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Polizeipräsident Gerhard Bereswill hat zurzeit keinen leichten Stand.

Porträt

Frankfurter Polizeipräsident Gerhard Bereswill: Der Kommunikator

  • Georg Leppert
    vonGeorg Leppert
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Der Frankfurter Polizeipräsident Gerhard Bereswill pflegt den Umgang mit seinen Kritikern, hört ihnen zu, erträgt ihre Kritik. Alleine: Das scheint derzeit nicht viel zu helfen.

  • Bei einer Veranstaltung in Frankfurt musste Polizeichef Gerhard Bereswill viel Kritik einstecken.
  • Thematisch ging es um Polizeigewalt, „NSU 2.0“ und Rassismus
  • Ein Polizeipräsident der zuhört und Kritik erträgt, aber auch oft negative Schlagzeilen produziert.

Frankfurt - Drei gegen einen. Für Gerhard Bereswill ist das eigentlich eine ziemlich undankbare Veranstaltung am Dienstagabend im Haus am Dom.

Linksaußen sitzt Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank. Er sagt, die Polizei habe ihr Problem mit Rassismus jahrelang kleingeredet. Neben ihm die Frankfurter Anwältin Seda Basay-Yildiz. Sie wird vom „NSU 2.0“ bedroht. Unterstützt werden die Täter offenbar von Polizisten, die sensibelste Daten der Juristin abgefragt und weitergegeben haben. Seit die Drohungen anfingen, habe sich „offensichtlich nichts getan“, sagt sie.

Frankfurt: Polizeipräsident Gerhard Bereswill wird scharf kritisiert - Veranstaltung im Haus am Dom

Einen Platz weiter sitzt die Journalistin Heike Kleffner, Expertin für Extremismus bei Sicherheitsbehörden. Bei der Polizei gebe es institutionellen Rassismus und rechte Netzwerke, sagt sie. Und auf dem Platz ganz außen: Gerhard Bereswill, Präsident der Frankfurter Polizei.

Es gibt wohl nicht viele Polizeichefs, die eine Einladung zu so einer Veranstaltung überhaupt angenommen hätten. Bereswill wird gewusst haben, dass er bei dem Abend, den der Domkreis für Kirche und Wissenschaft ausrichtet, nicht viel gewinnen kann. Dass man ihn scharf kritisieren wird – in Gegenwart von zwei Dutzend Journalisten, die alle das Treffen zwischen ihm und Basay-Yildiz erleben wollen. Doch Bereswill sagte sofort zu.

Frankfurt: Viele offene Fragen zu „NSU 2.0" - Rechtsextreme Schreiben an die Linken-Fraktionschefin

Nicht ein einziges Mal wird der Polizeipräsident laut – obwohl in der Sache hart diskutiert wird. Es hagelt Kritik: Warum immer noch nicht klar ist, wer den „NSU 2.0.“ unterstützt. Warum die Täter sogar weitermachen können und mit Unterstützung von Polizeibeamten mittlerweile auch weitere Prominente wie die Linken-Politikerin Janine Wissler bedrohen. Wie es sein kann, dass rechte Chatgruppen im 1. Revier lange unbemerkt blieben. Und – ganz aktuell – wie Beamte in Alt-Sachsenhausen dazu kommen, einen am Boden liegenden Mann zu treten.

Bereswill macht sich Notizen. Jede seiner Antworten bereitet er vor. Man merkt, dass ihn ziemlich viele der jüngsten Auswüchse regelrecht anwidern. Polizisten, die bei der Festnahme austicken. Polizisten, die mit Rechtsextremen kooperieren. Polizisten, die sich rassistische Botschaften schicken. Das ist nicht seine Polizei, bei der er 1974 als 17-Jähriger angefangen hatte.

Gleichzeitig muss man sagen: Bereswill ist Recht und Gesetz verpflichtet. Keine Vorverurteilungen. Keine Mutmaßungen. Deshalb fallen seine Antworten auf dem Podium zurückhaltender aus als sie es vielleicht im persönlichen Gespräch ohne Kameras täten. Was die brutale Festnahme in Sachsenhausen betrifft, wird der 63-Jährige aber doch sehr deutlich. „Unsäglich und inakzeptabel“ sei das Verhalten der Beamten, die zugetreten haben. Drei von ihnen sind mittlerweile suspendiert.

Rechtsausschuss

Polizeipräsident Gerhard Bereswill kommt am nächsten Montag, 31. August, in den Ausschuss für Recht und Sicherheit im Römer. Die Stadtverordneten werden ihn vor allem nach den Ausschreitungen am Opernplatz vor einigen Wochen befragen. Die Sitzung , die um 17 Uhr im Plenarsaal beginnt, ist öffentlich. Allerdings sind die Platzkapazitäten begrenzt. geo

Die Ruhe, mit der Gerhard Bereswill antwortet, auch wenn er scharf angegangen wird, ist so etwas wie das Markenzeichen des Polizeipräsidenten. Er sucht das Gespräch mit seinen Kritikern. Meistens bringt das auch etwas. Als es zwischen Eintracht Frankfurt und der Polizei heftig knirschte, setzte sich Bereswill mit den Eintracht-Oberen zusammen. Vorausgegangen war ein schroffer, zum Teil rechtswidriger Polizeieinsatz im Stadion. Danach lobte Eintracht-Vorstand Axel Hellmann den Kontakt zu Bereswill.

Polizeichef Gerhard Bereswill seit 2014 im Amt: Beruf von der Pike auf gelernt

Die Kommunikation der Polizeiführung nach innen und außen verbessern und pflegen – mit dieser Maßgabe trat Bereswill sein Amt im September 2014 an. Und der Beamte, der anders als seine Vorgänger kein Jurist ist, sondern den Polizeiberuf von der Pike auf gelernt hat, lieferte. Er geht zum Fastenbrechen in die Moschee. Geht zu Gedenkveranstaltungen wie etwa vor der Frankfurter Synagoge nach dem Anschlag in Halle. Er geht zu Neujahrsempfängen aller Art. Und vor allem geht er in die Stadtverordnetenversammlung. Oft laden ihn die Politiker in den Rechtsausschuss ein. Bereswill kommt immer, das nächste Mal am kommenden Montag. Im Plenarsaal wird er zu den Krawallen am Opernplatz Stellung nehmen.

Ein Polizeipräsident, der zuhört. Der Kritik erträgt. Der gesprächsbereit ist. Das klingt nach einem Mann, mit dem eigentlich auch die Vertreter des sehr linken politischen Flügels ihren Frieden machen könnten. Tun sie aber nicht. Stadtverordnete wie Martin Kliehm (Linke) und Nico Wehnemann (Die Partei) gehen Bereswill regelmäßig hart an. Dabei geht es weniger um seine Person. Bei besagten Neujahrsempfängen trinken etwa Kliehm und Bereswill durchaus mal ein Bier zusammen.

Bereswill: Unglückliche Figur nach Randalen am Opernplatz - Negative Schlagzeilen

Aber: Bereswill ist Chef einer Polizeibehörde, die viel zu oft negative Schlagzeilen produziert. Und so offen der Polizeipräsident darüber auch redet – es ändert sich einfach nichts. Die neuen Drohungen des „NSU 2.0“ und die Gewalt in Sachsenhausen sind Gründe dafür, dass die Polizei für viele Linke Feindbild ist und bleibt. Da kann Bereswill noch so sehr darauf drängen, dass er vom Innenministerium nach Vorwürfen die Erlaubnis zu Interviews bekommt – im Ergebnis ändert sich zu wenig. Wirkliche Reformen von Polizeiarbeit und –ausbildung hat es unter ihm nicht gegeben. Dafür verweist er pflichtgemäß auf eine Expertenkommission, die die Strukturen der Polizei untersuchen soll. Eingesetzt wurde sie von Innenminister Peter Beuth.

Auch nach der Randale am Opernplatz gab Bereswill für seine Kritiker eine unglückliche Figur ab. Zunächst erklärte er auf Nachfrage von Journalisten, ein Großteil der Täter habe Migrationshintergrund – was immer daraus auch folgen mag in einer Stadt wie Frankfurt. Dann sprach er von einer „undifferenzierten Vorwurfslage“, mit der die Polizei seit Monaten zu kämpfen habe und die nun ein Grund für die Angriffe sei. In linken Kreisen hieß es: Bereswill sieht keine Legitimation für Demos gegen Polizeigewalt und macht die Demonstranten für gewalttätige Ausschreitungen verantwortlich.

Frankfurt: Nicht die ersten Vorwürfe gegen Bereswill - Randale zur Eröffnung der EZB

Die aktuellen Vorwürfe gegen die Polizei sind eine Bewährungsprobe für Bereswill – aber nicht seine erste. Wenige Monate nach seinem Amtsantritt wurde in Frankfurt die Europäische Zentralbank eröffnet. Obwohl 10 000 (!) Polizistinnen und Polizisten im Einsatz waren, gab es massive Randale. Man habe mit einem solchen Ausmaß der Gewalt nicht rechnen können, sagte Bereswill hinterher. Doch wer ihn nur ein bisschen kennt, wusste: Die Bilder von brennenden Polizeiautos, die europaweit gesendet wurden, nagten sehr, sehr lange an ihm.

Als die Diskussion im Haus am Dom beendet war, unterhielten sich ein paar Besucher im Saal über den Abend. Wenn Peter Beuth endlich zurücktrete, was angesichts der Drohungen des „NSU 2.0“ überfällig sei, sollte Bereswill Innenminister werden, sagte einer. Die Umstehenden nickten. Bereswill bekam davon nichts mit. Er gab zu der Zeit Interview um Interview. (Von Georg Leppert)

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