Annette Lehmann (59) ist Stadtbeauftragte bei den Maltesern Frankfurt.
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Annette Lehmann (59) ist Stadtbeauftragte bei den Maltesern Frankfurt.

Interview

Frankfurter Malteser finden keine Projektleiter mehr

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
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Zwei Verantwortliche der Malteser Frankfurt sprechen im Interview mit der FR über das veränderte Ehrenamtsbild, Glück und Schwierigkeiten bei der Nachwuchssuche.

Annette Lehmann (59) ist Stadtbeauftragte bei den Maltesern Frankfurt. Florian Dernbach (39) ist Stadtgeschäftsführer bei den Maltesern Frankfurt.  

Frau Lehmann, Herr Dernbach, wie ist es um das Ehrenamt in Frankfurt bestellt?
Florian Dernbach:Wenn man unseren Politikern so zuhört, stellen sie immer heraus, dass Frankfurt stolz auf sein großes Engagement sein kann. Das ist zwar so, aber die Studien sprechen nicht unbedingt dafür. Bei einer Studie der Stadt vor zwei Jahren kam heraus, dass 31,6 Prozent der Frankfurter engagiert sind. Im Bundesdurchschnitt sind es 43,6 Prozent der Menschen. Zwar sind die Zahlen aus zwei unterschiedlichen Studien, aber es spricht schon einiges dafür, dass in Frankfurt weniger Leute engagiert sind als im Bundesvergleich.

Wo liegen die Gründe dafür?
Annette Lehmann:Ich persönlich denke, dass wir durch die Finanzmetropole auch andere Arten von Jobs haben als andere Großstädte. Frankfurt ist eine internationale Stadt, deswegen gibt es viele Menschen, die nicht gut oder gar nicht Deutsch sprechen, weil sie es nicht brauchen, um hier zu arbeiten. Ein soziales Engagement ist natürlich dann besonders wertvoll, wenn sie einigermaßen gut Deutsch sprechen. Man muss als Ehrenamtlicher eben häufig mit Menschen sprechen.
Dernbach:Die Stadt wird auch immer jünger. Es gibt eine Korrelation zwischen Ehrenamt und Alter. Je älter die Bevölkerung, desto mehr Ehrenämter gibt es. Berufstätige im mittleren Alter sind am wenigsten ehrenamtlich tätig, und genau das haben wir in Frankfurt ja im besonderen Ausmaß. Gleichzeitig hatten wir aber noch nie so viele Ehrenamtliche bei den Maltesern Frankfurt.

Hat sich die Art, wie Menschen ihr Ehrenamt gestalten wollen, verändert?
Lehmann:Die hat sich sehr stark verändert, ja. Ich kenne noch von früher den Spruch „Einmal Malteser, immer Malteser“. Das war in meiner Jugend so gewesen. Auf dem Land ist das vielleicht noch immer in diesen Bahnen, aber in der Stadt gar nicht mehr. Da ist es so, dass die Menschen nur ein Zeitfenster haben, das sie vorgeben. Der Ehrenamtliche definiert, was er möchte. Sowohl in Hinblick auf die Zielgruppe als auch auf die investierte Zeit und wann er diese Zeit schenken möchte. Und am liebsten nicht mehr das ganze Jahr über, sondern nur punktuell. Das ist das neue Ehrenamtsbild.
Dernbach:Früher war es einfach, Menschen zu gewinnen, die Gemeinschaft gesucht haben und vielleicht Freunde finden wollten. Manche von ihnen treffen sich heute noch einmal wöchentlich und freuen sich, sich zu sehen. Das suchen die Leute in Frankfurt, die zu uns kommen, fast gar nicht mehr. Die Menschen wollen heute einfach helfen und nicht mal unbedingt Malteser sein. Die spezielle Organisation ist meist zweitrangig.

Muss sich das Ehrenamt vielleicht selbst verändern, um sich anzupassen?
Lehmann:Die Menschen, die wir betreuen, brauchen Kontinuität und Nachhaltigkeit. Gerade das ist für Berufstätige aber schwer einzuhalten. Meiner Meinung nach kann sich unser Besuchs- und Begleitungsdienst gegen die Einsamkeit von alten Menschen in Frankfurt nicht verändern. Es braucht die Brücke zwischen Menschen. Das ist oftmals wie ein Familienleben, und das muss man regelmäßig machen.
Dernbach:Auch in der Integrationsarbeit ist Kontinuität wichtig. Dort werden Flüchtlinge über einen langen Zeitraum begleitet. Auch im Hospiz- und Sanitätsdienst braucht es Regelmäßigkeit, auch weil es im Vorfeld eine lange Ausbildung und Schulung gibt, in die man viel investiert. In vielen unserer anderen 15 Dienste kann man aber punktuell helfen. Ich denke da an den Social Day oder an die Ausflugsdienste, wo man auch an einem Samstag mal helfen kann.

Sie haben vor wenigen Wochen Alarm geschlagen und darauf hingewiesen, dass die Malteser besonders bei den Führungspositionen Besetzungsprobleme haben. Was ist dort los?
Lehmann:Die meisten unserer Dienste werden von Ehrenamtlichen geführt. Sie sind in der Projektleitung und machen das operative Geschäft, also die Koordination und Abstimmung der Ehrenamtlichen und der Menschen, denen wir helfen wollen. Dazu brauchen wir verantwortungsvolle Ehrenamtliche, die bereit sind, zwischen acht und zehn Stunden in der Woche zu arbeiten. Hier braucht es wieder Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit. Das ist dann schon wirklich eine Verpflichtung. Bislang hatte das immer gut geklappt. Aber seit den letzten zwei bis drei Jahren wird es dünner mit dieser Art Engagement. Wir brauchen diese Menschen aber dringend.
Dernbach:Wir suchen an diesen Stellen Leute, die Lust haben, etwas zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen. Also eigentlich Organisationstalente, denen es Spaß macht, etwas zu organisieren. Wir wundern uns, dass wir sie nicht mehr erreichen. Wir haben viel gemacht in den letzten zwei Jahren, aber mit den klassischen Maßnahmen, die sonst immer gezogen haben, und den neuen Maßnahmen noch dazu gelingt es im Moment nicht.

Was für Auswirkungen könnte das haben?
Dernbach:Wir machen uns wirklich gerade Gedanken, ob wir den einen oder anderen Dienst schließen müssen. Solche Gedanken haben wir uns noch nie machen müssen.
Lehmann:Das Verrückte, was das Ganze so schwierig macht, ist, dass wir gar keine Projektleiter verlieren. Die sind treu. Aber die Dienste und die Nachfrage wachsen. Ich nehme da mal das Beispiel Jugend. Wir haben drei Dienste in Schulen, von denen zwei nur einen Projektleiter haben. Aber immer mehr Schulen fragen nach und wollen das auch gerne haben. Wenn wir aber keine Unterstützung finden, können wir nicht wachsen und müssen den Schulen absagen. Wir müssen also wirklich überlegen, ob wir einen der Dienste pausieren lassen, damit wir die vorhandenen Projektleiter nicht überstrapazieren.

Klingt, als würde dadurch etwas verloren gehen.
Lehmann:Ja. Bleiben wir beim Schulsanitätsdienst. Die jungen Menschen bekommen eine extra Ausbildung und übernehmen dann den medizinischen Notdienst an den Schulen. Die Jugendlichen übernehmen Verantwortung, werden zusätzlich qualifiziert, nehmen das Wissen mit und tragen es in ihre Familien und in die Stadt und werden hilfsbedürftigen Menschen anders gegenübertreten.
Dernbach:Bei diesen ehrenamtlichen Diensten ist es so, dass man wirklich einen Unterschied für die Stadt macht. Es gibt keine Konkurrenzsituation, sondern wenn wir es nicht machen, würde es niemand machen. Diese Dienste kann es nur mit den Führungspositionen geben. Die Menschen dort machen dann einen echten, echten Unterschied.

Was haben Sie versucht, um Führungskräfte zu finden?
Dernbach:Ich habe mich im vergangenen Jahr in die Motive von Ehrenamtlichen und dazugehörige Studien eingearbeitet. Es ist völlig unstrittig, dass Ehrenamt glücklich macht. Man hat Begegnungen, hat sogar mehr Energie, und man kann sich weiterentwickeln. Dagegen steht dann oftmals der Zeitmangel und die Verpflichtung. Aber wir glauben, dass es Leute da draußen gibt, die die Zeit haben. Und ich habe noch nie jemanden erlebt, der gesagt hat: „Ich bin die Verpflichtung eingegangen und bereue es.“ Wir werfen da auch niemanden ins kalte Wasser und helfen natürlich, wenn man erst mal schnuppern möchte.
Lehmann:Zu dem Thema Glück hatten wir dann Podiumsdiskussionen. Wir sind in den sozialen Medien aktiv und machen Infoabende. Aber wir haben eben kein riesiges Marketingbudget.

Erreichen Sie die Leute einfach nicht?
Lehmann:Ich denke, dass sich bei den Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, ein langer Prozess abspielt. Man entscheidet das nicht beim Frühstück. Man muss dabei immer mal wieder angekickert werden, bis man dann sagt, man macht es. Bis zur Entscheidung braucht es viele, viele Male der Ansprache. Mir ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass man ganz langsam reingeführt wird und das Tempo selbst bestimmt. Man sollte zunächst die ersten Schritte machen und sagt dann irgendwann vielleicht, dass man die Leitung übernehmen möchte. Anfangs muss man ganz in Ruhe schauen, in welchem Dienst man sich am wohlsten fühlen würde. Man muss Spaß am Ehrenamt haben.

Denken Sie, dass sich dieser Trend bei den Führungspositionen noch umkehren wird?
Lehmann:Wir werden alles, was in unseren Möglichkeiten steht, tun, damit es besser wird. Mit unseren Ideen und Vorschlägen anderer kreativer Menschen.
Dernbach:Wenn das wirklich ein Trend ist, den wir da entdecken, der sich nicht umkehren kann, muss man als Gesellschaft, Stadt, Land oder Bund gucken, wie man Ehrenamt erhalten kann, wenn es sich verändert. Möglicherweise muss man Steuergeld einsetzen, um hauptamtliche Organisatoren bei großen ehrenamtlichen Angeboten zu haben. Auch wenn das Ehrenamt dann teurer wird, ist es immer noch effektiv, bevor man es ganz verliert. Aber wir geben nicht auf, Führungskräfte zu suchen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Interview: Steven Micksch

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