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Sabine Nietmann schafft Ordnung. Dabei nutzt sie bestimmte Sortiermethoden und Hilfsmittel wie diese Ordnungshelfer im Regal.
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Sabine Nietmann schafft Ordnung. Dabei nutzt sie bestimmte Sortiermethoden und Hilfsmittel wie diese Ordnungshelfer im Regal.

Aufräumen

Frankfurter Ordnungsexpertin: „Ordnung ist was für Faule“

  • Kathrin Rosendorff
    VonKathrin Rosendorff
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Sabine Nietmann kann man buchen, wenn man im eigenen Zuhause den Überblick verloren hat. Die 33-jährige Flugbegleiterin und Ordnungsexpertin hat ihr Unternehmen „The Organicer“ gegründet und hilft beim Aufräumen. Das Aussortierte geht dabei an Bedürftige.

Sie selbst hatten früher den Überblick im eigenen Kleiderschrank verloren. Wie kam es dazu, dass Sie Ordnungscoach wurden, Frau Nietmann?

Ich war tatsächlich eher chaotisch, denn ich habe schon immer gerne sehr viel gekauft. Als ich dann mit 22 begann, als Flugbegleiterin zu arbeiten, hatte ich natürlich unendliche Shoppingmöglichkeiten und hortete immer mehr Dinge. Irgendwann habe ich meinen Kleiderschrank geöffnet, und mir kam alles entgegen. Ich merkte: „Die Auswahl macht mich nicht glücklich, sondern stresst mich ungemein.“ Ich wusste gar nicht mehr, was ich alles hatte, weil ich vieles doppelreihig lagerte. Also schmiss ich alle meine Klamotten auf einen Haufen und erlebte diesen absoluten Schockmoment, weil mir bewusst wurde, wie viel ich eigentlich besaß.

Und dann?

Fing ich an, das Bestseller-Buch der japanischen Aufräumexpertin Marie Kondo zu lesen, aufzuräumen und Dinge zu reduzieren. Ich merkte, dass, wenn ich die aussortierten Sachen an beispielsweise Waisenhäuser während meiner Reisen als Flugbegleiterin in Südafrika oder Brasilien weitergebe, es mir leichter fällt, mich von Dingen zu trennen. So mache ich anderen Menschen eine Freude, und die Dinge schlummern nicht weiter in der Schublade, sondern werden wirklich benutzt. Das war im Jahr 2015, im Sommer 2018 hatte ich dann die Idee, selbst als Ordnungscoach zu arbeiten, eben auch mit diesem karitativen und nachhaltigen Ansatz verbunden.

Bücher nach Farben sortieren bringt ästhetische visuelle Ruhe rein.

Wollen denn alle ihren Kundinnen und Kunden ihre aussortierten Sachen spenden?

Die meisten motiviert es. Manche sagen: „Aber ich könnte das auch bei Ebay verkaufen.“ Ich antworte: „Natürlich, aber sei dir bewusst, wie viel mehr Aufwand das ist, und am Ende bleiben die Kisten doch monatelang im Keller stehen.“ Das Toxische dabei: Im Zweifel geht man nochmal an die Sachen ran, holt sich wieder was raus. Deshalb biete ich meinen Kunden an, die Sachen für sie zu sozialen Einrichtungen zu bringen. Da ich durch Corona gerade weniger Langstrecke fliege, gehen die Sachen nun verstärkt an Einrichtungen in Frankfurt wie das FeM-Mädchenhaus, die Obdachloseninitiative Street Angels, aber auch zum Familien-markt in Bergen-Enkheim. Wichtig ist mir, dass ich die Dinge nicht einfach wahllos abstelle, sondern immer frage: „Was braucht Ihr gerade?“

THE ORGANICER

Die Flugbegleiterin Sabine Nietmann hilft beim Aufräumen und hat ihr Unternehmen „The Organicer“ im Jahr 2019 gegründet. Mittlerweile hat sie auch eine Mitarbeiterin. Das Aufräum-coaching im Raum Frankfurt beinhaltet vier Stunden Aufräumen und kostet 299 Euro, mindestens 20 Prozent der Gewinne gehen laut Nietmann an Hilfs- und Umweltorganisationen. Die aussortierten Sachen bringt Nietmann zu sozialen Einrichtungen.

Die 33-Jährige gibt regelmäßig Online-Workshops für Firmen und Privatpersonen, aber auch Kurse für Menschen, die Ordnungscoach werden wollen.

Weitere Infos und Preise: https://the-organicer.com Das HR-Fernsehen zeigt eine Dokumentation über Nietmanns Arbeit am 15. Juni um 20.15 Uhr. rose

Landet aber trotzdem viel im Müll beim Aussortieren?

Nein, 95 Prozent der Dinge gebe ich weiter, aber sie dürfen nicht kaputt sein. Es ist krass, wie viel vergessen wird. Nicht selten finden wir beim Aufräumen Sachen, die seit zehn Jahren noch unausgepackt im Keller in Umzugskartons lagen: Von Kleidung über Schuhe hin zu Büchern. Das meiste davon kann man theoretisch direkt weggeben, man hat es so lange nicht gebraucht. Was ein typisch deutsches Ding ist, ist leere Verpackungen aufzubewahren. Erst für die Garantie, dann falls man es später vielleicht verkaufen will. Du kannst durchschnittlich 30 Prozent an Platz schon freischaffen, indem du die Verpackungen entsorgst.

Übersicht im Kleiderschrank.

Haben Sie eigentlich eine Ausbildung beim Ordnungscoach-Star Marie Kondo absolviert?

Nein. Die Ausbildung bei ihr kostet mehrere Tausend Euro, und ich finde zwar einen Teil ihrer Ansätze gut, aber eben nicht alles. Also beispielsweise, dass du jedes Paar Socken in die Hand nehmen und dich bei ihnen bedanken sollst, um sie dann zu verabschieden, war mir dann doch too much. (lacht) Man benötigt kein Zertifikat, um als Ordnungscoach zu arbeiten. Ich besuchte Startup-Events in Frankfurt und habe dann „The Organicer“ im Februar 2019 gegründet. Mein erster Kundenstamm waren Flugbegleiter-Kolleginnen, später kamen Leute über Social Media, nun auch viel über Mundpropaganda.

Wer bucht Sie und warum?

Oft fragen mich Leute an, die über die Jahre eben viel angesammelt haben. Das sind Familien, Alleinstehende, alle mit dem normalen Chaos zu Hause. Aber ich habe auch schon Lager von Geschäftsleuten aufgeräumt. Die meisten stehen vor einem Berg und wissen nicht, wo sie starten sollen. Wenn ich dazukomme, motiviert sie das, weil wir es zu zweit machen und ich kreative Ordnungslösungen mitbringe. Zu Beginn der Pandemie dachte ich, dass sich meine Dienstleistung erübrigt hat, aber tatsächlich ist das genaue Gegenteil eingetreten. Die Leute haben angefangen, noch mehr ins eigene Zuhause zu investieren. Ich arbeite aktuell nur mit FFP-2-Maske und negativem Corona-Test.

Räumen Sie immer gleich die ganze Wohnung auf?

Nein, normalerweise beginnt man mit dem Raum, der am Dringendsten ist. Küche, Kleider-schrank, Keller und Kinderzimmer sind die aktuellen Hotspots. Ich dachte anfangs, die Leute buchen mich einmal, kopieren die Strategie und machen dann alleine weiter, das ist aber kaum der Fall. Ich bin meistens zwei – bis fünfmal bei den Leuten zu Hause, auch weil es zusammen einfach mehr Spaß macht.

Aussortieren vereinfacht das Leben.

Ist Aufräumen sehr anstrengend?

Ja, die Leute sind häufig körperlich fix und fertig. Ich bin mindestens vier Stunden vor Ort, darunter lohnt es sich kaum. Manche Kunden kommen in einen richtigen Flow und sagen: „Also jetzt haben wir die Küche gemacht, dann machen wir gleich noch den Kleiderschrank.“ Vor dem Optimieren kommt immer als erstes das Reduzieren, aber niemand muss als Minimalist leben, ich sage nur: „Der Stress, den man unterbewusst durch diesen ganzen Kram entwickelt, wird einem erst bewusst, wenn man anfängt, den Ballast loszulassen.“

Inwiefern?

Aufräumen hat oft auch etwas damit zu tun, die Vergangenheit abzuschließen. Der Kleider-schrank ist häufig ein Realitätsscheck, weil dort ganz viele Sachen sind, die dir eigentlich nicht mehr passen, nicht mehr gefallen, oder die man nur aus emotionalen Gründen behält. Klar ist es erstmal unangenehm, weil du damit konfrontiert wirst: „Okay, die Skinny Jeans von vor zehn Jahren und meine aktuelle Figur passen nicht mehr zusammen.“ Aber am Ende sind nach dem Aussortieren nur noch Sachen im Schrank, die dir passen und die du gerne trägst – das gibt dir ganz viel Energie.

Tipp: Vorräte in durchsichtigen Behältern aufbewahren.

Sie raten, den Bücherschrank nach Farben zu sortieren, warum?

Es bringt visuell ästhetische Ruhe in den Raum. Genauso ist es ein tolles Gefühl, wenn man einen aufgeräumten, nach Farben sortierten Kleiderschrank hat. Ich gehe mittlerweile so gerne an meinen Schrank, weil ich direkt alles sehe und ohne Probleme reingreifen kann. Wichtig ist: Durch Ordnung vereinfachst Du dir dein Leben, deshalb ist Ordnung eigentlich was für Faule.

Wie vermeidet man, dass man beispielsweise Zucker nachkauft, weil man vergessen hat, dass man eigentlich schon vier Packungen irgendwo hat?

Es ist wichtig, dass alles nach Kategorien sortiert ist, jedes Ding einen festen Platz hat und man es dorthin auch immer zurücklegt. Ich rate, Vorräte aus der Packung zu nehmen und in durchsichtigen Behältern aufzubewahren, das Mindesthaltbarkeitsdatum kann man unten auf die Ordnungshelfer kleben. Plus: Vor jedem Einkauf prüfen, was noch da ist!

Gefaltete Kleidung in der Schublade.

Wie ändert sich das Leben nach dem organisierten Aufräumen?

Durch die Reduktion auf die Lieblingsteile haben die meisten gar nicht mehr den Bedarf, so viel nachzukaufen. Beim Aufräumen sagen mir viele, dass ihnen jetzt klar wird, wie verschwenderisch sie gelebt haben. Gerade Eltern wird bewusst, dass sie dieses Konsumverhalten auch ihren Kindern vorleben. In vielen Kinderzimmern herrscht so ein Chaos, weil an Feiertagen und Kindergeburtstagen so viel ’reinkommt. Ich rate den Familien dazu, gemeinsame Erlebnisse zu verschenken.

Sie sehen ja beim Aufräumen wirklich viel. Wie persönlich wird es?

Natürlich bekomme ich viel mit. Es ist für mich sehr berührend, wie tief die Leute mich in ihre Geschichten, Familien und auch oft ihre Probleme eintauchen lassen. Es gab schon sehr emotionale Momente: Mit einer Kundin fand ich im Keller die Briefe ihrer Oma an einen Mann. Das waren so wunderschön geschriebene Liebesbriefe, wir beide haben da gesessen und hatten Tränen in den Augen.

Interview: Kathrin Rosendorff

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