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Frankfurter Schönheiten für die Forschung

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Von: Thomas Stillbauer

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Der Kaisermantel. Kaiserlich.
Der Kaisermantel. Kaiserlich. © Hilke Steinecke

Im Palmengarten zeigt Hilke Steinecke Insektenfotos, die ansteckend aufs Publikum wirken sollen.

Hilke Steinecke sitzt gewissermaßen an der Quelle. „Ich bin jeden Tag mit der Kamera hier unterwegs“, sagt sie. Ihre angestammte Runde: Steppenwiese, amerikanische Prärie, Steingarten – Palmengarten und Botanischer Garten eben, ein Paradies für Leute, die solche Fotos machen wollen, wie Hilke Steinecke sie macht, die Kustodin des Palmengartens. Und sie hat den Vorteil, dass sie beim besten Licht dort fotografieren kann, wo die Objekte ihrer Objektiv-Begierde sind.

Wer ihre Bilder betrachtet, der weiß: Es lohnt sich. Schauen Sie sich bloß den Stahlblauen Grillenjäger an. Oder den Apfelbaum-Glasflügler.

Dass zehn ihrer schönsten, Pardon, ihrer „besondersten“ Fotos jetzt in der Villa Leonhardi zu sehen sind, soll auch Anreiz sein, es ihr nachzutun. Schon seit längerer Zeit nimmt der Palmengarten an Forschungsprojekten teil, die Naturbeobachtungen dokumentieren – unter anderem den immensen Rückgang der Insektenvielfalt, sowohl, was die Zahl der Arten als auch die Zahl der Individuen angeht. Dazu zählt etwa die Initiative „iNaturalist“.

Seit 2018 sind Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, im Palmengarten, im nahegelegenen Botanischen Garten und im Wissenschaftsgarten der Goethe-Uni auf dem Riedberg eigenhändig Naturbeobachtungen zu dokumentieren. Das stieß auf Gegenliebe: Mehr als 18 000 Funde aus fast 1300 Arten kamen bis Ende September dieses Jahres zusammen, davon gut 15 000 Insektenbeobachtungen.

Um sie, die Insekten, geht es auch beim Projekt „SLinBio – Insektendiversität in der Stadt“ gemeinsam mit dem Institut für sozial-ökologische Forschung, der Uni, Senckenberg und weiteren Partnern. Bürgerinnen- und Bürgerwissenschaft ist dabei gefragt. Hingehen, fotografieren, dokumentieren. So wie Hilke Steinecke.

Die Ausstellung im Palmengarten leistet dazu einen Beitrag – „rund um unser aktuelles Leitthema Blüten- und Bestäuberökologie“, sagt die Biologin Patricia Germandi, Leiterin der Palmengarten-Kommunikation.

Die Fotos, die Hilke Steinecke zeigt, entstanden alle im Sommer 2022. „Ich war natürlich Feuer und Flamme für das Projekt“, sagt sie. Und führt ebenso glühend durch die Ausstellung der zehn ganz besonderen Aufnahmen. Da prangt etwa riesengroß der Königskerzen-Mönch, der so heißt, weil er – richtig – die Königskerze zum Fressen gern hat, ein Braunwurzgewächs. „Der Schmetterling wurde hier noch nie dokumentiert“, sagt die Fotografin, die ihn als Raupe erwischte. „Ein persönliches Highlight“, sagt sie. Schon als Kind habe sie geschaut, was sich aus Raupen entwickle.

INSEKTENWELTEN

Die Fotoausstellung „Palmengarten-Insektenwelten“ ist während der Öffnungszeiten der Villa Leonhardi zu sehen: freitags bis dienstags von 9 bis 18 Uhr. Info: www.palmengarten.de

Für Bürgerinnen und Bürger sollen die Fotos Ansporn sein, sich selbst an der wissenschaftlichen Forschung zu beteiligen, Stadtnatur zu fotografieren und zu dokumentieren.

Das Forschungsprojekt „SLinBio – Insektendiversität in der Stadt“ ruft dazu auf. Daran beteiligt sind das Institut für sozial-ökologische Forschung, die Goethe-Uni, Senckenberg, der Nabu, das Netzwerk BioFrankfurt, der Palmengarten sowie das Grünflächen- und das Umweltamt der Stadt Frankfurt. Mehr Informationen dazu unter: www.insektenvielfalt-frankfurt.org

Die Große Lehmwespe, ebenfalls in diesem Sommer erstmals im Palmengarten gesichtet, kam mit dem Klimawandel nach Frankfurt und breitet sich aus. „Schauen Sie diese Taille!“, ruft Hilke Steinecke, „und die Farben – ein irres Teil!“ Genau wie der Stahlblaue Grillenjäger, der auf dem Foto von rechts hinten heran schwebt: „Wie eine Drohne. Der kommt aus Mexiko und fängt Heuschrecken. Seine Larven ernähren sich davon.“ Ja, die Natur ist schön, aber auch grausam.

Dass in den Frankfurter Oasen solche Aufnahmen gelingen – oder dort, die Heuschreckensandwespe auf der Mannstreublüte: „Das liegt natürlich auch daran, dass wir hier die passenden Pflanzen haben für diese Insekten“, sagt Patricia Germandi. Und das liege wiederum daran, dass sich der Palmen- und der Botanische Garten keineswegs nur als Schaugärten zum Lustwandeln betrachteten, sondern als Orte, die Artenvielfalt pflegen und auch erklären. Und flatterhafte Besucher herzlich einladen.

Wer die Einladungen so wahrnimmt, da lässt sich Steinecke gern überraschen. Wirft täglich ein wachsames Auge auf die Pflanzenwelt. Gewahrt ein winziges Pünktchen. Und geht der Sache nach: „Ist das was?“ Die Gichtwespe etwa, viel kleiner, als das Foto vermuten lässt, ein Insekt wie ein Außerirdischer mit einem überdimensional langen Legebohrer am Hinterteil. Vom Kontrast lebt die Aufnahme der gelben Krabbenspinne in der blauen Glockenblume. Und was ist das da? Neben der Spinne? „Eine ausgelutschte Hummel.“ Du liebe Zeit. „Es gibt viel Mord!“

Auch der Kaisermantel, seines Zeichens „Schmetterling des Jahres“, war bis dato nie in den Botanischen Gärten der Stadt auffällig geworden. Welch eine Schönheit! Die Hornissenschwebfliege ist ein schönes Beispiel für Mimikry: Gibt sich als Hornisse aus, ist aber gar keine. Und der Apfelbaum-Glasflügler? „Den habe ich vorher noch nie im Leben gesehen.“

An der Theke in der Villa Leonhardi, wo es etwas zu essen gibt, hängt auch ein passendes Foto. Eine Hornisse hat einen Stahlblauen Grillenjäger gefangen und nimmt nun selbst einen Imbiss.

„Ich komme immer glücklich zurück mit meinen Fotos“, erzählt Hilke Steinecke, „aber dann geht die Arbeit los.“ Hochladen im Computer, archivieren, das dauert. Weitaus länger als der Flügelschlag, den sie manches Mal festhält. Aber noch länger kann man davorstehen und die Fotos betrachten: Stadtnatur, so schön und dazu so wertvoll für die Wissenschaft.

Die Krabbenspinne. Und eine ehemalige Hummel.
Die Krabbenspinne. Und eine ehemalige Hummel. © Hilke Steinecke
Hilke Steinecke und zwei ihrer Fotos in der gemütlichen Villa.
Hilke Steinecke und zwei ihrer Fotos in der gemütlichen Villa. © Renate Hoyer

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