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Umarmungen sind out: Auf dem Schulhof wird sich mit dem Ellenbogen begrüßt. günther bauer, anne-frank-schule, 2020/21
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Umarmungen sind out: Auf dem Schulhof wird sich mit dem Ellenbogen begrüßt. günther bauer, anne-frank-schule, 2020/21

Schule

Frankfurter Schulen im Coronamodus: Angekommen im neuen Normal

Fotograf Günther Bauer dokumentiert den pandemischen Alltag an sechs Schulen. Die Kinder und Jugendlichen freuen sich, endlich wieder zusammen sein zu dürfen.

Sie sitzen mit viel Abstand auf den Rängen des FSV-Stadions, so wie die Helmholtzschülerinnen und -schüler bei ihrer Abschlussfeier. Sie tragen Masken und begrüßen sich nur mit den Ellenbogen. Szenen aus dem Schulalltag in der Pandemie. Das Wichtigste ist: Die Schüler:innen sind wieder da. Die Rückkehr der Kinder und Jugendlichen in den Klassenraum war ein kleiner Schritt in Richtung Normalität – auch wenn die Bilder, die das produziert, auf den ersten Blick absurd erscheinen.

18 Monate lang hat der Fotograf Günther Bauer nach der neuen Normalität gesucht. Er hat dokumentiert, wie der Schulbetrieb nach dem Lockdown wieder aufgenommen wurde, und wie sich dabei altbekannte Abläufe radikal verändert haben. „Wir vermissen euch!“ heißt die Reihe, die bis zum 8. Oktober Open-Air ausgestellt wird: Als Foto-Türme auf dem Rathenauplatz, aber auch in den Innenhöfen der porträtierten Gesamtschulen, Gymnasien, Grundschulen. Sechs Frankfurter Schulen, jede mit ihrem eigenen Weg, fast alle aber versehen mit einer neuen Flut an Hinweisen, Regeln und Schildern. Alte Rituale wie die Umarmung zur Begrüßung oder zusammengesteckte Köpfe in den Pausen wurden durch neue ersetzt: Jetzt grüßen eben Fäuste oder Ellenbogen, und beim Kicken auf dem Schulhof tragen die Kinder Masken. In den Fluren und auf den Tischen der Kantine klebt das endlose Weiß-Rot-Weiß, damit sich niemand zu nah kommt. Zusammensein mit 1,5 Metern Abstand – die Schule ist einer der Orte, an denen das besonders befremdlich wirkt.

Bei der Ausstellungseröffnung auf dem Rathenauplatz am Dienstag lobt die Frankfurter Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) die nüchterne Dokumentation Bauers, die nichts beschönige. „Es ist ein Stück Geschichte, das wir hier sehen“, ein Einblick in einen Alltag, den sich niemand gewünscht habe. Weber bedankt sich bei den Schüler:innen für deren Solidarität. „Sie alle haben dazu beigetragen, dass es uns heute wieder besser geht“, und dabei viel Normalität eingebracht, so die Politikerin in ihrer Rede. .Sie beschwört die Rückkehr zur altbekannten Normalität. „Das Gefühl der Isolation wollen wir bald beenden“.

Rings um die Wasserfontänen, die auf dem Rathenauplatz aus dem Boden schießen, sind die hohen Türme aufgebaut, ein paar Kinder schauen, ob sie sich selbst auf einem der ausgestellten Fotos entdecken. Die anwesenden Schüler:innen freuen sich über die Aufmerksamkeit, die ihnen durch das Projekt zu Teil wird, wie der elfjährige David erklärt, der sich ans Mikrofon traut. Danach will sich Henri, auch elf Jahre alt, bedanken: Er freut sich vor allem darüber, dass sie endlich wieder auftreten durften. Die Bläserklasse 6 der Helmholtzschule hat für ihren Auftritt bei der Ausstellungseröffnung draußen auf dem Schulhof geprobt.

Auch Viktoria, eine Klassenkameradin der beiden, betont, die meisten seien einfach froh, wieder in der Schule zu sein. Die elfjährige Schülerin hat während der Monate alleine zu Hause vermisst, wie es ist, wenn alle zusammen in einem Raum lernen. Jetzt sei es viel besser: „Man kommt mehr dran, man sieht sich und man versteht die Sachen besser – und man kriegt nicht so viele Hausaufgaben“.

Wir vermissen Euch

Die Open-Air-Ausstellungen „Wir vermissen euch! Neustart an den Frankfurter Schulen“ mit Fotos von Günther Bauer sind vom 15. September bis 8. Oktober auf dem Rathenauplatz und in den Innenhöfen der sechs beteiligten Schulen zu sehen: Anne-Frank-Schule, Adorno-Gymnasium, Holzhausenschule, Helmholtzschule, Paul-Hindemith-Schule und August-Gräser-Schule.
Ab 29. September sollen zudem sechs Magazine erscheinen, die neben den Fotos auch Tagebucheinträge und Zeichnungen der Kinder enthalten. Die Magazine werden an den Schulen und in der Heussenstamm-Galerie erhältlich sein.

Bei Besuch der Schulhöfe wird um Anmeldung in den jeweiligen Schulsekretariaten gebeten. prlw

Das rege Interesse bei der Ausstellungseröffnung auf dem Rathenauplatz freut Günther Bauer auch deshalb, weil die Langzeitstudie ein Versuch sei, den Schüler:innen eine Stimme zu geben und den Blick auf sie zu richten. Bildung werde nicht wichtig genug genommen, so der Fotograf. „Ich hoffe, dass etwas bleibt, dass man sieht: In den Schulen ist es ganz anders, als viele denken“, erklärt er auf Nachfrage der FR. Viel zu oft fehle der konkrete Blick auf die Schulen. Die „andersartige, neue Situation“ begreift Bauer als Chance, den Schulalltag zu porträtieren. „Die Abläufe haben sich radikal verändert“, sagt er.

Darum stelle er in dieser besonderen Situation Fragen, die alle Menschen beträfen – und die die Pandemie von allen fordere: Wie wollen wir leben, wie lernen? Das Thema müsse endlich in der Mitte der Gesellschaft platziert werden, so der Fotograf.

Schon vor dem Projekt hat Günther Bauer als Schulkünstler mit den Jugendlichen an der Anne-Frank-Schule gearbeitet, jener Schule, an der er im Frühjahr 2020 mit der Dokumentation und dem Projekt „Wir vermissen euch“ begonnen hat. Die Schulleiterin der Anne-Frank-Schule, Nicola Gudat, scherzt, am Anfang habe sie noch gehofft, der Fotograf sei nach ein paar Monaten wieder weg. Die außergewöhnlichen Umstände des Unterrichtens während der Pandemie blieben allerdings, und so blieb auch Günther Bauer, der diese Situation weiter dokumentieren wollte.

Nach und nach habe er bei anderen Schulen angefragt, bis er schließlich die sechs beisammen hatte, die nun bis zum 8. Oktober ihre Innenhöfe als Open-Air-Ausstellungsfläche bereitstellen.

Die Frankfurter Schüler:innen sind aber nicht nur auf den Foto-Türmen zu sehen: Ihre Erfahrungen aus dem Home-Schooling und dem anschließenden Unterricht unter strengen Auflagen sollen zum Abschluss des Projekts in Magazine einfließen. Jede der sechs Schulen bringt ein eigenes Magazin heraus, in dem diese Tagebucheinträge und Zeichnungen zusammen mit Günther Bauers Fotos erscheinen.

Am 29. September sollen die sechs Magazine vorgestellt werden, die bei den Schulen und in der Heussenstamm-Galerie erworben werden können.

Vielleicht ist sie schon längst da, diese neue Normalität, nach der Günther Bauer mit seinem Fotoprojekt gesucht hat:. Und vielleicht kann diese Dokumentation der außergewöhnlichen Zeit dabei helfen, irgendwann zu verstehen, was die Pandemie mit der Schule und denen, die in ihr lernen, gemacht hat.

Fotograf Günther Bauer präsentiert seine Langzeitstudie. christoph boeckheler
Mit Fliege auf den Rängen: Die Abifeier der Helmholtzschule im FSV-Stadion. günther bauer, helmholtzschule, 2020/21

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