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Der Frankfurter Rapper Reezy wollte eigentlich Profi-Fußballer werden, aber eine Verletzung zerstörte den Traum.
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Der Frankfurter Rapper Reezy wollte eigentlich Profi-Fußballer werden, aber eine Verletzung zerstörte den Traum.

Rap

„Ich mag es melancholisch, aber nicht depressiv“

  • Kathrin Rosendorff
    VonKathrin Rosendorff
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Reezy wird für seinen melodischen Rap gefeiert. Der Frankfurter will aber nicht nur mit seiner Musik erfolgreich sein, sondern auch mit seiner Klamottenmarke. Seinen Weißwein gibt es bereits im Discounter zu kaufen.

Musikkritiker sagen über Reezy, er sei die Allzweckwaffe im Deutschrap: Der Frankfurter, der mit bürgerlichen Namen Raheem Heid heißt, rappt, singt und spielt Klavier. Und der 25-Jährige produziert Beats nicht nur für sich selbst, sondern auch für Rapgrößen wie Rin und rappt mit Bausa oder Summer Cem. Mit Summer Cem schaffte er es mit dem Song „Phantom“ seines aktuellen Albums „Weisswein & Heartbreaks“ bis auf Platz 9 der Charts. Zum Interview in einer Hotellounge im Frankfurter Westend kommt er entspannt im schwarzen Jogginglook, kombiniert diesen zur Prada-Herrenhandtasche und Bling-Bling-Uhr. Aufgewachsen ist er in der Nordweststadt.

In Ihrem Song „Weisswein & Heartbreaks“ rappen Sie über Beziehungsprobleme mit Ihrer Freundin wie über Ihre Familie: „Meine Eltern trennten sich nach der Trennung meiner Nabelschnur. Es war nicht immer einfach für mich. Doch heut habe ich ’ne Krone auf der Armbanduhr. Ohne Arbeitsagentur, ich sag ja nur“. Überhaupt ist es der persönlichste Songs des Albums und fern von den üblichen Rapper-Thematiken wie Feiern, Waffen und sexy Frauen …

Der Song ist einer meiner Favoriten, weil ich eben viel von mir erzähle. Das allgemeine Bitches-und-Waffen-Ding kommt vor in anderen Songs, aber man definiert mich nicht darüber. Ich versuche, meine Lieder cool zu verpacken und Storys zu erzählen, aber der Haupttenor bei meiner Musik ist das Leben. Ich mag es melancholisch, aber ich mag es nicht depressiv. Ich will Musik machen, die Leuten vielleicht hilft, aus einer schweren Phase rauszukommen.

Sind Sie ein nachdenklicher Typ?

Grundsätzlich bin ich ein Overthinker, also ich denke zu viel und zu oft über Sachen nach. Manchmal führe ich Gespräche mit Freunden, und mache mir noch zwei Tage später darüber Gedanken. Auch gibt es Momente beim Musikmachen, bei denen ich zu krass versucht habe, über Songs nachzudenken. Dabei ist es manchmal das Beste, die Musik einfach frei rauszulassen.

Auf Wikipedia steht über Sie: „1995 oder 1996 geboren“. Halten Sie Ihr Alter bewusst geheim?

Nein. Ich habe nur jahrelang das Beste gegeben, damit kein Wikipedia-Artikel über mich erstellt werden kann. Denn gerade bei Wikipedia-Artikeln über deutsche Künstler stehen oft viele Halbwahrheiten drin. Deswegen hatte ich so lange wie möglich versucht, so wenig Informationen wie möglich über mich rauszugeben. Aber das hat nichts daran geändert, dass jemand doch einen Wikipedia-Artikel erstellt hat. Also jetzt die Frankfurter Wahrheit: Ich bin am 28. Juni 1995 im Frankfurter Bürgerhospital geboren.

Zur Person

Reezy wird 1995 als Raheem Heid in Frankfurt geboren. Er wächst in der Nordweststadt auf und ist der Sohn der Frankfurter Rapgröße D-Flame. Später zieht er in den Wetteraukreis, wo er den Realschulabschluss macht. In Bad Homburg absolviert Reezy seine Ausbildung zum Informatiker. Heute lebt er in Frankfurt.

2019 erscheint sein Debütalbum „Teenager Forever“, im Herbst 2020 ist sein zweites Album „Weisswein & Heartbreaks“ erschienen. Das Album hat er in Frankfurt und L.A. aufgenommen. Für diesen Herbst ist seine verschobene Tour geplant. Am 9. Oktober will er in der Batschkapp auftreten. Reezy auf Instagram: https://www.instagram.com/reezysupreem

Ihr Vater ist D-Flame, ein Frankfurter Urgestein der deutschen Rapszene. War er der Auslöser, dass Sie auch Rapper geworden sind ?

Der Klassiker wäre: Mein Vater ist Rapper, und so ist das alles gekommen. Aber so war es nicht. Natürlich habe ich früh das Rappen mitbekommen, aber es war lange nicht meine Intention, Rapper zu werden. Als Junge war ich auf Fußball konzentriert und spielte in einem sehr starken Verein in Niederursel. Drei Jungs von damals sind mittlerweile Profifußballer im Ausland. Ich aber wurde bei einem Spiel mit 13 gegrätscht, bin dabei gestürzt, habe mir zwei Rippen gebrochen, und meine Kniescheibe ist rausgeflogen. Nachdem es verheilt war, blieben die Probleme mit dem Knie. Als 13-Jähriger hat mich das emotional hart getroffen. Der große Traum einer Fußballkarriere war vorbei.

Und dann sagten Sie, wenn nicht Profifußballer, dann eben Rapper?

Nicht gleich. Ich war schon immer ein starker Konsument von Rapmusik, aber erst mit 15 habe ich angefangen, selbst Musik zu machen. Da habe ich meinen ersten Song aufgenommen.

Wissen Sie noch, wie der hieß?

King Rap ( lacht ). Mein erstes Tonstudio war in der Garage meiner Mutter und meines Stiefvaters, die vorher eine Abstellkammer war.

Wie fand es Ihr Vater, dass Sie auch rappten?

Die Anfänge hat er gar nicht so direkt mitbekommen. Als Kind hatte ich regelmäßig Kontakt mit meinen Vater. Aber als Teenager, als ich mit dem Rappen anfing, war er schon aus Frankfurt weggezogen. Natürlich habe ich ihm davon erzählt, und er hat versucht, mir Tipps zu geben. Mittlerweile ist er stolz auf mich.

War es schwer für Sie, weil Sie so einen bekannten Vater haben und verglichen wurden?

Ja, klar, und deswegen habe ich selbst auch am Anfang meiner Karriere nie über meinen Vater gesprochen. Es wurde dann auch nicht durch mich bekannt, sondern durch andere Menschen, die es eben wussten. Mittlerweile ist es auch cool für mich, über meinen Vater zu sprechen, jetzt wo ich schon selbst Hits produziert habe.

Sie haben sich nicht nur das Produzieren, sondern auch das Klavierspielen selbst beigebracht. Warum? Das gehört nun nicht zur typischen Rapper-Ausbildung

Wenn man melodischen Rap macht wie ich, ist das sowieso schon musikalischer, als wenn man klassisch rappt. Angefangen hat es bei mir aber damit, dass ich im Internet keine Beats gefunden habe, die mir gefallen haben. Ich musste also lernen, selbst Beats zu produzieren. Ich merkte aber schnell, dass dies ohne jegliche Musikkenntnisse anstrengender ist. Ich so nur auf Zufall Beats, die gut klingen, produzieren konnte. Also habe ich mir Klavierspielen, Notenlehre und Harmonielehre über Youtube beigebracht. Das Keyboard baue ich auch in meine Songs ein. Die Gitarre steht noch in der Ecke, aber das will ich auch noch lernen.

Sie sagten in einem Interview: Sie waren als Kind intelligent, aber haben Ihrer Mutter Ärger gemacht. Inwiefern?

Mit fünf konnte ich schon lesen, ich habe dann sogar die zweite Klasse übersprungen, aber viele Themen in der Schule haben mich einfach nicht interessiert. Schon in der Grundschule in Niederursel wurde meine Mutter in die Schule gerufen, und die Lehrerin sagte, ihr Sohn diskutiert immer mit mir wie ein 18-Jähriger. Anfangs dachte meine Mutter, das sei doch eine positive Eigenschaft. Bis jeder zweiter Lehrer von mir genervt war, weil ich mir nicht viel sagen ließ.

Woran lag das, meinen Sie?

Ich bin zwischen Türken und Deutschen aufgewachsen, die beide ihre kulturelle Verbindung hier haben. Als Halbamerikaner hat mir diese Verbindung und der Rückhalt gefehlt. Es gab keine Army Base mehr in Frankfurt, und ich kannte keine anderen Halbamerikaner in meiner Generation. Meine Freunde mit der gleichen Hautfarbe wie ich hatten eine andere Abstammung und dort ihre Community. Ich fühlte mich in der Hinsicht immer etwas als der Außenseiter. Es war sehr anstrengend, weil ich nicht wusste, wo ich dazugehöre. Als Halbamerikaner in Deutschland aufzuwachsen war nicht geil. Ich glaube, deswegen wollte ich mich umso mehr beweisen. Heute denke ich: „Was bringt es, sich über Ländergrenzen zu definieren?“ Ich definiere mich nicht über Nationalstolz, ich habe keinen. Warum auch? Ich bin stolz auf andere Sachen: Ich bin stolz auf meine Mutter, auf meine Leistung, aber nicht auf mein Land.

Wie gehen Sie mit Rassismus um?

Wenn ich im Alltag Rassismus erlebe, verkrieche ich mich nicht traurig in mein Bett. Ich habe eine große Klappe und wehre mich direkt. Aber das tue ich nicht nur, wenn es um mich selbst geht, sondern auch, wenn ich antisemitische Sprüche höre. Da bin ich null tolerant. Ich habe auch schon die eine oder andere beleidigende Nachricht im Netz aufgrund meiner Hautfarbe bekommen. Ich lasse es nicht an mich ran. Die beste Rache ist in dem Fall, diese Leute zu ignorieren und weiterzulächeln und einen guten Tag zu haben, denn dann hat die Person gar nichts erreicht außer Frust, weil sie keine Antwort von mir erhalten hat.

Sie haben 2018 eine Ausbildung als Informatiker abgeschlossen, obwohl Sie zu dem Zeitpunkt bereits Bausa entdeckt hatte und Sie einen Plattenvertrag bei seinem Label Twosides unterschrieben hatten. Wie schwierig war das?

Ich hatte ehrlich gesagt komplett das Interesse an der Ausbildung verloren. Ich war an dem Punkt: Ich will mit der Musik durchstarten. Baui (Bausa) hat sich aber immer um mich gekümmert. Wir lernten uns noch vor seinem großen Hit „Was du Liebe nennst“ kennen. Er sagte: „Zieh deine Ausbildung durch.“ Das letzte halbe Jahr habe ich mich da durchgequält. Vor allem für meine Mum, wenn ich ehrlich bin. Tagsüber war ich bei der Ausbildung, nachts im Studio.

Sie haben auch schon früh Ihr eigenes Label gegründet, „Teenager Forever“. Das ist aber weit mehr als ein Plattenlabel …

Seitdem ich angefangen habe zu rappen, hatte ich die Vision, eine Riesenmarke zu etablieren. Rap ist die Hauptsäule, aber man kann so viel drum herum aufbauen. So habe ich gerade die zweite Kollektion meiner Klamotten rausgebracht. Viele US-Rapper wie P. Diddy oder Jay-Z, die ich als Kind gehört habe, haben dies getan und sind jetzt die größten Mogule. Andere Musikrichtungen haben das schon immer gemacht, Metallica haben so viel Geld mit ihren Tourshirts verdient. Sie hatten schon damals in den 90ern richtig aufwendig produzierte Grafiken. Bis heute sieht man Leute mit Metallica-Shirts rumlaufen, die noch nie einen Song von Metallica gehört haben. Das ist aber nice. Mein Ziel ist es, dass eines Tages meine Klamotten-Brand so abgekapselt von der Musik läuft, dass auch Leute die Marke tragen, die keine Ahnung haben, wer ich bin.

Wie ist die Corona-Zeit für Sie als Musiker?

Das Schlimmste ist, dass man nicht planen kann. Meine Tour, die im Herbst 2020 starten sollte, ist auf diesen Herbst verschoben. Jetzt ist es aber immer noch nicht klar, ob das überhaupt realistisch ist oder ob wir sie auf 2022 schieben müssen. Ich liebe den Liveteil. Dafür arbeite ich, dafür bin ich im Studio, nächtelang. Wenn ich Songs mache, denke ich immer schon gleich, wie könnte ich das live performen, könnte man eine akustische Version davon machen? Dass ich nicht auftreten kann, nervt. Aber ich will mich nicht beschweren, es gibt andere Unternehmen, die ganz andere Probleme haben, wie Restaurants. Ich kann vom Studio aus mein Brot verdienen. Natürlich habe ich krasse Verluste durch das ausgefallene Livegeschäft. Aber ich habe eben noch das zweite, dritte Standbein mit meiner Klamottenmarke und meiner Weißweincuvée „Hotel Heartbreak“, die es seit ein paar Wochen bei Aldi gibt.

Der Weißwein tauchte schon lange vor Ihrem eigenen Wein in Ihren Songs auf. Das ist nicht das typische Rappergetränk, oder?

Das stimmt. Die teure Whisky-flasche oder der Wodka sind die üblichen Raprequisiten. Ich trinke aber schon lange sehr gerne eben auch Weißwein. Er steht für mich für ein positives Lebensgefühl. Viele meiner Kollegen sagen zwar: „Okay, man kann Weißwein trinken, aber es ist nicht cool genug, darüber zu rappen.“ Aber ich setze mir selbst keine Grenzen. Was ich mag oder was ich fühle, das wird durchgezogen.

Wo sehen Sie sich heute in zehn Jahren?

Ich lebe in einem Haus mit einem Flügel, einem Kind, meiner Freundin – und einen Hund nehme ich auch noch mit ( lacht ). Ich sehe mich zudem musikalisch reifer. In zehn Jahren will ich einen Song komponieren, der über den typischen Song-Arrangement-Kosmos hinausgeht.

Interview: Kathrin Rosendorff

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