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Frankfurter Psychologin: „Singles sind doch keine Außerirdischen“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Christine Backhaus coacht Singles und Paare.
Christine Backhaus coacht Singles und Paare. Foto: Privat © privat

Immer noch gilt es als Makel, keine Beziehung zu haben. Dabei können Singles ein glückliches Leben führen wie die Frankfurter Psychologin Christine Backhaus im Interview erzählt.

Warum reden wir heute nicht über Verheiratete?“ Das ist das Erste, was Christine Backhaus fragt, noch bevor das eigentliche Interview beginnt. Backhaus ist Psychologin und Beziehungscoach in Frankfurt und betont: „An der Stelle geht es los: Wir sagen: Singles sind was Besonderes, aber Singles sind doch keine Außerirdischen.“

Das stimmt. Und doch müssen sich Singles ab 30 oft rechtfertigen und werden gefragt: „Warum bist du noch Single?“ Thema „Single Shaming“ …

Ich habe neulich erst in den Sozialen Medien die Frage gepostet: „Wurden Sie eigentlich schon mal gefragt, warum Sie verheiratet sind?“ Kein Mensch stellt diese Frage: Dass Singles sich immer wieder rechtfertigen müssen, grenzt an Diskriminierung. Übrigens gibt es auch nicht den Single: Über wen reden wir? Junge Singles? Singles Ü-50? Ist ein Single jemand, der noch nie eine Beziehung hatte? Jemand, der nie Sex hat? Oder ein Mensch, der viel gesucht hat oder sehr viele gute Partnerschaften gehabt hat, aber jetzt sagt: „Ich will das Ich jetzt in den Vordergrund stellen, also nur das machen, auf was ich Lust habe.“ Single-Sein ist keine Übergangsphase. Es ist ein Status.

Warum gilt es immer noch als Makel, Single zu sein?

Irgendwie ist es dem Mainstream suspekt, weil scheinbar heutzutage so riesig viele Möglichkeiten da sind, schnell in Beziehungen zu kommen. Stichwort Online-Dating: Dieses ist aber eben oft in der Realität sehr unverbindlich und mit vielen Enttäuschungen verbunden. Eine Beziehung wird in einer Leistungsgesellschaft wie ein Erfolg bewertet. Gerade Frauen ab 30, die sehr unabhängig sind und Karriere machen, kriegen einen enormen Druck. Es wird gefragt: „Was stimmt mit ihr nicht? Die muss irgendwas falsch machen, oder sie ist eine Hexe. Sie hat einen zu hohen Anspruch.“ Dabei ist gerade die junge Generation auch durch Social Media heutzutage oft aufgeklärter, weil dort auch über Themen wie Narzissmus oder toxische Beziehungen gesprochen wird. Sie haben öfter den Mut in solchen Fällen, schwierige Partner zu verlassen. Auch wenn sie dann Single sind. Ich glaube, in der jungen Generation ist das Singlesein nichts Besonderes mehr, sondern das kommt aus einer älteren Generation, die noch andere Normen, Wertesysteme, Beziehungsmodelle hat.

Warum jagen viele diesem Hollywood-Happy-End hinterher?

Bereits bei dieser ganzen Diversity-Diskussion sieht man, wie lange es braucht, bis Andersartigkeit sich durchsetzt, also dass es kein Makel mehr ist. Auch wird immer noch das klassische Familienmodell von der Gesellschaft mehr gefördert als Alleinerziehende oder Singles. Die Singles sind die, die steuerlich hinten runterrutschen, allein die ganzen alleinstehenden Rentner, die nie verheiratet waren. So lange sich an der Stelle nichts verändert, ist das schwierig. Und doch sollten wir bei uns selbst und unserem Selbstwertgefühl anfangen. „Ich fühle mich ganz und gut so, wie ich bin, auch ohne Partner.“ Dazu gehört aber auch, dass wir uns eingestehen, dass wir Momente haben, in denen wir betrübt sind. Dass es sich eben auch mal schlecht anfühlt, wenn wir als Single beispielsweise im Cluburlaub sind und 95 Prozent der Gäste um uns herum Pärchen sind.

In Südkorea gibt es ein neues „Glücksmodell“ für ledige Frauen und Männer: „Honjok“. Der Begriff bedeutet übersetzt „Einpersonenstamm“ und beschreibt einen Lebensstil, in dem Singles bewusst allein leben und damit erfüllt und glücklich sind. Wie finden Sie das?

Ein tolles Modell. Vielleicht auch ein Begriff, der Single ersetzt. Gleichzeitig sollte man die Motive hinterfragen: Will man sich dem gesellschaftlichen Druck entziehen? Sich wieder auf andere Themen wie Partnersuche besinnen können? Oder ist das Beziehungsvermeiden auch ein Vermeiden vom Aufreißen alter Wunden? Single-Sein kann auch eine Schutzfunktion sein. Wichtig ist die Bewusstheit der Entscheidung. So wie ich mich auch bewusst für eine Heirat oder Scheidung entscheide und dazu stehe. Auch in Deutschland werden die Liebes- und Lebensmodelle immer unterschiedlicher: Freundschaft Plus, offene Beziehung, nur Sex: Das scheint in den letzten Jahren gesellschaftsfähiger zu werden.

Manche Singles suchen verzweifelt, manche bleiben entspannt: Wenn die Liebe kommt, dann kommt sie … Ist das die bessere Alternative?

Das ist eine schöne Kompetenz, dass ich offen bleibe, aber die Suche erstmal abgeschlossen habe, gerade, wenn das Daten zu viel Frust mit sich gebracht hat: Ich beschließe, jetzt glücklicher Single zu sein. Das Leben im Moment zu genießen mit allem Schönen. Ich sollte auf nichts und niemanden mehr warten: Ich soll noch drei Jahre warten, bis ich einen Partner habe, um nach Paris zu reisen? Nein, einfach die Reise buchen! Denn was ist, wenn ich keinen tollen Partner finde? Und wenn ich doch einen kennenlerne, ist das das Sahnehäubchen. Und ich sollte für mich Alternativen haben: Wenn kein Mann da ist zum Kinderkriegen, aber eine Frau unbedingt ein Kind will, sollte sie nicht bis Ende 30 warten. Auch Single-Frauen können sich ihre Eizellen einfrieren lassen. Wenn ich gerne ein Kind haben möchte und in keiner Liebesbeziehung bin, dann muss ich gucken, mit wem hätte ich das gerne? Anonym mit Samenspende oder mit jemandem aus dem Freundeskreis. Da gibt es Möglichkeiten.

Oft wird Singles unterstellt, einsam zu sein …

Der Mensch ist an sich ein Beziehungswesen. Aber jeder hat ein unterschiedliches Bedürfnis nach Nähe und Distanz. Das liegt oft auch daran, wie man aufgewachsen ist: Einzelkinder haben oft gelernt, auch gut mit sich alleine zu sein. Aber diese Kompetenz ist für alle wichtig. Zudem sind viele in Partnerschaften viel einsamer als die Singles. Beispielsweise ein Partner, der keine echte Nähe zulässt, immer mit Projekten beschäftigt ist. Das hinterfragt aber kaum jemand. Einsamkeit in der Partnerschaft kann sich viel schlimmer anfühlen, als wenn ich Single bin.

Werden manche Menschen als Single glücklicher?

Ja, das kann viel weniger Stress bedeuten. In der Beziehung muss man sich oft verbiegen. Als Single muss man keine faulen Kompromisse eingehen. Singles haben auch nicht diesen Beziehungsalltag, und der kann manchmal wirklich hart sein. (lacht)

Interview: Kathrin Rosendorff

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