1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurter Merkwürdigkeiten: Zum Steinerweichen

Erstellt:

Von: Stefan Behr

Kommentare

Frankfurts Stadtgrenzen: Die Zugezogenen merken das vor allem an den RMV-Tarifen. Foto: Alex Grimm
Frankfurts Stadtgrenzen: Die Zugezogenen merken das vor allem an den RMV-Tarifen. Foto: Alex Grimm © Alex Grimm

Frankfurt steckt voller Kuriositäten: Der Frankfurter kennt Grenzen, aber er ignoriert die eigenen – aus guten historischen Gründen. Und natürlich geht es wieder mal um Offenbach...

Der Eigentümer eines Grundstücks kann von dem Eigentümer eines Nachbargrundstücks verlangen, dass dieser zur Errichtung fester Grenzzeichen und, wenn ein Grenzzeichen verrückt oder unkenntlich geworden ist, zur Wiederherstellung mitwirkt.“ Das sagt Paragraf 919 Absatz 1 des Bürgerlichen Gesetzbuchs. Generationen von Jurastudenten haben darüber gerätselt, wie es passieren kann, dass so ein Grenzstein verrückt wird. Dabei ist die Erklärung ganz einfach: Der arme Grenzstein kommt vermutlich aus Frankfurt.

Es gibt Menschen, die sagen, der Frankfurter kenne keine Grenzen. Das ist Unsinn. Der Frankfurter kennt sehr wohl Grenzen. Er kann sie nur nicht leiden. Dass Grenzen nichts als Trübsal bringen, hat ihn die Geschichte gelehrt. Man muss nur mal einen Blick in die Tiefen des Staatsarchivs Würzburg werfen, um zu ahnen, was früher in Frankfurt so alles los war. „Arretierung von drei Burschen aus Schwanheim zu Frankfurt wegen einer Schlägerei mit Frankfurter Bürgern auf strittigem Distrikt zwischen Niederrad und Schwanheim“, „Strittige Türkensteuerexemtion der im kurmainzischen Obererlenbach begüterten Frankfurter Untertanen zu Untererlenbach“, „Lerchenfang durch Frankfurter im kurmainzischen Griesheimer Feld; Arretierung des Griesheimer Gerichtsmanns Wilhelm Hescher zu Frankfurt wegen angeblichen Abschneidens eines Alleesetzlings; Ausplünderung des Frankfurter Gärtnermeisters Johann Ludwig Hunger durch Griesheimer Bauern“, lauten die Schlagzeilen. Derlei Grenzerfahrungen braucht niemand.

Aus einem einzigen Grund erkennt der Frankfurter die generelle Notwendigkeit von Grenzen an. Der Grund heißt Offenbach. Ohne Grenze könnte man die beiden Städte aus Versehen als eine betrachten. Das will niemand, weder hüben noch drüben. Auf diese eine Grenze legt der Frankfurter Wert. Und zwar so großen, dass er sie liebevoll „Landesgrenze“ nennt. Das hat teilweise historische (Freie Reichsstadt vs. Hessen/Nassau), größtenteils aber emotionale Gründe.

Die Serie

„Frankfurt steckt voller Merkwürdigkeiten“, hat Goethe einst gesagt. Merkwürdig ist auch, dass Frankfurt heute voller Goethe steckt. Aber ein paar Merkwürdigkeiten haben den Dichterfürsten überlebt. Andere sind gar neu dazugekommen.

Die FR stellt sie in loser Reihenfolge vor. Einige davon könnten Ihnen merkwürdig vorkommen. Aber genau das sollen Merkwürdigkeiten ja auch. skb

Innerhalb des Stadtgebiets aber hat Frankfurt ganz gezielt eine Wirrnis etabliert, an der man meschugge werden muss und die echte Nachbarschaftskonflikte ziemlich unmöglich macht. Nichts steht da, wo es eigentlich dem Namen nach hingehört. Dass der „Ginnheimer Spargel“ genannte Fernsehturm auf Bockenheimer Gemarkung steht, dürfte den meisten Eingeborenen bekannt sein. Dass dies aber auch für das Markus-Krankenhaus gilt, eher wenigen, weil jeder, der noch alle Tassen im Schrank hat, die Klinik zu Ginnheim zählt.

Aber auch die Bockenheimer schmücken sich gerne mit fremden Federn. Die „Bockenheimer Warte“, die sie ihr eigen wähnen, steht im Westend. Und war einst als Trutzburg der Frankfurter Landwehr errichtet worden, um außerstädtisches Gesindel (wie etwa Bockenheimer) davon abzuhalten, im schönen Frankfurt schindzuludern und brandzuschatzen.

Der Frankfurter Hauptbahnhof steht nicht, wie sich das gehören würde, im Bahnhofsviertel, sondern im Gallus. Das „Funkhaus am Dornbusch“ schickt vom schönen Nordend aus den Hessischen Rundfunk in den Äther. Die „Niederräder Bürostadt“ müsste von Rechts wegen „Schwanheimer Bürostadt“ heißen. Und die „Rennbahn Niederrad“ stünde in Sachsenhausen, gäbe es sie noch. Die Nordweststadt ist gar keine, sondern gehört in etwa gleichen Teilen Praunheim, Heddernheim und Niederursel. Wer das „Bürgerhaus Bornheim“ aufsuchen will, muss sich ins Ostend begeben.

Das alles ist natürlich bis weit über die Schmerzgrenze verwirrend. Einerseits. Andererseits: Seit der großen Grenzverwirrung ist kein Frankfurter Gärtnermeisters mehr durch Griesheimer Bauern belästigt worden. Auch die Schwanheimer Burschen haben sich abgeregt. Der Lerchenfang durch Frankfurter im kurmainzischen Griesheimer Feld regt keinen mehr auf, auch weil er weitgehend eingestellt wurde. Und die Türkensteuer wurde gar gänzlich abgeschafft.

Ein paar verrückt gewordene Grenzsteine sind ein kleiner Preis für den Frieden, den jeder Frankfurter vermutlich gerne zahlt.

Auch interessant

Kommentare