Martina Schaffner hat am Mittwoch vor ihrer Praxis ein Zelt aufgeschlagen, damit Wartende nicht frieren müssen.
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Martina Schaffner hat am Mittwoch vor ihrer Praxis ein Zelt aufgeschlagen, damit Wartende nicht frieren müssen.

Coronavirus

Arztbesuche in Corona-Zeiten: Wut und Frust bei den Patienten

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Die Frankfurter Hausärztin Martina Schaffner hat ein Zelt für den Winter aufgestellt. Im Interview berichtet sie von überteuerten Corona-Schutzmasken und von Frust und Wut bei den Patienten.

  • Die Coronafälle in Hessen und in Frankfurt nehmen wieder deutlich zu.
  • Hausärztin Martina Schaffner berichtet aus ihrem Alltag.
  • Der Corona-Winter wartet mit neuen Herausforderungen.

Die Sommerentspannung ist vorbei, die Infektionszahlen steigen wieder. Das sieht Martina Schaffner täglich in ihrer Praxis. Ihre Eindrücke und Probleme schildert die Hausärztin uns künftig wieder regelmäßig in einer Kolumne. Wir freuen und darauf und steigen ein mit einem Interview.

Frau Schaffner, sind Sie gerüstet für den Corona-Herbst?

Wir sind darauf eingestellt. In den letzten sechs Wochen haben wir tatsächlich ganz normal arbeiten können. Wir haben Vorsorgeuntersuchungen machen können und unsere chronisch kranken Patienten endlich wieder gesehen. Das hat richtig Freude gemacht. Jetzt hat es uns seit zehn Tagen wieder mit voller Breitseite getroffen. Wir sind mitten in dem Geschehen, das wir leider schon aus dem Frühjahr kennen.

Was bedeutet das für Sie?

Wir versuchen noch vorsichtiger zu arbeiten. Ich mache einen zweiten Versuch mit einem Zelt vor der Praxis. Diesmal ein professionelles Modell mit Stahlkonstruktion, das der Wind nicht gleich davonträgt. Ich werde versuchen, darin einen Heizstrahler anzubringen, damit die Patienten im Winter beim Warten wenigstens etwas Wärme abbekommen. Die Patienten warten ja jetzt noch bei Wind und Wetter geduldig und mit Abstand vor der Tür.

Mehr Corona-Fälle in Hessen: Schutzmaterial ist schwer zu beschaffen

Jetzt gibt es ja wenigstens wieder die Möglichkeit, Patienten mit Erkältungssymptomen krankzuschreiben, ohne sie zu sehen.

Wir gehen schon immer sehr umsichtig mit Krankmeldungen um. Für mich ist es unverständlich warum man das überhaupt wieder abgeschafft hat. Was mir bei dem Thema sehr am Herzen liegt ist das Fieberthermometer. Jeder Dritte, den wir fragen, wie hoch seine Temperatur ist sagt, er habe nicht gemessen oder habe kein Thermometer. Wenn ein symptomatischer Patient ohne diese Information zu uns kommt, dann schicken wir ihn gnadenlos erstmal wieder nach Hause zum Fiebermessen. In Zeiten von Corona ist das ist eine der wichtigen Informationen für uns.

Gibt es genug Schutzmaterial? Man hört, dass die Handschuhe knapp werden.

Das haben wir auch schon bemerkt. Unser Vorrat reicht noch etwa vier Wochen. Wir haben weniger verbraucht, weil wir in der Sommerzeit Urlaub hatten und die Corona-Fälle zurückgegangen sind. Aber das Nachbestellen ist nicht so einfach. Die Internetseite der KV (Kassenärztliche Vereinigung, d. Red.) gibt es zwar noch, aber man kann dort nur noch sehr wenige Schutzmaterialien bestellen. Handschuhe und einfache OP-Masken gibt es gar nicht mehr. Wir müssen wieder schauen, wo das benötigte Material herkommt.

Also wieder die Baumärkte nach Masken abklappern?

Davor graust es mir. Vor allem sind die Preise explodiert. Ganz normale OP-Masken kosteten früher 2,50 Euro plus Mehrwertsteuer. Jetzt zahle ich knapp zehn Euro. Das ist der Wahnsinn.

Frankfurt: Die zahlreichen Corona-Tests sorgen für Engpässe

Wie ist die Lage beim Testen?

Das Problem ist, dass die Testcenter teilweise wieder abgeschafft wurden. Die anderen sind überlaufen. Wenn Sie sich bei der 116 117 durch den Fragenautomaten gequält haben und endlich einen Menschen sprechen können, werden Sie meistens vertröstet. Wir testen unsere symptomatischen Patienten selber und in Urlaubsvertretung natürlich auch die Patienten anderer Ärzte. Das klappt meistens gut. Aber auch bei unserem Labor gibt es zunehmend Engpässe oder Verzögerungen wegen der Masse der Abstriche.

Zur Person

Martina Schaffner ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie. Ihre Praxis befindet sich in Frankfurt-Griesheim. Im Frühjahr hatte sie in einem Brandbrief die mangelnde Unterstützung der Niedergelassenen in Zeiten der Corona-Pandemie beklagt. Daraus wurde eine wöchentliche Kolumne in der Frankfurter Rundschau. Die setzen wir nun fort.

Wie trennen Sie die Verdachtsfälle von anderen Patienten?

Die meisten melden sich vorher telefonisch, sodass wir zeitlich terminieren. Meine Medizinischen Fachangestellten am Telefon haben einen Katalog mit Fragen zu den Symptomen, bei denen ein Abstrich sinnvoll ist. Wir können derzeit nicht riskieren, dass ein Corona-Positiver auf Gesunde trifft. Deshalb ist es wichtig, bei Verdacht zu testen, bevor sie die Praxis betreten. Das machen wir jeden Tag zu bestimmten Zeiten in einem gewissen zeitlichen Abstand. Die meisten bitten wir, im Auto zu warten, und ich komme dann an unser Fenster. Sie steigen auf eine kleine Stufe und ich streiche sie von da aus ab. Unser zukünftiges Zelt könnte zudem ein Warte- oder Untersuchungsbereich werden.

Frankfurter Ärztin Schaffner: Corona-Test auf eigene Kosten

Was ist mit der Testung von Ihnen und Ihren Mitarbeitern?

Das ist bislang mein Privatvergnügen. Ich habe mein Personal und mich inzwischen zweimal auf eigene Kosten getestet. Wir testen uns fast immer symptomatisch, um weiterarbeiten zu können. Das war ein Problem, als ich Symptome hatte. Wir haben vorsichtshalber die komplette Sprechstunde abgesagt oder per Video abgehalten, bis das negative Ergebnis vorlag. Jetzt gibt es zwar angeblich die Möglichkeit der Kostenübernahme durch die KV, aber erst Mitte November werden die Modalitäten für die Abrechnung geklärt.

Was halten Sie von den Schnelltests?

Im Moment sind sie noch nicht zur Abrechnung über die KV zugelassen, das soll aber kommen. Ob sie eine Alternative sind, hängt davon ab, wie genau ihre Aussagekraft ist. Damit werde ich mich jetzt als nächstes beschäftigen.

Virus-Pandemie in Hessen: Ständig neue Corona-Regeln

Wie ist die Stimmung unter den Patienten?

Fast alle Patienten haben Verständnis für die von uns getroffenen Vorkehrungen. Es herrscht aber auch große Unsicherheit. Etwa, was sie beachten müssen, wenn sie aus einem Risikogebiet wie Frankfurt kommen. Die Patienten fragen dann uns. Aber oft können auch wir keine Antworten liefern. Es ändert sich ja ständig etwas, quasi täglich. Das Zusammensuchen von neuen Corona-Regeln ist sehr arbeitsaufwendig und führt auch bei den Patienten zu großer Unzufriedenheit.

Aber es gibt keine Angst vor einem weiteren Lockdown?

Nein, das höre ich im Moment nicht. Eher Frustration, dass wir schon wieder so weit sind und das wir diese massiven Einschnitte in unserem Leben aushalten müssen. Zunehmend gibt es auch Wut auf jene, die die Maske nicht oder nicht richtig tragen. Was ist so schwierig, die Maske über Mund und Nase zu ziehen? Das ist kein Kinnschutz.

Frau Schaffner, im Frühjahr haben Sie uns regelmäßig Einblick in Ihren Praxisalltag gewährt. Wären Sie bereit, uns jetzt wieder regelmäßig eine Kolumne zu schreiben?

Ja, herzlich gerne.

Das Interview führte Jutta Rippegather.

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