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Ein Ausstellungsobjekt

Hintergrund

Gewalt und Gegenwehr

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Die erste Ausstellung zum Häuserkampf zwischen 1970 und 1974 thematisiert auch die Gewalt auf beiden Seiten und die Rolle der Boulevardblätter.

Es ist eine Erfahrung, wie sie verblüffender kaum sein kann. Eben noch ging der Besucher auf das Studierendenhaus auf dem alten Uni-Campus in Frankfurt zu, das friedlich in der Abendsonne lag. Nur wenige Minuten später kann er im zweiten Stockwerk in einem alten Schwarz-Weiß-Film von Alexander Kluge erleben, wie Polizisten junge Leute mit einem Wasserwerfer jagen, in der gleichen Szenerie. Und dann die Verblüffung der behelmten Beamten, als ihnen aus dem Studierendenhaus doch tatsächlich ein Wasserstrahl entgegenschießt, die Verfolgten also auf gleiche Weise antworten. Es ist eine kleine Studie von Gewalt und Gegenwehr.

Wie auch die gesamte Ausstellung „Dieses Haus ist besetzt“ über den Häuserkampf von 1970 bis 1974 natürlich um die Frage kreist, welche Antwort legitim ist, wenn strukturelle Gewalt die Lebensbedingungen bedroht. Die SPD-geführte Stadtregierung und der damalige SPD-Planungsdezernent Hans Kampfmeyer hatten das Wohnviertel Westend in den 70er Jahren zum Erweiterungsgebiet für die City erklärt. Mit zahlreichen Sondergenehmigungen der Stadt gingen Spekulanten daran, alte Villen und andere Wohnhäuser abzureißen und durch Bürobauten zu ersetzen. Plakate, Bücher, Fotografien und Broschüren dokumentieren die gesellschaftliche Auseinandersetzung, die daraufhin entbrannte.

Eine Foto aus vergangenen Tagen.

Anderthalb Jahre Vorbereitungszeit hatten Michaela Filla-Raquin, Rolf Engelke und Norbert Saßmannshausen vom Frankfurter Archiv der Revolte eigentlich eingeplant, um die Ausstellung rechtzeitig zum 50. Jubiläum des Häuserkampfs im September eröffnen zu können. „Doch Corona hat uns schwer zurückgeworfen“, sagt Engelke.

Am Ende musste alles ganz schnell gehen, um den Termin noch einzuhalten. Viele Zeitzeugen stellten dem Team Material aus ihrem persönlichen Fundus zur Verfügung. Viele Fotos stammen aus dem früheren Archiv der Frankfurter Rundschau, aus dem die langjährige FR-Redakteurin Claudia Michels 22 000 Positive für das Institut für Stadtgeschichte retten konnte. Ein wichtiger Chronist des Häuserkampfs war FR-Fotograf Horst Winkler, aber auch Bilder von Inge Werth sind zu sehen, die schon die 68er-Revolte in Paris dokumentiert hatte. „Durch die FR-Fotografien ist mir deutlich geworden, wie breit der Protest damals war, wie viele Frauen, Kinder, Familien, aber auch Lehrlinge dabei waren“, sagt die Kunsthistorikerin Filla-Raquin.

Fotos zeigen Brutalität

Die Ausstellung zeigt aber auch, wie die Medien die Protestbewegung begleiteten und wie die Boulevardblätter Stimmung machten. „Eine Stadt im Bürgerkrieg“ titelte die „Bild“-Zeitung am 22. Februar 1974, und die „Abendpost“-Nachtausgabe erschien mit der Schlagzeile „Linksradikale terrorisieren Bevölkerung“. Tatsächlich zeigen die Fotos die Brutalität der Auseinandersetzung. Einige Häuserkämpfer antworteten auf Schlagstöcke und Wasserwerfer der Polizei mit Steinwürfen. Immer wieder im Getümmel war die sogenannte Putztruppe der Frankfurter Spontis mit dem späteren Bundesaußenminister Joschka Fischer.

Zu sehen ist auch, wie der Häuserkampf 1974 in die Auseinandersetzung um die Fahrpreiserhöhungen beim Frankfurter Verkehrsverbund (FVV) übergeht. Der war am 26. Mai 1974 gegründet worden – unmittelbare Folge war ein kräftiger Anstieg der Beförderungstarife. Dagegen machten mehrere linke Gruppen mobil. Sie versuchten, an zentralen Orten die Gleise der Straßenbahnen zu blockieren. Etwa auf der Zeil, die damals noch befahren wurde. Die Polizei räumte mit großer Härte und trieb die Menschen unter Einsatz von Tränengas bis in die Kaufhäuser zurück.

Das Kuratorenteam betont, dass „Dieses Haus ist besetzt“ die erste Ausstellung zum Thema Häuserkampf sei. Nach den Worten von Rolf Engelke steht ein Buch über diese Protestbewegung als nächstes Projekt „im Raum“. Auch das Frankfurter Archiv der Revolte, das sich mit der systematischen Aufarbeitung der Protestgeschichte beschäftigt, wurde erst im Mai 2019 gegründet. Der gemeinnützige Verein ist heute im Gebäude Mertonstraße 30 im alten Universitätsviertel untergebracht.

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