehrmacht beschlagnahmt und zu einem Kriegsgefangenenlager umfunktioniert worden sei. 1430 russische Zwangsarbeiter sind hier im Zweiten Weltkrieg gestorben.

Im Sommer wird die Wegscheide 100 Jahre alt. Im August 1920 verbrachten erstmals 500 Frankfurter Schulkinder einige Wochen auf der Wegscheide. Die Einrichtung liegt im Spessart nahe der Ortschaft Bad Orb und gilt als das größte Schullandheim Deutschlands.

„Es wäre schön, wenn sie bei den Jubiläumsfeiern zum 100-jährigen Bestehen auf die unrühmliche Rolle des August Jaspert sowie die unmenschlichen Zustände in der Zeit als Gefangenenlager hinweisen würden“, mahnt Stemmler. Bei den Feierlichkeiten solle dies entsprechend gewürdigt werden.

Stemmler plant die Veröffentlichung eines wissenschaftlichen Aufsatzes. In diesem gehe er der Frage nach, wie die Behauptung, die Umwandlung sei ein Akt des Widerstands gewesen, habe entstehen können.

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