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Frankfurt

Frankfurter Kinder und Jugendliche sitzen in Afghanistan fest

Nach Heimatbesuch können sie nicht mehr ausreisen und sind möglicherweise in Gefahr

Es ist eine Vorstellung, bei der viele eine Gänsehaut überläuft: Mindestens 14 Schülerinnen und Schüler aus Frankfurt sitzen seit Wochen mit ihren Familien in Afghanistan fest. Als sie dort in den Sommerferien Verwandte und Freunde besuchten, wurden sie von der Machtübernahme durch die Taliban überrascht, die ihnen den Rückweg abschnitten – obwohl die Rückflüge bereits gebucht waren. Lehrkräfte und Elternbeiräte berichten von verzweifelten Hilferufen per E-Mail, Telefon oder über soziale Netzwerke. Doch viel mehr als die Namen und Daten der Betroffenen zu sammeln und ans Auswärtige Amt weiterzuleiten, konnten sie bisher nicht tun.

„Wir wissen von 14 Schülerinnen und Schülern aus Frankfurter Schulen, die in Afghanistan sind und momentan nicht zurückkönnen“, sagt Stefanie Then, Zweite Vorsitzende des afghanischen Frauenvereins ZAN in Frankfurt. „Und ich bin mir sicher, dass das nicht alle sind.“ Der Verein, der nicht nur in Frankfurt, sondern auch in Afghanistan gut vernetzt ist, unterstützt normalerweise Frauen, die aus dem Land am Hindukusch stammen und in der Rhein-Main-Region leben. Seit Mitte August aber steht das Telefon des Vereins nicht mehr still. Verzweifelte Menschen rufen an, in panischer Angst um Angehörige in Afghanistan. Außerdem seien Hunderte von E-Mails eingetroffen, erzählt Stefanie Then. Ein Ansturm, der die Vereinsmitglieder an den Rand der Erschöpfung bringe. „Bei uns steht kein Stein mehr auf dem anderen“, seufzt sie.

Schon Mitte August hatten die beiden Frankfurter Stadtverordneten Omar Shehata (SPD) und Emre Telyakar (Grüne) eine E-Mail-Adresse eingerichtet, um Namen und Daten von gefährdeten Menschen in dem asiatischen Land zu sammeln, wobei sie mit ZAN-Aktiven zusammenarbeiten. Diese Listen werden dann direkt an einen Ansprechpartner im Auswärtigen Amt übermittelt. Inzwischen habe der Verein das Sammeln und Weiterleiten der Daten weitgehend übernommen, berichtet Stefanie Then. Wie es weitergeht? Unklar. „Wir können im Moment nur zugucken, können Listen fertig machen und hoffen, dass sich die Tore irgendwann öffnen“, sagt Then resigniert.

Welche Frankfurter Kinder, welche Familien in Afghanistan ausharren müssen und auf Ausreise hoffen, darüber will öffentlich niemand Genaueres sagen. Zu groß ist die Angst, damit möglicherweise den Betroffenen zu schaden, die sich aus Angst vor den Taliban bei Freunden und Verwandten verstecken. Schließlich verfolgten die neuen Machthaber auch Veröffentlichungen ausländischer Medien genau, sagt Omar Shehata. Er weiß von Kindern und Jugendlichen aus mehreren Frankfurter Schulen, die mit ihren Familien im Sommer nach Afghanistan gereist waren und dort von der Machtübernahme der Taliban überrascht wurden: aus der Michael-Ende-Schule in Rödelheim, der Otto-Hahn-Schule in Nieder-Eschbach, den Ernst-Reuter-Schulen in der Nordweststadt, der Julius-Leber-Schule in der Innenstadt, der Hostatoschule in Höchst.

Unter ihnen ist auch eine siebenköpfige Frankfurter Familie – ein Elternpaar mit fünf Kindern -, die momentan bei Verwandten in Kabul Unterschlupf gefunden hat. Zwar haben die drei jüngeren Kinder die deutsche Staatsangehörigkeit. An eine Ausreise sei aber kaum zu denken, sagt Andrea Herschbach, stellvertretende Vorsitzende des Stadtelternbeirats. Die Familie sei so verängstigt, dass sie sich kaum vor die Tür wage, geschweige denn an eine Landesgrenze. Dabei habe sie die Rückflüge nach Deutschland längst gebucht gehabt. Doch in dem Chaos der vergangenen Wochen sei der Weg zum Flughafen versperrt gewesen. Herschbach kennt eine Lehrerin, die mit den Betreffenden regelmäßig in Kontakt steht. Und sie weiß, dass die Anteilnahme groß ist. „Die Lehrer und Mitschüler nimmt das Schicksal der Familie total mit“, sagt sie.

Ähnlich sieht es an der Michael-Ende-Schule in Rödelheim aus. Gleich fünf Schüler:innen kamen nach den Sommerferien nicht in ihre Klassen zurück, weil sie und ihre Familien in Afghanistan festsitzen. Darauf machten kürzlich der Rödelheimer Kinderbeauftragte Rolf Rieckmann und Amelie Fauser von der Jugendhilfe an der Michael-Ende-Schule bei der Sitzung des Ortsbeirats 7 (Hausen, Industriehof, Praunheim, Rödelheim, Westhausen) aufmerksam. Es habe dringende Hilferufe an Klassenlehrer gegeben, sagte Rieckmann.

„Wir machen uns große Sorgen“, bestätigt Thomas Ludwig, der ebenfalls in der Jugendhilfe der Michael-Ende-Schule tätig ist. Bei den Vermissten handle es sich um zwei Grundschulkinder und drei Jugendliche aus dem Haupt- und Realschulbereich, vier von ihnen hätten die deutsche Staatsbürgerschaft. Ludwig sagt: „Wir müssen davon ausgehen, dass es noch viele andere Kinder und Jugendlichen aus anderen Frankfurter Schulen und Kindertagesstätten betrifft.“

Rieckmanns und Ludwigs Forderung: „Wir brauchen eine Stabsstelle, die das in die Hand nimmt und die Schulen und Kindertagesstätten aktiv anspricht – um in Erfahrung zu bringen, um wie viele Kinder es sich eigentlich handelt.“ Wichtig sei auch, dass man sich um die Vernetzung der betroffenen Einrichtungen kümmere. „Bis jetzt wurstelt jeder vor sich allein hin, das kostet viel Zeit und ist kein guter Zustand“, kritisiert der Jugendhelfer. Stattdessen müsse man gemeinsam Druck machen. Schließlich, so betonen Ludwig und Rieckmann, „geht es hier um Kinderschutz“.

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