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Für Nick Namyslo waren Fotoshootings Neuland. Foto: Maria Romankova
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Für Nick Namyslo waren Fotoshootings Neuland.

Mr. Gay Wettbewerb

Frankfurter Mr. Gay-Kandidat: Nick Namyslo: „Keiner geht zu seiner Mutter und sagt: Mama ich bin hetero.“

Nick Namyslo musste seine Sexualität lange vor seinem Arbeitsumfeld verstecken. Deswegen setzt er sich jetzt für eine offenere Unternehmenskultur ein. Der Frankfurter ist einer von sieben Finalisten, die an diesem Samstag beim bundesweiten Wettbewerb Mr. Gay antreten.

Lange Zeit ging Nick Namyslo morgens mit einem schlechten Gefühl zur Arbeit. Nicht etwa, weil ihm sein Job bei der Deutschen Bahn nicht gefallen würde, sondern weil ihn immer wieder dieser eine Gedanke beschäftigte: „Wie mache ich das, damit die das heute wieder nicht herausfinden, dass ich schwul bin?“ Dieses Versteckspiel, das er lange Zeit mitspielen musste, möchte er Berufseinsteiger:innen ersparen und hat deswegen im Zuge seiner Teilnahme bei Mr. Gay Germany eine Kampagne mit dem Titel „Employerpride“ ins Leben gerufen.

Aufgewachsen ist der heute 24-Jährige in Herborn. Nach seinem Schulabschluss begann er eine Ausbildung bei der Deutschen Bahn in Gießen. Schon damals hatte er große Ambitionen und machte zusätzlich am Wochenende sein Abitur, um danach neben dem Job im Teilzeitstudium seinen Bachelor in Wirtschaftsmanagement zu absolvieren. Weil er es gewohnt ist, viel um die Ohren zu haben, wollte er auch nach dem Bachelorabschluss engagiert bleiben. Die Teilnahme am Wettbewerb sah er deswegen als Chance, sich für ein Thema einzusetzen, das ihm schon lange auf der Seele brennt.

Namyslo ist seit 2013 im selben Unternehmen tätig, aber erst vor zweieinhalb Jahren erzählte er seinen Kolleg:innen dort, dass er schwul ist. Zuvor habe er sich alle möglichen Horrorszenarien vorgestellt, wie sie reagieren würden, aber im Endeffekt sei nichts davon eingetreten. So viel Glück haben aber nicht alle, stellt er fest. Er berichtet von Betroffenen, die nach ihrem Outing im Arbeitsumfeld verschiedenste Formen von Mobbing und Ausgrenzung erlebten, und von deren Chefs, die ihnen plötzlich keine Aufträge mehr geben wollten. So etwas dürfe in der heutigen Zeit einfach nicht mehr sein, betont er. Er möchte vor allem kleinere Unternehmen abseits der Großstadt dafür sensibilisieren, dass es wichtig ist, eine offene Unternehmenskultur zu pflegen, aber vor allem auch nach außen zu kommunizieren. Seine Botschaft und die der sich beteiligenden Unternehmen an Betroffene soll sein: „Du musst dich nicht verstecken. Du kannst hier so sein, wie du bist. Und du musst auch nicht lügen.“

Mr. Gay Wettbewerb

Bei der bundesweiten Wahl zum Mr. Gay Germany werden, wie der Veranstalter auf seiner Website schreibt, „mehr als hübsche Gesichter und trainierte Bodys“ gesucht. „Wir suchen den Repräsentanten der Gay-Community Deutschlands. Ein Role-Model, ein Vorbild – kurz einen Helden der Szene.“

An diesem Samstag ist das Finale des Wettbewerbs in Köln: Unter den sieben Finalisten sind der Frankfurter Nick Namyslo und der Neu-Isenburger Bilel Ouali. Die selbstgestaltete Kampagne ist ein wichtiger Bestandteil. Hier müssen die Kandidaten ein Projekt entwickeln, mit dem sie gezielt etwas für die schwule Community erreichen wollen. Neben dem Willen, Dinge in Bewegung zu bringen, solle der zukünftige Mr. Gay Germany außerdem Mut, Selbstbewusstsein und Empathie beweisen.

Der amtierende Mr. Gay ist der Frankfurter Benjamin Näßler, der pandemiebedingt nun schon zwei Jahre den Titel trägt. Auch der Wiesbadener Marc Arthur Tsanang tritt an. In diesem Jahr ist als erste Trans*-Person der Kölner Max Appenroth dabei. 521 Menschen hatten sich beim Wettbewerb beworben. Der Gewinner wird auch bei der Wahl zu Mr. Gay World antreten.

Allgemein sieht er das Konzept des Coming-outs eher kritisch. Er beantworte zwar immer die Frage nach seinem Outing, wenn es Leute interessiert, aber für ihn müsste es das eigentlich gar nicht geben. „Heteros outen sich ja auch nicht. Keiner geht zu seiner Mutter und sagt: ‚Mama, ich bin hetero.‘“ Dieses Privileg, die eigene Sexualität, egal ob im Privaten oder am Arbeitsplatz, nicht offiziell verkünden zu müssen, sollte jeder haben. Wenn es im Gespräch aufkommt, wünscht er sich, dass es einfach akzeptiert wird, wenn er erzählt, dass er schwul ist, ohne dass es dann direkt zu einer Unterhaltung darüber wird, wie er sich geoutet hat. Obwohl der Wahlfrankfurter eine hohe Akzeptanz durch sein Arbeitsumfeld erfahren hat, sah auch er sich mit Vorurteilen konfrontiert, besonders am Anfang kurz nach dem Outing. Oftmals seien es nur kleine Bemerkungen gewesen, wie die Aussage eines Kollegen, der meinte: „Oh, da muss ich ja jetzt aufpassen, dass du mich nicht anmachst.“ Diese wären zwar im Spaß gemeint gewesen, seien aber einfach komplett unangemessen, betont er.

In Bezug auf die Arbeitswelt sieht Namyslo besonders die kleinen Unternehmen in der Pflicht, sich offener für Berufseinsteiger:innen zu präsentieren. „Großkonzerne in Großstädten haben Diversity-Konzepte bereits als Erfolgsfaktor erkannt“, ist er sich sicher. Aufpassen müsse man dabei aber, dass die Vielfältigkeit wirklich als gelebte Realität ins Unternehmen implementiert wird und nicht nur als Label nach außen. Außerdem dürfe der menschliche Aspekt nicht aus dem Blick geraten. „In Bezug auf Diversity reden wir hier manchmal, als hätte sich ein Unternehmen eine neue Maschine gekauft, und das nennen wir dann Erfolgsfaktor.“ Er wünscht sich, mit seiner Kampagne kleine und mittlere Unternehmen vor allem in Kleinstädten und Landkreisen zu erreichen, die einen echten Mehrwert darin erkennen, mehr Sichtbarkeit für Diversität zu schaffen. Besonders in Zeiten von Fachkräftemangel sei eine Öffnung der Unternehmen wichtig.

Vor dem Vorentscheid des Wettbewerbs, der vor vier Wochen stattfand, sei er extrem aufgeregt gewesen, erzählt Namyslo. Vor allem Fotoshootings und TikTok-Videos zu drehen, das war für ihn ziemliches Neuland. Aber zu seiner eigenen Überraschung hätten ihm vor allem die Fotoshootings sehr viel Spaß gemacht.

Sollte er am kommenden Wochenende als Gewinner aus dem Wettbewerb hervorgehen, würde er sich am meisten darauf freuen, direkt mit seiner Kampagne loszulegen und sein Vorhaben weiter bekannt zu machen. Aber auch wenn er leer ausgehen sollte, wolle er das Projekt „Employerpride“ auf jeden Fall weiterverfolgen. (Von Anna Laura Müller)

Lesen Sie auch der Neu-Isenburger Kandidat Bilel Ouali

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