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Evelyn Toomitsu stellt Handschuhe her - in allen erdenklichen Formen und Farben. peter jülich
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Evelyn Toomitsu stellt Handschuhe her - in allen erdenklichen Formen und Farben. peter jülich

Modeserie

Frankfurter Handschuhdesignerin: „Als Künstlerin hat man keine Grenzen“

  • Helen Schindler
    VonHelen Schindler
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Die Designerin Evelyn Toomistu fertigt maßgeschneiderte Handschuhe in ihrem Atelier in Frankfurt. Doch die gebürtige Estin tobt sich auch in anderen Sphären kreativ aus.

Wenn Evelyn Toomistu ihr Outfit pimpen möchte, näht sie sich schnell selbst das passende Accessoire. Zum Teil, weil sie es kann. Aber auch, weil ihr gewöhnliche Dinge oft einfach zu langweilig sind. Die 38-Jährige hat sich auf ein Nischenprodukt spezialisiert: Sie designt Handschuhe – und zwar in allen erdenklichen Formen und Farben.

Aufgewachsen ist Toomistu im Estland der späten 80er Jahre, damals Teil der Sowjetunion. „Da gab es nicht viel, meine Mutter hat alles selbst genäht“, erzählt sie. „So habe ich gelernt, dass es normal ist, alles selbst zu machen.“ Schon als Kind habe sie Kunst gemacht und sich für Mode interessiert.

In ihrer Heimat studiert sie Lederdesign und Kunstpädagogik, anschließend kommt sie über ein Stipendium nach Deutschland. Für ihre Abschlussarbeit stellt sie eine Handschuhkollektion her – und bleibt dabei. „Damals gab es bei Handschuhen nicht viel Auswahl, alle waren schwarz oder braun und hatten den gleichen Schnitt. Das fand ich super langweilig“, erklärt sie ihr Interesse. Sie selbst trage täglich Handschuhe, auch, weil sie fast immer kalte Hände habe und selbstverständlich als Ergänzung zu ihrem Outfit.

In ihrem Atelier im sechsten Stock des Atelierfrankfurt im Ostend zeigt die Designerin, was alles möglich ist. Zwar hängen an der Wand auch klassische schwarze Lederhandschuhe – bei Männern nach wie vor das beliebteste Modell. Aber so richtig blüht Toomistu auf, wenn sie über ihre ausgefallenen Kreationen spricht. Da gibt es Fäustlinge, bei denen neben dem Daumen auch der Zeigefinger einen Extraplatz hat, „für mehr Bewegungsfreiheit“, oder Modelle, die nur die Handfläche bedecken. Es gibt Handschuhe, die lediglich einen Finger umschließen oder das „Rock-n-Roll-Modell“, bei dem Mittel- und Ringfinger frei bleiben, sodass dort große Ringe getragen werden können. Kürzlich hat die Designerin ein Handschuhpaar mit einem beheizbarem System entwickelt. „Ich experimentiere mit den Schnitten, ich will etwas Ungewöhnliches machen“, sagt Toomistu.

Weiter hinten im Raum steht eine Nähmaschine, lagern Leder und Stoff, an der Wand hängen Schnittmuster und Nähutensilien. In ihrem kleinen Reich tobt sich die Handschuhdesignerin seit 2015 aus. Bis vor zwei Jahren hat Toomistu Kollektionen hergestellt und sie in ihrem Onlineshop und auf Messen verkauft.

Heute schneidert sie nur noch Maßanfertigungen – damit jedes Modell perfekt passt, sagt sie. Jedes Handschuhpaar ist ein Unikat und wird individuell an die Maße der Hände und die Vorstellungen der Kund:innen angepasst. Ihre Fingerkleidung ist in erster Linie als Accessoire gedacht, das gerne mal provokativ ist und Aufmerksamkeit gewinnen will. Doch Toomistu möchte auch Menschen mit orthopädischen Besonderheiten ansprechen. „Wer Probleme mit den Händen hat, wenn beispielsweise Finger fehlen, der findet im Einzelhandel keine passenden Handschuhe“, sagt die 38-Jährige. Auch für solche Fälle bietet sie ästhetische Lösungen an.

Bei den Materialien setzt die Designerin auf Leder, aber auch da kann es ausgefallen werden: Hühnerfußleder verwendet sie ebenso wie Peccary-Leder aus dem Amazonas oder Lachsleder. Gefüttert werden die Handschuhe mit Wolle, Kaschmir oder auch mal mit neuseeländischem Opossumfell. Alle Stücke näht Toomistu mit der Hand, für ein Paar braucht sie fünfeinhalb Stunden. Im Schnitt kostet das um die 290 Euro.

Auch Taschen, Portemonnaies, Gürtel und Armbänder aus Leder gehören zu ihrem Portfolio. „Aber mein Herzensthema waren schon immer Handschuhe“, sagt sie. Auch ihre Masterarbeit hat sie ihnen gewidmet und sie als Buch auf Estnisch und Englisch veröffentlicht. Darin erzählt sie die Geschichte der Handschuhe und liefert Schritt-für-Schritt-Anleitungen zum Nähen inklusive Schnittmuster. Das Buch ist ausverkauft, aber wer sich für Anleitungen zum Herstellen von Handschuhen interessiert, wird auch auf Toomistus Youtube-Kanal fündig.

In Zukunft will die Mutter einer zwölfjährigen Tochter ihren Fokus mehr auf Lehre und Weiterbildung legen. Die Designerin ist als Kunstlehrerin an einer Privatschule in Dieburg und als Dozentin für Lederhandschuhmacherei und Kunstgeschichte unter anderem an der Hochschule Pforzheim tätig und gibt Einzelkurse. „Ich will mein Wissen weitergeben“, sagt sie. Außerdem entwickelt Toomistu Produkte und designt Handschuhe für Firmen und arbeitet immer mal wieder als Model.

Während das vergangene Jahr für viele schwierig war, sagt Toomistu: „Für mich war 2020 das beste Jahr seit Ewigkeiten. Ich war so kreativ und produktiv.“ Sie habe versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Daraus sind gleich mehrere kreative Projekte entstanden: So hat sie ihre erste eigene Kunstausstellung, in der sie sich verschiedenen Interpretationen von Kunstepochen und Künstler:innen widmet, und sich fragt: Wie würden Mondrian, Picasso oder Warhol einen Handschuh darstellen? Entstanden sind zahlreiche Bilder und Skulpturen, die in einer Ausstellung in der Presence Kulturlounge im Frankfurter Ostend zu sehen waren.

Doch damit nicht genug: Als Toomistu Liebeskummer hatte, packte sie auch die musikalische Muse. „Ich habe angefangen, Lieder rauszuträllern“, sagt sie. „Melodien und Texte kamen mir einfach in den Kopf.“ Also ging es ab ins Tonstudio, entstanden sind vier Lovesongs, die Toomistu auf Youtube veröffentlicht hat. „Als Künstlerin hat man keine Grenzen. Es ist egal, welches Material man in die Hand nimmt: Man macht etwas daraus.“ Es gehe ihr nicht darum, möglichst viele Likes zu bekommen oder allen zu gefallen, sagt sie. „Es ist meine eigene Expression, mein eigener Kummer, meine eigene Emotion, die einfach rauswollen.“

Die Zeit der Entschleunigung hat Evelyn Toomistu genutzt, um sich zu fragen: „Was will ich eigentlich machen, wo will ich sein?“ Mittelfristig wünsche sie sich, aus Frankfurt rauszuziehen, ländlich zu leben und eine eigene Scheune zu haben, in der sie Kunst in jeglicher Form machen könne.

www.evelyntoomistu.com

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