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Frankfurter Messechef: „Wir werden die Krise überstehen“

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Von: Christoph Manus, Florian Leclerc

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Auf dem Frankfurter Messegelände ist seit etwa zwei Jahren nur sehr wenig los. Die Pandemie hat den Geschäftsbetrieb des Unternehmens massiv getroffen.
Auf dem Frankfurter Messegelände ist seit etwa zwei Jahren nur sehr wenig los. Die Pandemie hat den Geschäftsbetrieb des Unternehmens massiv getroffen. © peter-juelich.com

Der Chef der Messe Frankfurt, Wolfgang Marzin, spricht im FR-Interview über die Lage des Unternehmens in der Pandemie, den Wegzug von Modemessen nach Berlin und die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität.

Die Messe Frankfurt hat zwei schlechte Jahre hinter sich. Gerade gingen große Teile der Frankfurt Fashion Week verloren. Wie bedrohlich die wirtschaftliche Situation für die Messegesellschaft ist und wann das Geschäft wieder anziehen könnte, erklärt Wolfgang Marzin, der Vorsitzender der Geschäftsführung.

Herr Marzin, wie sehr bedroht die anhaltende Pandemie die Messe Frankfurt in ihrer Existenz?

Die Pandemie hat eine Entwicklung unterbrochen, in der es 15 Jahre lang stets nach oben ging für uns. Seitdem haben wir extreme Umsatzausfälle zu verkraften. Die Messe Frankfurt ist aber auf gar keinen Fall von der Insolvenz bedroht.

Die Messe Frankfurt hat zum zweiten Mal in Folge einen hohen Fehlbetrag erwirtschaftet, weiterhin fallen fast alle Messen aus, werden verschoben oder finden nur mit einem Rumpfprogramm statt. Wie lange kann die Messe das wirtschaftlich überleben?

Die Pandemie, also höhere Gewalt, hat dazu geführt, dass wir viel mehr Messen absagen mussten, als wir befürchtet hatten. Angesichts von Verboten, sich zu treffen, Einschränkungen des Luftverkehrs und der Abschottung einzelner Länder hatten wir keine andere Wahl. Im Dezember gingen wir noch davon aus, dass die Heimtextil und die Ambiente stattfinden können. Dann kam plötzlich Omikron. Und jetzt fehlen 100 bis 200 Millionen Euro Umsatz allein für das erste Quartal. Wir sind aber sehr zuversichtlich, dass sich unser Geschäftsbetrieb ab April wieder langsam normalisiert. Die Veranstaltungstechnikmesse Prolight + Sound ist gut gebucht. Für die Fleischwirtschaftsmesse IFFA rechnen wir sogar mit genauso vielen Ausstellern wie vor der Pandemie. Wir werden die Krise überstehen. Zumal die Gesellschafter hinter uns stehen.

Land und Stadt halten es offenbar für notwendig, der Messe mit einer Finanzspritze von 250 Millionen Euro zu helfen. Die Messe hat zudem in großem Umfang Kredite aufnehmen müssen.

Es stimmt, dass wir mit den Gesellschaftern über eine Eigenkapitalerhöhung sprechen. Wir haben zudem im Jahr 2020 ein Schuldscheindarlehen bei Banken aufnehmen müssen und 2021 ein Darlehen von den Gesellschaftern bekommen. Wir sind aber zuversichtlich, dass die Eigentümer in naher Zukunft wieder mit Ausschüttungen und Dividenden von unserem Geschäft profitieren werden. Es ist nur die Pandemie, die uns ausbremst. Unser Geschäftsmodell wird weiterhin erfolgreich sein.

Die Umsätze sind wegen Corona massiv eingebrochen, die Kosten der Messe Frankfurt laufen aber zu einem großen Teil weiter. Müsste der Bund die Messe in dieser Situation stärker unterstützen?

Wir haben durchaus Unterstützung bekommen, etwa für die Messen, die bereits 2020 ausgefallen sind. Wir können und wollen uns nicht beschweren. Der Bund tut alles, was er kann, um die Wirtschaft und die Infrastruktur zu stützen. Nun sollen etwa die Sonderregelungen zur Kurzarbeit bis Juni verlängert werden. Noch sind 20 bis 25 Prozent unserer Beschäftigten in Kurzarbeit. Wir hoffen aber, dass wir diese schon Ende März beenden können.

In welchem Umfang haben Sie in der Krise Personal abgebaut? Drohen betriebsbedingte Kündigungen?

Die können wir für Deutschland ausschließen. Das haben wir bereits 2020 im Gegenzug zu einem Gehaltsverzicht der Belegschaft auch in einer Betriebsvereinbarung festgehalten. Wir haben zwar auch hier in Frankfurt unseren Personalbestand um rund zehn Prozent reduziert. Das aber allein, indem wir Stellen, die durch Fluktuation frei wurden, nicht neu besetzt haben. Weitere größere Kürzungen werden wir vermeiden. Wir stehen schließlich in den Startlöchern für den Neubeginn.

Gerade gab es einen neuen Rückschlag: Die Modemessen der Premium Group, die die Messe für die Fashion Week aus Berlin abgeworben hatte, kehren schon wieder in die Hauptstadt zurück.

Das war eine überraschende Entscheidung. Dass man Frankfurt mehr als ein Jahr lang hoch gelobt hat und dann zurück nach Berlin zieht, will ich nicht groß kommentieren. Ein Riesenschlag ist das für uns nicht. Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viel mehr Messen gewonnen als verloren, zuletzt etwa die weltgrößte Fahrradmesse, die Eurobike.

Nach zwei Jahren Pandemie haben sich sehr viele Menschen an virtuelle Konferenzen gewöhnt. Zumal diese Zeit, Geld und Energie sparen. Das Geschäftsmodell der Messe lebt von persönlichen Treffen. Wird es überhaupt wieder Messen geben wie vor der Krise?

Die meisten Weltleitmessen, und davon haben wir viele, finden im Innovationszyklus der Branchen statt. Die Branchen arbeiten darauf hin, dort ihre Innovationen zu zeigen und sich mit dem kompletten Weltmarkt zu messen. Was im Internet überhaupt nicht funktioniert, ist die Konkurrenzbeobachtung. Die Sehnsucht ist groß, dass die meisten Messen wieder in alter Stärke zurückkommen, das hat auch unsere Umfrage gezeigt. Ergänzend zu der haptischen Begegnung werden wir aber auch digitale Besucherinnen und Besucher willkommen heißen.

Die von ihnen erwähnte Umfrage ergab, dass sich 70 Prozent der Kundinnen und Kunden analoge Messen wünschen, drei Prozent rein digitale Messen, der Rest hybride Messen. Heißt das, dass die analogen Messen künftig schrumpfen werden?

Wir sehen das so: Die absolute Mehrheit unserer Kundinnen und Kunden will Messen, also eine persönliche Begegnung. Rund ein Drittel wünscht zusätzlich digitale Angebote. Unsere Aufgabe muss es sein, die 97 Prozent gut zu bedienen und die drei Prozent wieder zurückzuholen.

Mit wie vielen Veranstaltungen und Messen rechnen Sie noch in diesem Jahr – in Frankfurt und weltweit?

In guten Jahren hat die Messe Frankfurt etwa 500 Veranstaltungen angeboten, als Messeveranstalter oder als Gastgeber für andere Veranstalter und zum Beispiel auch für Kongresse, Konzerte und anderes. Das erste Quartal 2022 müssen wir leider rein pandemiebedingt komplett abschreiben. Aber in diesem Jahr könnten es noch 300 bis 400 Veranstaltungen werden. Durch die Verschiebung von Veranstaltungen, etwa der Light + Building, werden wir den dichtesten Kalender haben, den wir je hatten.

Wie sieht die Situation im Ausland aus, etwa in China?

China spielt für die Messe Frankfurt eine Riesenrolle. Das Land verfolgt momentan eine Zero-Covid-Politik. Niemand kann sagen, wann die chinesische Regierung das Land wieder komplett öffnet. Allein dort haben wir 60 Messen. Wir unterliegen höherer Gewalt. In Russland hatten wir 2019 rund zwölf Millionen Euro Umsatz. Wir sind abhängig davon, dass es keine weltweiten Krisen gibt, die sich derzeit säbelrasselnd andeuten.

Die Messe Frankfurt macht immer mehr Umsatz außerhalb Deutschlands. Lohnt sich das Messegeschäft in Frankfurt überhaupt noch?

Der Umsatz verteilt sich momentan zu etwa 60 Prozent auf Deutschland und 40 Prozent auf das Ausland. Frankfurt ist die Homebase und soll es auch bleiben. Wir sind Wirtschaftsförderer für die Region, für Frankfurt, Hessen und ganz Deutschland. Wenn es nach uns geht, wird der Umsatzanteil in Frankfurt so hoch wie möglich bleiben.

Wann könnte die neue Normalität beginnen?

Wir hoffen darauf, dass die Beschränkungen Mitte März fallen und wir den Branchen vom zweiten Quartal an wieder voll dienen können. Ein Messegeschäft wie vor der Pandemie erwarten wir aber frühestens 2024/2025.

Interview: Florian Leclerc und Christoph Manus

Wolfgang Marzin sagt, nur die Pandemie bremse die Messe Frankfurt aus. Foto: Messe Frankfurt
Wolfgang Marzin sagt, nur die Pandemie bremse die Messe Frankfurt aus. © Messe Frankfurt

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