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Das große grüne Auto (hinten) pumpt das Wasser aus dem Main, der kleinere gelbe Tank ist dann unterwegs zu den Bäumen.

Trockenheit

Mainwasser gegen das Baumsterben

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Frankfurt baut sein Brauchwassersystem aus und zapft ab sofort mehr aus dem Fluss, weniger aus der Leitung.

Freitagvormittag am Mainufer: Wrumm, startet der Benzinmotor unter der Friedensbrücke. Schlürf, saugt der Schlauch das Wasser aus dem Fluss. Der Lärm ist für einen guten Zweck: Junge Bäume in Frankfurt sollen weniger als bisher mit Trinkwasser und viel mehr mit Brauch- und Mainwasser gegossen werden.

„Wir wollen nicht resignieren, sondern was tun“, sagt Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) beim Ortstermin. Wegen der Trockenheit mussten von den gut 200 000 Bäumen im öffentlichen Stadtgebiet voriges Jahr 4282 gefällt werden, doppelt so viele wie früher. Für dieses Jahr rechnet das Grünflächenamt mit einer ähnlichen Zahl. Man muss kein Mathe-Ass sein, um auszurechnen, wann der letzte Frankfurter Baum dahinscheidet, wenn sich nichts ändert. Bleiben die Sommer so wie seit 2018, dürfte sich der Prozess sogar beschleunigen.

Also: Bäume wässern. Aber mit Trinkwasser? Im Vogelsberg seien sie schon sauer auf Frankfurt, weil wir hier an die Bäume kippen, was dort droben an kostbarem Nass entspringt, sagt Heilig. Und auf der anderen Seite: „Es ist ein echtes Trauerspiel, dass sich so viele Baumarten langsam, aber sicher verabschieden.“

Wasserverbrauch

48 Millionen Kubikmeter Trinkwasser verbraucht die Stadt Frankfurt nach Angaben des Grünflächenamts im Jahr (hier: Zahl von 2018). Davon entfielen auf die Jungbaumbewässerung: 22 500 Kubikmeter; auf Beregnungsanlagen: 31 200; auf die Bewässerung von Friedhöfen: 110 000. Mit insgesamt 163 700 Kubikmetern habe die Pflanzenbewässerung somit einen Anteil von 0,35 Prozent am Gesamtverbrauch der Stadt. ill

Ffffrrrrr, trudelt der Motor an der Wasserpumpe unter der Friedensbrücke aus. Die Männer holen den Schlauch ein und fahren einige Meter weiter. Da steht ein Auto mit einem 3000-Liter-Tank, halb so groß wie der Mainsauger.

Die Lösung ist naheliegend, sie fließt durch die Stadt: Das Mainwasser, an die richtigen Stellen gekarrt, hilft den jungen Bäumen und fehlt niemandem. Dafür schafft die Stadt jetzt die Voraussetzungen. Bernd Roser von der Grünflächenunterhaltung erklärt, dass gerade einige Brauchwasserstellen im Stadtgebiet reaktiviert werden – und zusätzlich hat das Grünflächenamt beim Regierungspräsidium die Erlaubnis eingeholt, den Main unter der Brücke anzuzapfen. Das darf nicht jeder einfach machen, auch nicht an der Nidda oder am Bach, das muss seine Ordnung haben.

„Unsere Zukunft wollen wir erhalten und wässern“, sagt Roser einen schönen Satz. Dafür mussten die technischen Voraussetzungen geschaffen werden. Seit 2016 habe die Stadt 620 000 Euro in die mobile Bewässerungstechnik investiert, berichtet Bernd Willikonsky, Leiter der Abteilung Betrieb im Grünflächenamt. Unter anderem in zwei 6000-Liter-Fässer und die Pumpe, die Mainwasser acht Meter nach oben holt. Die Fässer stehen dann strategisch günstig in der Stadt, so dass die kleineren Fahrzeuge dort Wasser tanken und zu den 10 000 jungen Bäumen fahren können.

Gluck, das Wasser fließt jetzt vom großen aufs kleinere Auto. 800 000 Liter im Jahr sollen aus dem Main zu den Bäumen kommen. Roser erwartet, dass auf diese Art langfristig zwei Drittel des Trinkwassers zum Gießen durch Flusswasser zu ersetzen sind.

Zisch, der letzte Schritt, das Wässern einer Esskastanie am Main – 2015 vom Verein der Sozialdemokratinnen aus der Türkei gespendet – ist der leiseste. Die Benzinpumpe am großen Fass lasse sich einst sicher durch eine elektrische Lösung ersetzen, heißt es. „Das ist noch lange nicht das Ende der Entwicklung“, sagt Bernd Roser. Wenn Bäume hören können, schöpfen sie vielleicht gerade ein wenig Hoffnung.

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