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Modedesigner Achraf Bouzalim: „Meine Follower können sich mit mir identifizieren“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Die Streetwear-Kollektionen des Modedesigners Achraf Bouzalim sind innerhalb von Minuten ausverkauft. Der Frankfurter wird gefeiert wie ein Popstar.

Frankfurt - Als Erstes zieht Achraf Ait Bouzalim seine Jesus-Kopf-Kette aus Plastik aus. „Die ist einfach unangenehm, wenn es heiß ist“, sagt er und bestellt eine Eis-Schokolade im Elaine’s Deli inmitten der Bankentürme. Seit zwei Jahren ist der Frankfurter Modedesigner so erfolgreich, dass seine limitierten Kollektionen, sechs bis sieben im Jahr, innerhalb von Minuten ausverkauft sind. Der 26-Jährige trägt ein weißes geripptes Tanktop aus seiner aktuellen Kollektion, die den Namen 6PM+ trägt. Es ist eine Kooperation mit dem Modeonline-Shop About You, seine erste Kollektion, die nicht limitiert ist.

Vor zwei Wochen, als es die Hoodies, Shirts und Sporthosen am ersten Tag online zu kaufen gab, brach die Seite erstmals zusammen, weil so viele bestellten. Wenige Tage zuvor löste er mit seinem Streetwear-Label einen Mega-Hype in Frankfurt, Berlin und Hamburg aus. Vor allem junge Männer zwischen 14 und Mitte 20, aber auch junge Frauen warteten stundenlang vor den Pop-up-Stores, manche verbrachten sogar die Nacht auf Campingstühlen, um vor allen anderen die Kollektion kaufen zu dürfen.

Frankfurter Modedesigner Achraf Bouzalim: „Habe auch schon Reisepässe unterschrieben“

Und das alles, um ihn zu treffen: Achraf Ait Bouzalim wird gefeiert wie ein Popstar: Die jungen Leute wollen nicht nur Selfies, sondern lassen Geldscheine, Shirts und andere Kleidung signieren. „Ich habe auch schon Reisepässe unterschrieben“, erzählt er und lacht. Am Nachmittag hat er noch nichts gegessen. „Heute hatte ich gerade ein Auge offen, da bekam ich schon den ersten Call“, so Bouzalim. Denn gerade ist seine Sommerkollektion von 6PM erschienen, auch diese war gleich ausverkauft.

Mega Hype um den Frankfurter Modedesigner Achraf Ait Bouzalim. Hier beim Massenansturm im Frankfurter Pop-up-Store.
Mega Hype um den Frankfurter Modedesigner Achraf Ait Bouzalim. Hier beim Massenansturm im Frankfurter Pop-up-Store. © Rolf Oeser

Verstehen eigentlich Ihre Eltern den Hype um Sie und Ihr Modelabel 6PM, Herr Bouzalim?

Am Anfang war das für meine Eltern nicht so greifbar. Als ich sagte, dass ich meine eigenen Klamotten designen und verkaufen will, war ihre erste Reaktion: „Warum sollten Leute deine Sachen kaufen? Wie willst du das bewerben? Und ich sagte: „Ich promote das über meinen Instagram Account.“ Ich habe bis heute noch nie Leute dafür bezahlt, dass sie meine Klamotten tragen. Ich habe auch noch nie Geld für Marketing ausgegeben. Mittlerweile werden meine Eltern schon von anderen Eltern angesprochen: „Ey mein Sohn will einen Code haben“. Mit einem Code kann man etwas früher als die anderen meine limitierten Kollektionen kaufen. Ich verteile diese über Instagram.

Ihre Fans feiern nicht nur Ihre Sachen, sondern sehen Sie als Vorbild, weil Sie es geschafft haben: Sie leben in einem Penthouse in der Frankfurter Innenstadt, besitzen einen lachsfarbenen Ferrari und einen rosa Bentley, dabei war der Anfang fern von erfolgreich …

Man bekommt im Internet immer nur so Erfolgsstorys mit wie: Er war ganz unten und dann der erste Song wird gleich millionenfach geklickt: Von heute auf morgen zum Weltstar. Und das vermittelt einem den Eindruck, dass alles, was man macht, sofort funktionieren müsste. Das ist aber nicht so. Meine Familie ist ganz normaler Mittelstand. Ich bin in Bergen-Enkheim aufgewachsen. Auf Instagram habe ich von meinen Anfängen erzählt: von meinen Struggles, wie es war BWL zu studieren und sich parallel als Modedesigner selbstständig zu machen und nebenbei im Smoothieladen zu jobben. 2016 habe ich mein Label gegründet, 2017 kam meine erste Kollektion raus. Da hatte ich zehn Bestellungen, davon waren zwei von meinen Eltern, die anderen acht von Freunden.

Sie hatten irgendwann 60 000 Euro Schulden, nicht?

Ja, meine Mum hat sogar ihren Hochzeitschmuck verkauft, um mir zu helfen. Knapp drei Jahre bin ich nicht vorangekommen. Meine Freunde, mit denen ich Abi gemacht hatte, kamen zurück aus dem Ausland mit abgeschlossenem Studium. Sie bekamen tolle Jobs, ich aber lebte immer noch bei meinen Eltern und war verschuldet. Das war hart. Ich bin nachts durch Frankfurt gefahren, weil ich nicht schlafen konnte: Ich habe geweint, wusste nicht mehr weiter. Ich dachte ans Aufgeben. Bis ich 2019 in meinem Spam-Ordner ein Angebot eines Investors fand. Anfangs dachte ich, dass sei Betrug, aber eine Woche später saß ich bei ihm im Büro.

Achraf Bouzalim: Praktikum bei der Deutschen Bank und BWL-Studium

Wie kam eigentlich die Mode in Ihr Leben? Sie haben Ihr Fachabitur in den Fächern Wirtschaft und Verwaltung gemacht. War da nicht Mathe eher Ihr Ding?

Ich hatte tatsächlich immer sehr gute Noten in Mathe: Schon, wenn ich eine 2 geschrieben habe, war das für mich eine Niederlage. Für mein Fachabitur habe ich ein Jahrespraktikum bei der Deutschen Bank gemacht, bevor ich BWL an der FH studierte. Aber ich habe immer schon Klamotten geliebt. Und irgendwann wollte ich meine eigenen Pullis designen. Damals gab es noch keine deutsche Streetwear-Marke, die so etwas wie ich gemacht hat: Somit konnte ich mich auch an niemanden orientieren. Das war nicht einfach. Als mein Investor reinkam, lief es, weil Geld da war und ich mich seitdem aufs Wesentliche konzentrieren kann.

Sie haben nicht Modedesign studiert. Wie zeichnen Sie ihr Design?

Mit Illustrator. Alles am Laptop und am IPad. Mittlerweile verfeinert ein Grafiker meine Ideen. Ich kann auch selbst Grafiken erstellen, aber ich brauche viel zu lange. Anfangs musste ich aber alles selbst machen. Ich habe mir Videos auf Youtube angeschaut und mir so das Zeichnen mit Illustrator beigebracht. Ich habe auch Kurse besucht und später, als es gut lief mit dem Label, Einzelunterricht bei einem Professor genommen, um mein Wissen zu vertiefen.

Wie groß ist der Leistungsdruck?

Ich würde es nicht Leistungsdruck nennen. Ich challenge mich selbst: Ich habe Ziele und diese Ziele will ich auch erreichen. So will ich immer noch besser in der Produktentwicklung werden. Der Druck geht von mir selbst aus: Es gibt keine Perfektion, aber ich strebe die Perfektion an.

Allein auf Ihrem persönlichen Account haben Sie knapp 225 000 Follower. Sie antworten extrem schnell. Wie machen Sie das neben dem Kreativsein und in vielen Meetings mit ihrem Team zu sitzen?

Ich muss tausend Sachen gleichzeitig machen. Wenn ich in Meetings bin, höre ich zwar zu, aber ich gehe auch mal kurz raus, und wenn jemand eine wichtige Frage stellt, unterbrechen wir auch mal Meetings.

Zur Person

Achraf Ait Bouzalim wird 1995 in Frankfurt als Sohn marokkanischer Eltern geboren. Er wächst in Bergen-Enkheim auf. Nach dem Fachabitur im Bereich Wirtschaft und Verwaltung und einem Jahrespraktikum bei der Deutschen Bank beginnt er BWL an der Fachhochschule Frankfurt zu studieren. Parallel gründet er 2016 sein Streetwear-Modelabel 6PM, eine Anlehnung an den Drake-Song 6PM in New York. Seit 2019 ist ein Investor mit an Bord. Sein jüngerer Bruder studiert und arbeitet bei 6 PM und legt unter dem Namen DJ Bundeskanzler auf. Seine Cousine ist die Sängerin Senna Gammour. rose

Frankfurter Modedesigner: „Sie haben die Ängste, die ich damals hatte“

Was sind wichtige Fragen?

Das kann alles sein. Bei der Abwicklung unserer Auslieferungen sind unsere Fans oft ungeduldig oder haben Detailfragen. Dann muss ich sie oft auch mal beruhigen oder aufklären. Sie melden sich sogar bei mir, wenn sie Liebeskummer haben. Manche schicken mir auch Bilder mit Motiven der Kollektion, die sie nachgezeichnet haben. Gerade bekam ich auch ein Bild, wo jemand ein Porträt von mir auf Leinwand mit Wasserfarben gemalt hat. Das ist Wahnsinn. Ich glaube viele meiner Follower können sich mit mir identifizieren: Jemand, der eine Ausbildung macht, der studiert, und der eben den Traum hat, sein Hobby zum Beruf zu machen. Sie haben die Ängste, die ich damals hatte. Bis heute bekomme ich immer noch jeden Tag Nachrichten: „Achraf, ich bin gerade in dem Moment, wo du warst vor drei Jahren. Deine Geschichte motiviert mich.“ Ich bin also – ohne dass ich es geplant hatte – zum Vorbild geworden.

Rapper:innen wie Shindy oder Loredana tragen Ihre Sachen. Alles fing mit Ihrem Kontakt zum Schweizer Rap-Produzenten OZ an. Wie lernten Sie ihn eigentlich kennen?

Ich habe ihn damals über Snapchat angeschrieben und ihm Sachen meiner ersten Kollektion geschickt. Und dann haben wir uns durchs gemeinsame Playstation- Zocken besser kennengelernt. Daraus hat sich eine sehr innige Freundschaft entwickelt. Wir haben zusammen Baseballcaps und Pullis rausgebracht. OZ hatte mir auch die Adresse von dem sehr erfolgreichen US-Produzenten DJ Khaled geschickt, der dann auch ein Instagram-Video mit meinen Sachen gepostet hat. Das war krass. Und als das Investorangebot kam, fragte ich OZ, weil er mich so sehr unterstützt hatte, als es noch nicht lief, ob er bei 6 PM mit einsteigen will. Er ist jetzt Gesellschafter.

Gerade ist Ihre Sommerkollektion raus. Da verkaufen Sie zum ersten Mal auch Bademode. Was kommt noch?

Es gibt ein paar krasse Projekte, über die kann ich noch nicht reden. Aber die Leute, die gedacht haben, dass jetzt schon der Peak erreicht ist, also der Ansturm auf die Pop-up-Stores, haben sich geirrt. Denn das war noch nichts.

Bleiben Sie denn in Frankfurt?

Ich will hier nicht weggehen: Ich gehe immer noch in dieselben Läden, hier sind meine vertrauten Gesichter, hier ist mein Zuhause.

Interview: Kathrin Rosendorff

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